Perfidia

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: A. Knopf, 2014, Titel: 'Perfidia', Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2015, Seiten: 960, Übersetzt: Stephen Tree

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Andreas Kurth
Killer, Krieger und korrupte Bullen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2015

Einen Tag vor dem Überraschungsangriff der Japaner auf die amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor wird in Los Angeles eine japanisch-stämmige Familie ermordet. Nach der Attacke auf Hawai werden entlang der amerikanischen Westküste alle Bürger japanischer Herkunft systematisch interniert, teilweise äußerst brutal, ohne Rücksicht auf Einzelschicksale. Um ein politisches Gegengewicht zu schaffen, und die Lage insgesamt nicht weiter eskalieren zu lassen, wird der Aufklärung des Mordes an den vier Mitgliedern der japanischen Familie, beim Los Angeles Police Department eine durchaus hohe Priorität gegeben. Sergeant Dudley Smith soll den Mörder schnell finden, aber ihm wird klar zu verstehen gegeben, dass es kein Weißer sein darf. Dieser Auftrag stellt für den ziemlich skrupellosen Cop keineswegs ein moralisches Problem dar. Schwierigkeiten bereitet ihm nur Captain William Parker, der seinerseits einen Ermittlungserfolg anstrebt, um seine bekannten Ambitionen auf den Posten des Polizeichefs in der Stadt zu untermauern. Bei den Nachforschungen, in die in unterschiedlicher Weise auch noch der japanisch-stämmige Polizei-Chemiker Hideo Ashida und die junge Kay Lake involviert werden, entwickelt sich daher eine Art Zweikampf, der auf dem Weg zur Lösung des Falles so einige Opfer fordert.

Eine viele Hundert Seiten starke Geschichte Amerikas

Zwei mehr oder weniger skrupellose Polizisten, ein in Amerika geborener Japaner der zweiten Einwanderer-Generation und eine ziemlich orientierungslose junge Frau - die miteinander verwobenen Schicksale dieser vier Menschen stehen im Mittelpunkt von James Ellroys neuem Roman Perfidia. Das Buch ist nach eigener Aussage des Autors der Start zu einem zweiten "L.A-Quartett". Die erste Reihe - Die schwarze Dahlie, Blutschatten, L.A. Confidential und White Jazz - hat James Ellroy über die USA hinaus bekannt gemacht. Darin deckt er den Zeitraum zwischen 1947 und 1958 ab. In der anschließenden Trilogie mit dem Titel "Underworld USA" hat er sich in drei weiteren Romanen dem Zeitraum bis zum Anfang der 70er Jahre gewidmet. Nun greift Ellroy weit zurück in die Vergangenheit, um – beginnend im Dezember 1941 – den Zeitraum bis 1947 zu "bearbeiten". Wenn das neue "L.A.-Quartett" fertig sein wird, soll eine viele Hundert Seiten starke Geschichte Amerikas vorliegen, die zwischen 1941 und 1971 eine ganz andere Seite dieses Landes schildert.

Ein verwirrend großes Personaltableau

Darin geht es um Gier und Grausamkeit, um Liebe und Hass, um Orientierungslosigkeit und Geltungssucht, um Ruhm und Elend, um schillernde Persönlichkeiten und um ganz normale Amerikaner. Patriotismus, Internationalität, Glamour, landsmannschaftliche Inseln im Meer des Vielvölkerstaates – und um die menschlichen Tragödien, die sich in diesem Schmelztiegel ereignen. Wer schon andere Romane von James Ellroy gelesen hat, wird hier viele bekannte Figuren in ihren jüngeren Jahren wieder treffen – der Neu-Leser wird im Personenverzeichnis auf das zeitlich spätere erneute Auftreten hingewiesen. Neben Smith, Lake und Parker hat Ellroy auch die Cops Scotty Bennett und Lee Blanchard, den Reporter Sid Hudgens, den FBI-Agenten Ward Littell, den chinesischen Paten Ace Kwan und den Zuhälter Pierce Patchett aufmarschieren lassen. Das verwirrend große Personaltableau wird von real existierende Berühmtheiten ergänzt, Hollywood-Stars wie Gloria Swanson, Bette Davis und Gary Cooper, Immigranten wie Bert Brecht und Sergej Rachmaninow – und vielen weiteren bekannten Bürgern Amerikas. Für Erstleser von James Ellroy – und dazu gehöre ich auch – gibt es keine Wiedersehen, sondern zunächst ein immens große Zahl von Akteuren, die man im Laufe der Lektüre sortieren und einordnen muss. Das Personenverzeichnis am Ende des 950 Seiten starken Monumentalwerks hilft dabei ungemein.

Ein ganz neuer Blick auf Amerika

Es fällt anfangs allerdings durchaus schwer, die Brutalität von Polizisten, und auch ihre Skrupellosigkeit und kriminelle Energie zu akzeptieren. Es ist keinesfalls unglaubwürdig, was Ellroy hier über seine Protagonisten schreibt – aber schon ziemlich "harter Tobak". Davon ausgehend, dass der Autor nach entsprechenden Recherchen ein realistisches Bild zeichnen möchte, bietet sich hier ein Blick auf Amerika und die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, wie er dem einen oder anderen Leser dann doch recht neu sein dürfte. Captain William H. Parker – von Kollegen und Freunden wegen seiner Vorliebe für Bourbon nur "Whiskey-Bill" genannt - hat eine stark religiöse Ader, und er bevorzugt rothaarige Frauen. Parker pendelt zwischen seiner Machtgier und ausgeprägten Schuldgefühlen, und er ist in der Lage, Menschen zu manipulieren und für seine Ziele auszunutzen. Das gilt allerdings auch für Sergeant Dudley Smith. Die Aufforderung seiner zeitweisen Geliebten Bette Davis, für sie einen "Japsen" umzubringen, nimmt der eingewanderte Ire wörtlich. Es ist nicht der einzige Mord, den der gewissenlose Polizist begeht. Aber in den Tagen und Wochen nach dem Überfall der Japaner ist in Los Angeles scheinbar alles möglich.

Hideo Ashida ist in den USA geboren, und wegen seiner herausragenden Fähigkeiten als Polizeichemiker bleibt der Mann mit den zwei Doktortiteln zunächst von der Internierung verschont. Seine Homosexualität kann er nicht gegenüber allen Menschen verbergen, auch wenn er krampfhaft darum bemüht ist. Ashida bringt einiges an krimineller Energie auf, um der Lösung der Falls näher zu kommen, und sich gleichzeitig bei allen beliebt zu machen, von denen er sich Schutz und Hilfe verspricht. Kay Lake ist dagegen eine überaus schillernde Persönlichkeit. Sie schwankt orientierungslos durch ihr Leben und die merkwürdige Zeit des Kriegsbeginns für die USA. Sie lebt mit Blanchard unter einem Dach, ist dennoch sexuell ungebunden, und lässt sich von Parker und anderen benutzen – unter anderem als Spitzel in einer vermeintlich "roten Zelle". Die vier Hauptprotagonisten decken ein mehr als breites Spektrum an Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen ab – und sorgen dadurch schon für reichlich Spannung im Hinblick auf den Fortgang der Ereignisse.

Loyalität können sich nur arme Schlucker leisten

Bildlich gesprochen fügt James Ellroy in diesem Buch ein übergroßes Puzzle zusammen – mit vielen kleinen Teilchen, die sich immer mehr zum Bild des Ganzen fügen. Perfidia ist kein Buch, um es so nebenbei zu lesen. Auf die Lektüre muss – oder sollte - man sich mit Haut und Haaren einlassen. Der Autor zeichnet das Bild einer Stadt, die gewissermaßen unter einer Käseglocke der Korruption liegt. Niemand versucht wirklich etwas an diesem Zustand zu ändern. Zu stark sind die persönlichen Interessen ausgeprägt, zu stark ist aber auch die Welle des Nationalismus und der Fremdenfeindlichkeit, die nach dem Überfall auf Pearl Harbor durch die Gesellschaft schwappt. Politiker und Polizisten, Kleriker und Bandenchefs, Drogendealer und Immobilienhaie - alle sind gleichermaßen an einem Anteil am sprudelnden Geld aus den verschiedenen Quellen interessiert. Allianzen halten so lange, wie es den eigenen Interessen entspricht. Loyalität können sich nur arme Schlucker leisten, alle anderen werden durch Gier und Geilheit gesteuert. James Ellroy gibt dem Leser dabei ein enormes Tempo vor, und nach den 950 Seiten ist man erschöpft wie lange nicht nach der Lektüre eine Buches. Aber man ist auch begeistert, wenn man sich von diesem Stakkato hat tragen lassen. Und man freut sich schon jetzt auf die Fortsetzung dieses großes Epos – jedenfalls ist es mir so ergangen.

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Letzte Kommentare:
16.11.2019 17:41:01
Friedrich S. Hain

Die "Underworld USA"-Trilogie ließ mich schwer zweifeln, aber "Perfidia" beweist, dass es Ellroy noch kann. Ich habe mir das Buch für den Jahresurlaub aufgehoben, was sich als sinnvoll erwies. Man muss dranbleiben, um den Überblick zu behalten. Das Tempo ist hoch, die Figuren sind zahlreich, die Handlung dicht.
So will ich Ellroy. Willkommen zurück!

01.03.2017 14:13:52
Dudster

Ich habe schon einige von Ellroys Romanen gelesen und war immer stark gefangen in der Geschichte. Vor Perfidia hatte ich jedoch großen Respekt, allein schon wegen des Umfangs. Nun aber habe ich die Zeit gefunden und wurde nicht enttäuscht. Der Erzählstil von Ellroy liegt mir einfach. Tolles Buch, aber nicht für jeden.

14.09.2015 16:08:24
manni

Bei "Blut will fliessen" habe ich schon gestreikt, jetzt bin ich bei "Perfidia" tatsächlich überfordert und in meinem Umfeld geben alle in der Mitte des Romans spätestens frustriert auf, ich ebenso. Auch ich habe alle Ellroys verschlungen, aber solch abgehackten Sätze, Halbsätze oder machmal besteht ein Satz nur aus drei Wörtern, nein Danke. Das Thema ist spannend, aber ich komme nicht in den Lesefluß, es ist nur anstrengend. Oder will sich Ellroy nur lustig über seine treuen Fans machen, ist der Mann zum alten Zyniker mutiert? Ich kann nur anraten in der Buchhandlung die ersten 10 Seiten zu lesen, es geht so abgehackt weiter, eine Zumutung, Schade. 0°

13.08.2015 22:24:18
Guido Merten

Ich habe alle Romane von James Ellroy gelesen. Ich finde Perfidia ist der am besten gelungene Roman seit Die schwarze Dahlie von ihm. Hervorragendes Buch. Nebenbei allerdings nicht lesbar, da stimme ich zu. Ganz großartiger Lesestoff. Die Hauptfiguren sind perfekt entwickelt, die Richtungswechsel unvorhersehbar und die Geschichte und das Thema Internierung hervorragend und sensibel dargestellt.