Der falsche Preuße

Erschienen: August 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 352 Seiten

Couch-Wertung:

75°
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Andreas Kurth
Wenn der Bierbeschauer nicht nur das Bier beschaut, wird’s gefährlich

Buch-Rezension von Andreas Kurth Sep 2020

Es ist ein durchaus ungewöhnlicher Kriminalroman, den Uta Seeburg hier vorgelegt hat - mit einem bemerkenswerten Protagonisten: Wilhelm von Gryszinski ist preußischer Reserve-Offizier, steht aber als Kriminalist in Diensten des Königreichs Bayern. Das ist eine höchst seltsame Konstellation, nicht nur im Jahre 1894. Der preußische Reserve-Hauptmann ist durch die Empfehlung eines Mentors nach München gerufen worden, um dort eine kriminalistische Abteilung im Gendarmeriekorps aufzubauen.

Er wartet nun sehnsüchtig auf einen Mordfall, den er aufklären kann, und ist deshalb hocherfreut, als in den Maximiliansanlagen am Ostufer der Isar eine übel zugerichtete Männer-Leiche gefunden wird. Seit er bei Hans Groß in Graz hospitiert hat, sieht sich Gryszinski als Pionier der modernen Kriminalistik. Seine Mitarbeiter müssen deshalb den Tatort zunächst in Ruhe lassen und dann systematisch die Spurenlage abarbeiten. Der Tote ist in einen ungewöhnlichen Mantel gekleidet, der aus Ortolan-Federn - und wenigen Spatzen-Federn - gefertigt wurde. Das ist nur eines von vielen liebevoll in das Buch und die Geschichte eingefügten außergewöhnlichen Details.

Den Mantel hat am Abend des Mordes Betti Lemcke getragen, die Ehefrau des Industriellen Eduard Lemcke. Gryzinski sucht das Ehepaar in seiner exzentrisch gestalteten Villa auf und merkt schnell, dass es schwierige und komplizierte Ermittlungen werden.

Lemcke ist eine mehr als schillernde Persönlichkeit; er stammt ursprünglich auch aus Preußen und hat eine bemerkenswerte Vita.

“Gryszinski!”, rief er und entfaltete das Messgerät mit einem Schwung hinter seinem Rücken. “Ich hatte ja keine Ahnung, welch Speerspitze der Moderne die bayerische Polizei in ihren Kellern versteckt!”

“Ja”, antwortete der Angesprochene etwas steif, “Dr. Meyering vollbringt hier wirklich erstaunliche Pioniertaten. Vielen Dank, dass Sie es einrichten konnten…”

“Ein wenig vor der Zeit, ich weiß”, fiel Lemke ihm ins Wort und lächelte ihn wieder in dieser herzlichen, aufmerksamen Weise an. “Ich war vorher bei Dallmayr zum luncheon verabredet. Ein paar Austern, ein wenig Wachtelpastete auf Brioche und ein schöner elsässischer Weißwein, alles sehr nett, aber schneller vorbei als gedacht. Da bin ich im Anschluss einfach direkt hergekommen. Zum Glück, so konnte ich einige dieser Erfindungen hier bewundern.”

Dr. Meyering lächelte geschmeichelt, während Gryszinski seine ganze Willenskraft darauf konzentrierte, jeden verräterischen Laut seines hungrigen Bauches zu unterdrücken.

Lemcke spielt mit dem Kriminalisten offenbar Katz und Maus. Aber Gryzinski muss noch weitere Spuren verfolgen, die ihn in das Haus des ermordeten Bierbeschauers Valentin Sperber führen, der offensichtlich ein Frauenheld war und zahlreiche Kontakte zur Weiblichkeit pflegte.

Uta Seeburg stellt ihren großzügig bemessenen Kapiteln jeweils ein Zitat aus dem “Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw., 1. Auflage 1893” von Hans Groß voran. Bei ihm hat Wilhelm von Gryzinski in dieser Geschichte in Graz hospitiert, und Groß hat den Preußen schließlich auch nach München empfohlen. Die Autorin schildert in ihrem Roman akribisch die Anfänge der modernen Kriminalistik mit Spurensicherung am Tatort, Obduktion, Fingerabdrücken und vielem mehr. Im Unterschied zu actionreichen Kriminalromanen, die in der Gegenwart spielen, wird hier eine spannende Geschichte in ganz eigenem Duktus erzählt.

Das Mordopfer ist ein Bierbeschauer - das ist schon mal recht speziell -, der Hauptverdächtige ein exzentrischer Unternehmer mit einer Villa, die angesichts der technischen Spinnereien ihresgleichen suchen dürfte. Und dann der Ermittler selbst, den der Leser als sympathischen, aber auch überaus konsequenten Menschen kennenlernt.

Es bleibt für den Leser lange unklar, in welche Richtung sich die Ermittlungen denn nun entwickeln werden. Die Spannung ist zuweilen eher unterdurchschnittlich, aber die Handlung insgesamt ist unterhaltsam. Als sich Lemcke und von Gryzinski schließlich zu einem Duell im Morgengrauen gegenüberstehen, zieht der Spannungsbogen allerdings nochmal richtig an.

Fazit

Uta Seeburg zeigt mit ihrem Roman Der falsche Preuße, dass sie eine gute Geschichtenerzählerin ist. Das Buch entwickelt von Beginn an einen großen Sog, weil die Autorin es versteht, den Leser in das München des Jahres 1894 mitzunehmen - gesehen durch die Augen eines preußischen Offiziers und Kriminalisten. Und die Schilderung der kriminalistischen Bemühungen ihres Protagonisten fesselt den Leser ungemein. Zuweilen verliert sich Seeburg zwar auch in ihrer schwärmerischen Schilderung der Location, was man anhand der Karte auf der Umschlaginnenseite perfekt verfolgen kann, aber sie findet dann immer wieder zum Kriminalfall zurück. Insgesamt ein spannender und lesenswerter Krimi, der zwar nicht vor lauter Action pulsiert, den Leser aber gut zu unterhalten vermag.

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