Der Todesspieler

  • Blanvalet
  • Erschienen: Oktober 2020
  • 4

- Thomas Haufschild (Übersetzung)

- OT: The Never Game

- Bd. 1

- HC, 512 Seiten

 

Der Todesspieler
Der Todesspieler
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Michael Drewniok
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2020

Ein Spurenleser im digitalen Wunderland

Colter Shaw ist ein Mann, der seine Rastlosigkeit lukrativ einzusetzen weiß. Man kann ihn anheuern, wenn Personen vermisst werden, um die sich die Polizei nicht kümmert, weil die für eine Fahndung erforderlichen Bedingungen (noch) nicht erfüllt sind. In der Regel reist Shaw mit seinem Wohnmobil an den Ort des Geschehens, wo er - mit bestehenden (= ermittlungslästigen) Gesetzen bei Bedarf geschickt jonglierend - seine Suche meist erfolgreich abschließt.

Aktuell ist Shaw im Großraum San Francisco unterwegs, wo er privat ermittelt: Vor 15 Jahren kam sein Vater auf verdächtige Weise ums Leben. Ashton Shaw, ein Wissenschaftler und Dozent, verbrachte seine späten Jahre als Zivilisationsflüchtling, der seine drei Kinder einem scharfen Überlebenstraining unterzog. Shaw fragt sich seit vielen Jahren, ob die Flucht seines Vaters mit der Familie in die Wildnis auf psychische Probleme zurückging oder eine reale Basis besaß.

Dann übernimmt Shaw den Fall einer Studentin, die von ihrem Vater vermisst wird. Er kann die junge Frau retten. Die Umstände sind bizarr, denn sie wurde entführt und in eine Kulisse verschleppt, die einem Videospiel entnommen wurde. Hier sollte sie einen Fluchtweg finden, während der Täter sie verfolgte.

Während diese Rettung gelingt, bleibt Shaw - inzwischen als ‚Berater‘ der Polizistin Standish im Ermittlungsboot - in einem zweiten Fall erfolglos. Immerhin kann er das Game identifizieren, das dem Täter als ‚Vorlage‘ dient. Die Nähe zum Silicon Valley, wo eine Legion begabter (oder gestörter) Experten tätig ist, erschwert die Fahndung für den diesbezüglich unerfahrenen Shaw. Außerdem hasst die Videospiel-Industrie neugierige Schnüffler, was die Suche zusätzlich gefährlich werden lässt …

Aller Anfang ist - Routine

Jeffery Deaver ist schon als dauerhaft erfolgreicher Autor rasanter Thriller, die durch Mehrfach-Wendungen die Leser angenehm irritieren, ein Phänomen. Darüber hinaus beeindruckt er durch ein Publikationstempo, dem die inhaltliche Qualität der entstandenen Werke überdurchschnittlich oft entspricht. Dies ermöglicht eine Routine, die jedem Handwerker gut zu Gesicht stünde. Deaver weiß, wie man eine nicht unbedingt originelle Idee in ein vielhundertseitiges Buch verwandelt, das zwar nie in literarische Gefilde vorstoßen wird, aber zu unterhalten weiß - ein Job, den der Autor seit erstaunlich vielen Jahren zuverlässig erledigt.

Als Profi weiß Deaver, dass man mehrere Eisen im Feuer haben sollte: Weiterhin erfolgreich läuft seine Serie um das Ermittlerpaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs (seit 1997), aber Deaver hat schon mehrere Reihen aufgrund ausbleibenden Publikumszuspruchs eingestellt, weshalb er regelmäßig neue Versuchsballons starten lässt. Der ‚Waldläufer‘/Fahnder Colter Shaw gibt mit Der Todesspieler hierzulande seinen Einstand, während in den USA längst Band 2 erschienen und Band 3 mit festem Erscheinungsdatum angekündigt ist: Deaver schmiedet das weiter oben erwähnte Eisen, so lange es heiß ist.

So ein Start ist riskant, denn jedes Mal muss eine Leserschaft neu interessiert werden. Deaver hat inzwischen als Autor jenen Status erreicht, der ihn, den Verfasser, über den Buchtitel bzw. den Inhalt stellt: Man darf sich bei ihm darauf verlassen, dass er aus jedem Stoff etwas Spannendes formt. Mit Der Todesspieler bestätigt er dies trotz des (deutschen) Allerwelttitels (Das US-Original stellt freilich ebenfalls kein Ausbund an Wortwitz dar).

Das Deaver-Rezept - ein Allheilmittel

Colter Shaw ist eine Figur, die latente Exotik mit bewährten Profilmarkern mischt. Genau so schafft man eine Serie, die möglichst lang laufen soll. Die Zentralfigur muss interessant sein, wobei private Mysterien eine zusätzliche Bank darstellen. Shaws merkwürdige Familie, die von einem am Rande des Wahnsinns nicht nur schwebenden Vater für einen Kampf geschult wurde, dessen möglicher Sinn ihr verschlossen blieb, sorgt für einen Plot, der unabhängig von der eigentlichen Handlung abläuft und in mehrere Folgebände ‚überlappen‘ wird, bis sich das Mirakel endlich spektakulär auflöst.

So weit sind wir noch nicht. In Der Todesspieler streut Deaver diesbezüglich vor allem Brotkrumen, während Shaw hauptsächlich mit dem Fall eines übergeschnappten, aber selbstverständlich genialen Spielers beschäftigt ist, der die digitale Welt in der Realität aufleben lässt - so scheint es jedenfalls, womit man als Leser Deaver planmäßig einmal mehr auf den Leim geht, denn dieser begnügt sich in seinen Thrillern nie mit nur einer überraschenden Volte. Auch dieses Mal gibt es mehrfach Momente, in denen der Verfasser seinen Lesern kunstvoll-tückisch untergeschobene Wahrheiten quasi um die Ohren haut, indem er das Geschehen einer unerwarteten Neuinterpretation unterzieht und in eine neue Richtung schickt.

Dieser Weg ist tückisch, und Deaver ist hier in früheren Romanen mehrfach ins Stolpern geraten. Als Autor hat er darauf zu achten, dass seine Leser wirklich überzeugt sind, statt sich durch einen faulen Trick verraten zu fühlen. In Der Todesspieler klappt es; wer und was wirklich hinter den kruden Übeltätern steckt, fügt sich letztlich zu einem plausiblen Bild.

Das Colter-Shaw-System - überall einsatzbereit

Colter Shaw fahndet zwar nach vermissten Personen, ist aber kein Kopfgeldjäger, sondern ein - wenn auch stacheliger - Sympathieträger, der seinen Job als solchen liebt (und deshalb auch Ratenzahlung akzeptiert). Gerade Serien-Ermittler sind meist Ritter, die sich in einer ansonsten gesetzlich und vor allem moralisch aus den Fugen geratenen Welt auf ‚alte Werte‘ berufen. Natürlich ist die Polizei kein Freund von Colter Shaw; in der Kriminalliteratur ist die Dienstroutine der Konventionsfreiheit des Privatermittlers unterlegen, was für Kompetenzkonflikte sorgt, die Deaver ebenfalls thematisiert.

Shaw ist gerade im Silicon Valley eine Art Außerirdischer. Er hält sich ohnehin abseits, die Erzeugnisse der digitalen Wunderwelt nutzt er praxisbezogen. Dass er deshalb viele Fragen stellt, nutzt Deaver als Gelegenheit, ebenfalls nur bedingt mit der modernen Informationstechnik vertraute Leser zu informieren. Er doziert nicht, sondern lässt Infos über die Handlung einfließen.

Als „rastloser Mann“ - so charakterisiert ihn Deaver mehrfach (im US-Original wird er klangvoll als „itinerant reward-seeker“ bezeichnet) - ist Shaw in seinem Wohnmobil der ideale Serien-Ermittler: Er kann überall in den USA auftauchen, was seinem Verfasser jederzeit neue Schauplätze eröffnet, weshalb er in Band 2 der Serie (The Goodbye Man) im Staat Washington aktiv wird. Zwar gehört Der Todesspieler nicht zu den Bestwerken Deavers, doch man ist einmal mehr gebannt genug, um neugierig auf die ‚Fortsetzung‘ zu warten!

Fazit

Der Auftakt einer neuen Serie ist ein ‚echter‘ Jeffery Deaver: die Handlung also durchweg spannend und solide konzipiert, während von inhaltlicher Tiefe eher nicht die Rede sein kann oder müsste, denn der routinierte Autor schafft es auch dieses Mal zu unterhalten - nicht bestens, sondern zuverlässig, was beinahe genauso gut ist!

Der Todesspieler

Jeffery Deaver, Blanvalet

Der Todesspieler

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