Der Rächer

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

Wolfgang Thon (Übersetzung)

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Thomas Gisbertz
Etwas zähe Fortsetzung der Truman-Devlin-Reihe

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jul 2021

Phillip Longman, ehemaliger oberster Richter in London, wird brutal misshandelt und verstümmelt in seinem Schlafzimmer aufgefunden. Am entsetzlichsten wirkt jedoch die Art und Weise, wie er gestorben ist. Longman wurde regelrecht an die Wand gekreuzigt. Mit Bleichmitteln hat der Täter jegliche Spuren beseitigt. Kurz darauf findet man in einer Küstenstadt in der Nähe von Norwich den nächsten Gekreuzigten. Das Opfer, Adam Blunt, arbeitete als Anwalt ebenfalls jahrelang am Old Bailey, dem zentralen Strafgerichtshof in London. Was genau verbindet die beiden Opfer? Detective Chief Inspector Joelle Levy von Scotland Yard steht vor einer Vielzahl von Verdächtigen. Gleichzeitig beginnt die ambitionierte Reporterin Sarah Truman zu ermitteln und stellt mit Entsetzen fest, dass die Spur direkt zu ihrem Verlobten, dem Staranwalt Michael Devlin, führt. Liegt der Schlüssel zur Lösung des Falls in dessen Vergangenheit?

Zahlreiche Mordfälle

Das Hauptuntersuchungsteam der Mordkommission von Scotland Yard, das MIT One, hat viel zu tun. Während man versucht, die brutalen Morde an Richter Longman und Anwalt Blunt aufzuklären, wird auch noch Leon Ferris, führender Unterweltboss in der englischen Hauptstadt, samt seiner engsten Handlanger in dessen Büro regelrecht abgestochen. Ferris, der unter anderem wegen Anstiftung zum Mord, Drogenhandel und Schutzgeldforderungen acht Jahre im Gefängnis gesessen hatte, war gerade erst entlassen worden. Hat Ed Burrell, die Nummer Zwei in der Londoner Unterwelt, etwas mit der Ermordung zu tun?

Auch Michael Devlin kann sich nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Vor Gericht vertritt er den jungen Kriminellen Michael Kash, der zusammen mit einem Freund wegen Doppelmordes angeklagt ist. Der Staranwalt zweifelt aber an dessen Schuld und versucht mit allen Mitteln, den Angeklagten vor einem Schuldspruch zu bewahren. Unwissend begibt er sich dadurch aber in große Gefahr.

Zweiter Band der Truman-Devlin-Reihe

Autor Tony Kent wuchs in London als Teil einer irischen Familie auf, studierte später Jura in Schottland und arbeitet heute als hochrangiger Strafverteidiger in London, unter anderem auch am Old Bailey. Vor seiner juristischen Karriere war Kent als Schwergewichtsboxer aktiv und gewann eine Reihe nationaler Amateurtitel.

Tony Kents erster Roman, 3-2-1 - Im Kreis der Verschwörer, war in Großbritannien sehr erfolgreich und wurde hierzulande 2019 vom Heyne Verlag veröffentlicht. Mit Der Rächer erscheint nun der zweite Band um die Korrespondentin Sarah Truman und den Strafverteidiger Michael Devlin. Der dritte Roman der Serie, Power Play (2020, bislang nur in der englischen Ausgabe erhältlich), ist wiederum ein hochaktueller Thriller über Terrorismus, Korruption und Macht.

Aktuell arbeitet der britische Regisseurs Duncan Jones an einer Fernsehadaption der Romane.

Literarisch lässt sich Tony Kent nach eigener Aussage besonders von Autoren wie Lee Child, Robert Ludlum, John Grisham, David Baldacci und Frederick Forsyth inspirieren.

Tempoarme Handlung

Der erste Band der Reihe, 3-2-1 im Kreis der Verschwörer, war ein packender Agententhriller mit einem hohem Erzähltempo und einer überzeugenden Figurendarstellung. Der Debütroman wies einen enormen Erzählfluss auf und lieferte Spannung von der ersten bis zur letzten Seite. Leider gilt dies alles nur bedingt für den zweiten Band der Reihe. Zwar tauchen die bekannten Figuren wieder auf, aber alles wirkt über weite Strecken lediglich wie eine uninspirierte Fortsetzung. Die Gründe hierfür lassen sich leicht benennen.

Während Michael Devlin im ersten Teil der Reihe noch ein zentrales Element der Handlung war, als er sich seiner irischen Vergangenheit stellen musste und gemeinsam mit der damaligen CNN-Journalistin Sarah Truman und dem Agenten Joe Dempsey jagt auf den Mörder machte, verkommt er hier fast zur Nebenfigur. Zwar ist er immer noch der verbindende Teil der Geschichte, allerdings verbringt er diesmal zu viel Zeit im Gerichtssaal. Immer dann, wenn Devlin selber Teil der Jagd auf den Täter wird, nimmt die Handlung aber Fahrt auf und bietet große Spannung. Leider ist dies viel zu selten der Fall.

Des Weiteren fehlt die politische Brisanz vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts, die den ersten Band noch ausgezeichnet hat. Die dunkle, raue, fast schon animalische Seite des Michael Devlins, die durch die Erfahrungen seiner nordirischen Kindheit geprägt ist, wirkt hier eher wie das Naturell eines Kneipenschlägers.

Oftmals zu banal

Dem Roman fehlt diesmal das Überraschungsmoment. Dies betrifft sowohl die Suche nach dem brutalen Mörder des Richters und des Anwalts als auch die Gerichtsverhandlung des mutmaßlichen Mörders Simon Kash. Angehende Anwälte im Jura-Referendariat dürften an den seitenlangen Ausführungen Michaels Devlins und seiner Art der Beweisführung vor Gericht ihre wahre Freude haben und vielleicht in Begeisterungsstürme ausbrechen, den Thrillerleser ermüdet dies nur, da es eine aufkeimende Spannung und ein schnelleres Erzähltempo immer wieder unterbindet. Hier hätte Kents englischer Lektor den hauptberuflichen Strafverteidiger etwas bremsen müssen.

Warum der Mörder seine Opfer kreuzigt, bleibt übrigens bis zum Schluss unklar und spielt keine zentrale Rolle. Man hat fast den Eindruck, der Autor möchte die Morde lediglich möglichst brutal und widerwärtig darstellen (u. a. schneidet der Täter die Hoden der Opfer ab und legt sie ihnen in den Mund). Dass es sich aber lohnt, den Thriller zu Ende zu lesen, beweist der packende Schluss.

Kents große Stärke ist die Darstellung actiongeladener Szenen, vor allem, wenn es zum Duell Mann gegen Mann kommt. Dies hat ihn bereits im ersten Band ausgezeichnet. Leider stellt er diese Fähigkeit aber in diesem Roman zu wenig unter Beweis.

Fazit:

Tony Kent erreicht leider mit dem zweiten Band der Truman-Devlin-Reihe nicht das Niveau seines Romandebüts. Für fast 600 Seiten im Paperback-Format fehlt es insgesamt am notwendigen Erzähltempo und einem durchgehenden Spannungsbogen. Zu sehr greift der Autor auf seine Kenntnisse und Erfahrungen als Anwalt zurück, statt die Handlung voranzutreiben. Zum Glück darf man sich bereits jetzt auf einen rasanteren dritten Band der Reihe freuen, der inhaltlich wieder deutlich mehr Kents Romandebüt ähnelt.

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