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Thomas Gisbertz
Schwache Fortsetzung der Reihe

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2020

Berlin-Westend. In der vornehmen Villengegend verschwindet das neugeborene Baby von Cecile Dorm und ihrem Mann Jonathan, einem selbstständigen Psychotherapeuten, plötzlich aus dem Babybett. Statt ihres Kindes findet die fassungslose Mutter nur Blutspuren vor. Sofort will sie den Notruf alarmieren, was ihr Mann seltsamerweise mit aller Macht zu verhindern versucht. Bevor er ihr das Handy nach einem Kampf entreißen kann, gelingt es Cecile noch, einen kurzen, verzweifelten Kontakt zur Leitstelle herzustellen: „Hilfe, mein Baby ist weg! Hier ist nur Blut …“  Dann bricht der panische Notruf der Mutter plötzlich ab.

Suche nach entführtem Baby

Wenn jemand aus diesem Tonfragment Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort der Frau ziehen kann, dann der forensische Phonetiker Matthias Hegel. Das Problem ist aber, dass dieser gerade im Gefängnis sitzt. Dennoch braucht man seine Hilfe, da es bei der Polizei einen Maulwurf zu geben scheint, der den Ermittlungserfolg in Frage stellt.

Im Fall des entführten Babys will Hegel erneut auf die Recherche-Fähigkeiten der jungen True-Crime-Podcasterin und Radiojournalistin Jula Ansorge zurückgreifen, die sich zunächst aber weigert. Zwar ist sie von Hegels Fähigkeiten fasziniert, gleichzeitig schreckt dessen dunkle Seite sie aber auch ab. Doch kann sie das Baby und seine Mutter wirklich ihrem Schicksal überlassen? Und was ist mit den Informationen zu ihrem tot geglaubten Bruder Moritz, die Hegel ihr angeblich im Gegenzug beschaffen will?

Fortsetzung der Ansorge-Hegel-Reihe

Mit „Auris“ schrieb Autor Vincent Kliesch 2019 den ersten Band seiner neuen Reihe zu einer Hörspiel-Idee seines Freundes Sebastian Fitzek. Ihm gelang damit ein beeindruckender Thriller, der besonders von der speziellen Beziehung zwischen dem phonetischen Forensiker Matthias Hegel und der jungen True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge lebte. Die Gespräche zwischen beiden im Gefängnis Moabit, in dem Hegel zwischenzeitlich einsaß, sorgten für eine kammerspielartige Atmosphäre, die stark an Hannibal Lector und die FBI-Agentin Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“ erinnerte.

Ebenso wie die Hauptfigur aus den Romanen von Thomas Harris trieb Hegel ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit der Radioreporterin Jula, die auf der Suche nach der Wahrheit über den Tod ihres Bruders ist. Figurendarstellung, Thema, Sprache, Spannung: bei „Auris“ passte fast alles. Leider ist davon bei der Fortsetzung nicht viel übrig geblieben.

Das Besondere geht verloren

Dass der Thriller diesmal nicht richtig zünden will, hat mehrere Gründe. Am Deutlichsten wird das bei der Darstellung der beiden Hauptfiguren. Matthias Hegel, der sich einverstanden erklärt, die Ermittlungen unter bestimmten Voraussetzungen zu unterstützen, kommt aus dem Gefängnis frei, wird aber unter Hausarrest gestellt. Sein Auftritt wirkt diesmal aber weitaus weniger beeindruckend als noch im letzten Band. Mit Hilfe einer ausgefeilten Technik gelingt es ihm diesmal recht unspektakulär, den Audiomittschnitt des Notrufes zu analysieren und Tatort grob einzugrenzen. Danach muss er sich auf die Fähigkeiten von Jula Ansorge verlassen. Packende Dialoge - wie noch im ersten Teil der Reihe - fehlen. Von Hegels kühler, charismatischen, teilweise zynischen Art aus dem ersten Teil ist wenig übriggeblieben. Stattdessen wirkt er mitunter wie eine Karikatur seiner selbst.

Das Verhalten von Jula Ansorge ist diesmal inkonsequent und teilweise naiv - besonders bezogen auf die Versprechungen Hegels, endlich das Geheimnis um den Tod von Julas Bruder Moritz zu lüften. Jula kommt am Ende wenigstens zur Einsicht, dass sie nur Hegels dumme, kleine Marionette ist. Wenn sie Hegel am Schluss konfrontiert und versucht, bestimmter aufzutreten, wirkt sie dabei leider eher wie ein trotziger Teenager. Man würde sich hier als Leser eher ein Duell auf Augenhöhe mit Hegel wünschen - so wie es ansatzweise im ersten Band „Auris“ gelingt.

Schwacher Schreibstil

Auch hinsichtlich Erzähltechnik und Sprache weiß der zweiten Band der „Auris“-Reihe nicht zu überzeugen. Die zum Teil sehr hölzernen Dialoge und eine immer wieder unpassende Sprache führen dazu, dass Szenen unfreiwillig komisch wirken. Gleich mehrfach werden zudem Gespräche nach dem selben Muster aufgebaut. Egal, ob Jula Informationen vom Disponenten der Notrufleitstelle braucht oder Jonathan Dorm von einer Angestellten des Jugendamtes Hinweise benötigt: Nach schier endlosen Debatten und ständigen Beteuerungen, wegen der Schweigepflicht nichts sagen zu dürfen, sind beide dennoch aus teilweise nichtigen Gründen erfolgreich.

Das alles ist zu einfach gestaltet. Des Weiteren misslingt die Darstellung von Julas Halbbruder Elyas und dessen Freunden, die ihr bei den Ermittlungen helfen sollen. Die Kiezsprache, die Kliesch ihnen in den Mund legt, wirkt eher komisch als authentisch und ihr Verhalten ist an Einfältigkeit kaum zu überbieten.

Handlung zu konstruiert

Zuletzt hat der Autor auch inhaltlich zu viel gewollt. Irgendwie wirkt der Handlungsverlauf unrund und es mag kein richtiger Lesefluss aufkommen. Statt sich weiterhin auf die sehr interessante Beziehung zwischen Hegel und Ansorge zu konzentrieren, führt Kliesch ein neues Element ein: die geheimnisvolle Organisation „Remus“, die selbst die Polizei unterwandert hat. Hier fehlt es aber an der nötigen inhaltlichen Tiefe, da deren Mitglieder wie „Frau Sommer“ in ihrem Verhalten zu widersprüchlich dargestellt werden. Insgesamt gibt es diesmal einfach zu viele Handlungsstränge.

Fazit: 

Mit der Fortsetzung der „Auris“-Reihe gelingt Vincent Kliesch nur ein durchschnittlicher Thriller. Thema, Figurengestaltung sowie Erzählelemente wollen  nicht richtig passen. Darunter leidet nicht zuletzt die Spannung. Insgesamt wirkt die Handlung arg konstruiert. Der erste Teil hat gezeigt, dass die Reihe ein enormes Potential besitzt, welches der Autor diesmal zu wenig nutzt. Das Besondere der Reihe - die Fähigkeiten Hegels - sollten wieder stärker im Fokus der Handlung stehen.

Die Frequenz des Todes - Auris

Die Frequenz des Todes - Auris

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Letzte Kommentare:
31.05.2020 22:52:46
Dibad 18

Die Spannung im 2.Buch fällt gegenüber dem ersten ab.
Daher langweilig zu lesen

30.04.2020 20:05:22
Tina

Die Geschichte ist an den Haaren herbei gezogen und sehr unglaubwürdig.

22.04.2020 20:07:50
Annabell95

Rasante Fortsetzung von Auris

Die Fortsetzung um Jula Ansorge und Matthias Hegel ist endlich da. Nachdem ich den ersten Teil von Auris nicht aus der Hand legen konnte, war ich ganz gespannt auf die Fortsetzung.
Der zweite Teil beginnt ziemlich rasant. Bei der Berliner Feuerwehr geht ein Notruf ein. Die verzweifelte Cecile Dorm meldet ihr Baby als vermisst meldet und überall ist Blut. Der Notruf wird erst als unwichtig abgetan und später doch an die Polizei weitergegeben, da der Mutter scheinbar gewaltsam das Telefon entrissen wurde. Oswald Holder, LKA-Beamter, zieht den forensischen Phonetiker Matthias Hegel hinzu, um Cecile zu finden. Geschickt zieht Hegel wieder die Podcasterin, Jula Ansorge, mit hinein. Jula lässt sich auf ihn ein und versucht das entführte Baby zu finden. Dabei gerät sie selbst wieder in Gefahr…
„Die Frequenz des Todes“ ist der zweite Teil der Reihe um Jula Ansorge und Matthias Hegel und knüpft nahtlos an „Auris“ an. Auch wenn der Fall, um den es geht, in sich abgeschlossen ist und alle wichtigen Hintergrundinformationen dem Leser mitgegeben werden, ist es dennoch empfehlenswert zuerst den ersten Teil zu lesen, da einem sonst das Lesevergnügen den ersten Teils genommen wird.
Nach den ersten paar Seiten war ich voll drin in der Story und ich musste unbedingt weiterlesen. Auch die Geschichte um Jula Ansorge geht weiter und bleibt spannend.
Die Handschrift von Sebastian Fitzek, auf dessen Idee sich diese Reihe beruht, lässt sich ein wenig erkennen. Die Handlung hat ein sehr rasantes Tempo mit vielen unerwarteten Wendungen. Die Kapitel sind kurz gehalten und haben fast immer einen Cliffhänger, der einen zum Weiterlesen zwingt.
Wie der erste Teil auch schon wird die Handlung mit vielen Perspektivwechseln erzählt. Es ist alles nachvollziehbar und es gibt keine Zeitsprünge und die Wechsel reihen sich perfekt in die Handlung ein. Außerdem sorgen sie für Abwechslung und steigern die Spannung und Neugier beim Leser.
Immer wieder bekommt der Leser auch die Gedanken der gerade agierenden Person zu lesen. Die Gedankengänge wurden immer in kursiv gesetzt, sodass es abhebt und man als Leser nicht verwirrt wird. Durch die Gedanken, kann man sich recht gut in die Personen hineinversetzen.
Sehr gut gelungen und auch interessant ist es Kliesch gelungen, die Arbeit eines forensischen Phonetikers zu beschreiben und dem Leser näher zu bringen. Die Thematik wird sehr gut dargestellt und liest sich auch nicht langweilig. Mich hat es regelrecht fasziniert, was man mit seinem Gehör alles so ausmachen kann und das alles einen unterschiedlichen Klang hat.
Der Schluss ist wieder mit einem offenen Ende gestaltet und somit wieder richtig fies für den Leser. Man liest den letzten Satz, blättert um aber da ist das Buch schon zu Ende. Somit bleibt dann nur die Vorfreude und Neugier auf einen möglichen dritten Teil.
Auch wenn ich den ersten Teil etwas stärker fand und ich den gar nicht mehr aus der Hand legen konnte, konnte mich der zweite Teil auch wieder komplett auf der ganzen Linie überzeugen. Es war spannend, fesselnd und faszinierend bis zum Schluss. Das Buch muss man einfach lesen. Bin schon jetzt auf den möglichen dritten Teil gespannt.

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