Auris

Erschienen: Mai 2019

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Thomas Gisbertz
Thriller der Extra-Klasse

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Mai 2019

Gerade erst hat Matthias Hegel, akustischer Profiler bei der Kriminalpolizei Berlin, zwei Kinder aus den Händen eines Geiselnehmers befreit, als er dem Einsatzleiter Hans Struck offen gesteht, am Tag zuvor eine Obdachlose mit einem Aschenbecher niedergeschlagen und anschließend 23 Mal auf sie eingestochen zu haben.

Der renommierte Professor, der wegen seines perfekten Gehörs von allen nur „Auris“ genannt wird, und der als forensischer Phonetiker eine wahre Legende bei der Polizei ist, wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Mann mit dem Fledermausgehör hatte zuvor die Tat erneut gestanden und Details zur Ermordung genannt, die nur der Täter wissen kann. Obwohl er noch nicht einmal versuchte, die Höchststrafe abzuwenden, schwieg er bis zum Schluss beharrlich zu seinem Motiv.

Der Fall weckt die Neugierde einer Radiojournalistin

Bereits die Tatsache, dass die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit abgehalten wurde, erregt das Interesse der jungen True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge. Nicht zuletzt erscheinen ihr die wenigen Informationen, die nach außen dringen, mehr als mysteriös. Im Laufe ihrer Recherche hegt sie mehr und mehr Zweifel an der Schuld Hegels.

Auch ein persönliches Schicksal, welches sie zwei Jahre zuvor erleiden musste, drängt sie regelrecht dazu, den scheinbaren Justizirrtum um den phonetischen Forensiker aufzuklären. Als sie wiederholt Drohungen erhält, bringt Jula nicht nur sich selber durch ihre Ermittlungen in große Gefahr.
Matthias Hegel, der einzige Mensch, der ihr helfen könnte, sitzt im Gefängnis und schweigt zu alle dem. Für die junge Frau bleiben Fragen offen: Wieso sollte ein kriminalistisches Genie wie der Professor einen derart stümperhaften Mord begangen haben? Was hat er zu verbergen?

Gelungene Zusammenarbeit zweier Thriller-Autoren

Ungewöhnlicher könnte die Entstehung eines Thrillers kaum sein: Die Idee zu dem Projekt stammt von Sebastian Fitzek, verantwortlicher Autor des Romans „Auris“ ist Vincent Kliesch, wobei das Werk in Zusammenarbeit beider Bestseller-Autoren entstanden ist. Eigentlich hatte Fitzek den Plan, die Geschichte um den forensischen Phonetiker Matthias Hegel als Hörbuch zu erzählen: „Denn wie könnte man einen akustischen Profiler besser erlebbar machen als mithilfe des akustischen Kopfkinos, das ein Hörspiel erzeugt?“

Parallel zur Hörspiel-Entwicklung trat Vincent Kliesch, der den Thriller-Fans  durch seinen Roman „Die Reinheit des Todes“ bekannt ist, an seinen Kollegen Fitzek mit dem Wunsch heran, die Idee als Roman umzusetzen. Auch wenn Kliesch den Thriller schrieb, ließ es sich Fitzek nicht nehmen, an der Umsetzung mitzuwirken und mitzufeilen. Herausgekommen ist der fulminante Start zu einer außergewöhnlichen Thriller-Serie.

Faszinierender Bereich der Forensik

Kliesch und Fitzek schaffen es tatsächlich, dem reichhaltigen Spektrum an Kommissaren, Detektiven und anderen Ermittlern eine faszinierende neue Figur hinzuzufügen: Professr Dr. Matthias Hegel ist ein anerkannter forensischer Experte auf dem Gebiet der Phonetik, der sich auf die akustische Beweisführung spezialisiert hat.

Anders als die meisten Kollegen bei der Kriminalpolizei, die aufgrund von Fingerabdrücken, Speichelproben oder Zeugenaussagen versuchen, den Täter zu überführen, ist Hegel auf der Spur nach der phonetischen DNA, die jeden Täter unverwechselbar macht: Dialekte, Klangfarben, Stimmfrequenzen oder auch Sprachfehler. Sein absolutes Gehör, welches polizeiliche Computerprogramme zur Stimmanalyse bei weitem übertrifft, ist so genau, dass seine Beweise sogar vor Gericht Gültigkeit haben.

Junge Podcasterin mit einem Trauma

Neben dem Professor gibt es eine zweite Hauptfigur: die junge Radioreporterin Jula Ansorge. Sie trägt schwer an einem persönlichen Schicksalsschlag: Während einer Reise nach Argentinien wird sie von einem Unbekannten vergewaltigt und schwer verletzt. Die junge Frau ist fassungslos, als man ihr einige Tage später den Täter präsentiert: Angeblich soll ihr Bruder Moritz, der mit ihr in Südamerika ist, sie sexuell missbraucht haben.

Jula weiß aber, dass jemand anderes hinter der Tat stecken muss. Bevor sie mit Moritz darüber sprechen kann, erfährt sie, dass sich dieser in seiner Zelle erhängt hat. Seitdem hat die eigenwillige Frau kaum noch Kontakt mit ihren Eltern. Alleine ihr Halbbruder Elyas ist ihr noch wichtig.
Die traumatischen Ereignisse in Argentinien sind der Auslöser dafür, dass die Radio-Reporterin True-Crime-Podcasts verfasst, bei denen sie sich mit – aus ihrer Sicht - unschuldig Verurteilten beschäftigt. Daher ist sie auch an der Geschichte des charismatischen Profilers Matthias Hegel interessiert. Jula ist mitunter eine starrsinnige, trotzige Frau, die nur schwer Nähe zulassen kann und stur ihren Kopf durchsetzen will. Sie wird als Person dargestellt, die letztendlich nichts mehr zu verlieren hat.

Gespräche als Kammerspiel

Einer der Höhepunkte des Thrillers sind sicherlich die Begegnungen zwischen dem Profiler Hegel und der jungen Jula Ansorge im Gefängnis Moabit, die schon fast eine kammerspielartige Atmosphäre besitzen. Man fühlt sich dabei unweigerlich an die Gespräche zwischen Dr. Hannibal Lector und der FBI-Agentin Clarice Starling aus „Das Schweigen der Lämmer“ erinnert. Der Schwerpunkt dieser Szenen liegt sicherlich auf der psychologischen Wirkung der Gespräche zwischen den beiden Figuren.

Der Forensiker treibt anscheinend ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Radioreporterin. Erst nach und nach gibt er Informationen preis, aber nur dann, wenn es ihm gefällt oder er einen Nutzen davon hat. Dabei tritt Hegel keineswegs unfreundlich, aber dennoch bestimmend auf. Jahrelang hat Hegel jegliche Zusammenarbeit mit Journalisten verweigert, da er keinerlei Interesse hat, über sich und seine Geschichte zu sprechen. Erst die Möglichkeit, sich einen Drohanruf, der an Jula gerichtet war, anzuhören und zu analysieren, weckt sein Interesse.

Bis zum Schluss merkt man immer wieder, wie geschickt es der akustische Profiler vermag, Menschen zu manipulieren, da er in der Lage ist, sie über ihre Sprache, ihre individuelle und situative Stimmführung und Sprachfärbung, ihre unbewusste Intonation, Satzmelodie, Artikulation und Aussprache, zu verstehen und zu interpretieren.

Fazit:

„Auris“ ist bereits jetzt eines der Bücher des Jahres. Ein absolutes Muss für alle Thriller-Fans: Spannung von der ersten bis zur letzten Seite, unerwartete Wendungen und ein atemraubendes Erzähltempo. Mit dem akustischen Profiler Matthias Hegel und der True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge schaffen Kliesch und Fitzek faszinierende, gleichzeitig aber völlig konträre Protagonisten, die dem Leser sowohl durch ihre starken Persönlichkeiten als auch durch ihr hiervon geprägtes ausdrucksstarkes und wechselseitiges Zusammenspiel ein außergewöhnliches und fesselndes Lesevergnügen bereiten. Der Leser weiß bis zum Schluss nicht, was Wahrheit ist und was Lüge. Eine exzellente Zusammenarbeit zweier Bestseller-Autoren, die mich jetzt schon voller Vorfreude auf die nächsten Bände dieser viel versprechenden neuen Thriller-Reihe zurücklässt.

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