Die Puppe - Vertraue nicht dem Bösen

Erschienen: Januar 2020

Bibliographische Angaben

übersetzt aus dem Englischen von Kristof Kurz
Originaltitel: The Ash Doll

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Carola Krauße-Reim
Charlie Priest muss es richten

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mai 2020

Nach „The Mayfly“ legt James Hazel jetzt den zweiten Band der Charlie-Priest-Reihe vor. Für Anwalt Priest sieht es schlecht aus, nachdem sein Hauptzeuge der Verteidigung vor der Aussage tot aufgefunden wird. Als dann auch noch die Klägerin auf grausame Weise getötet wird, ist Priest klar, dass hinter dem Fall rund um das Online-Magazin The Real Byte mehr steckt als eine angebliche Verleumdung.

Priest ist ein richtiger Unsympath

Hazel war selbst Anwalt, bevor er sich ganz seinem Jugendtraum, dem Schreiben, widmete. Man kann also annehmen, dass er weiß, wovon er schreibt, wenn er einen Anwalt zum Protagonisten seiner Thriller-Serie macht. Was das Fachliche angeht, tut er es zweifelsohne, denn die kleinen Scharmützel und Psycho-Spielchen vor Gericht hat er anschaulich beschrieben. Doch, was die Ausarbeitung seiner Charaktere betrifft, hapert es noch etwas.

Vielleicht liegt es daran, dass im zweiten Teil einer Serie gewisse Kenntnisse vorausgesetzt werden, aber für den Neueinsteiger ist die Person des Charlie Priest nicht vollständig zu packen. Anscheinend aus reichem Elternhaus stammend, hat er die Karriere im Polizeidienst geschmissen und ist innerhalb lächerlich kurzer Zeit zum angesehenen Anwalt geworden, der noch nie einen Fall verloren hat. Geschieden, an einer Dissoziationsstörung leidend und mit einem Serienmörder als Bruder wäre er doch eine durchaus interessante Person.

Aber, herausgekommen ist ein arroganter Besserwisser, dem keine Frau widerstehen kann und, der immer das Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort tut. Alles in allem ein wandelndes Klischee, ohne Tiefe. Gerade seine Erkrankung und das Verhältnis zu seinem, in einer Hochsicherheitsanstalt einsitzenden, Bruder wären Steilvorlagen für eine Charaktervertiefung gewesen, aber dieses Potential ist unausgeschöpft geblieben.

Team wird nur oberflächlich geschildert

Ich kenne den ersten Band der Serie nicht, kann also nicht beurteilen, wie die Einführung der Personen ablief. Im vorliegenden Buch allerdings sind alle, die das Team rund um Priest bilden, sehr oberflächlich geschildert. Wer ist Okoro? Priests Kollege? Sein Sozietätsanwalt? Wie ist ihr Verhältnis? Keine Ahnung. Man erfährt nur, dass er wohl irgendwie in der Kanzlei als Anwalt arbeitet und schwarz ist – das ist alles.

Anwaltsgehilfin Georgie Someday dagegen himmelt ihren Chef an (muss sie ja auch bei so viel durchtrainiertem Körper), gibt für ihren Job alles und ist doch selbst traumatisiert. Der Umgang mit diesem erschütternden Erlebnis wird dann ziemlich schnell und pauschal abgehandelt, obwohl es Georgie bis dahin anscheinend sehr mitgenommen und beeinflusst hat. Sally, für die Finanzen der Kanzlei zuständig, präsentiert dann die ganze Bandbreite eines Computer-Nerds. Genialität und Kontaktphobie gehören zu seiner Person, genau, wie das ständig eingesetzte Desinfektionsspray.

Selbst der serienmordende Bruder ist unglaubwürdig. Genial, hochintelligent und vollkommen meschugge, hat er viel von Hannibal Lecter. Vielleicht hat eine tiefere Charakterisierung aller Beteiligten im ersten Band statt gefunden, aber dann sollte diese auch in die folgenden Bände transportiert werden, was hier leider weitgehend nicht der Fall ist. Man kann nur hoffen, dass Hazel noch die Kurve kriegt, sonst könnten seine Protagonisten auf Dauer langweilig werden.

Drei Stränge bilden den Plot

Neben Charlie Priest und seinen Mannen, begleitet der Leser den Puppenspieler durch das Buch. Dieser mysteriöse Mensch hat ein Tagebuch, dass von einem eingesperrten und offensichtlich missbrauchen Mädchen handelt. Immer wieder streut Hazel Kapitel ein, die dem Puppenspieler gewidmet sind und in denen Passagen aus dem Tagebuch wiedergegeben werden. Schnell wird klar, dass Tagebuch und Puppenspieler eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Prozess und den beiden Toten spielen.

Einen Teil des Geschehens ist relativ leicht zu erahnen, doch die Komplexität des Ganzen offenbart sich erst am Ende der Geschichte. Mehrere Wendungen und immer neue Hinweise führen am Ende die drei Handlungsstränge zusammen. Dabei ist der Handlungsverlauf aber sehr konstruiert, teilweise unlogisch und manchmal so unwahrscheinlich, dass er nur in der Fiktion vorkommen kann, in der Realität wohl eher nicht. Spannung ist dabei nur verhalten zu spüren und auch die doch sehr einfache Erzählweise reißt den Leser einfach nicht vom Hocker. Das so simpel Geschilderte bietet zu oft lediglich Klischees statt packender Szenen und kann den Leser dadurch nicht vollends überzeugen. So ist der schnelle Bürosex für Priest unausweichlich, obwohl die beteiligte und sehr selbstständige Dame ihn vorher eiskalt abserviert hat.

Georgies Probleme mit dem erlebten Trauma lösen sich sehr schnell in Luft auf und eine weitere Traumatisierte verfällt unausweichlich dem Charme des unwiderstehlichen Anwalts. Wenn sich dann auch noch die Angestellte in einer heruntergekommenen Muckibude als promovierte Astrophysikerin entpuppt, kann man nur noch den Kopf schütteln. Lediglich der immer wieder hervorblitzende trockene Humor ist ein Lichtblick, doch der kann es auch nicht mehr rausreißen.

Fazit:

Wer einen Thriller für Zwischendurch sucht, der hat ihn mit „Die Puppe“ gefunden. Weder Stil noch Plot fordern den Leser zu sehr. Die Spannung köchelt zwar auf Sparflamme, ist aber latent vorhanden. Die Personen nerven durch ihre klischeehafte Darstellung und die Wahrscheinlichkeit des geschilderten Geschehens tendiert gegen Null. Aber der Leser wird unterhalten und kann dann selbst entscheiden, ob er sich in Zukunft mit Charlie Priest beschäftigen will.

Die Puppe - Vertraue nicht dem Bösen

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