Der Mongole

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

Wolfgang Seidel (Übersetzer)

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Jörg Kijanski
Actionreicher hard-boiled vor ungewohnter Kulisse.

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2019

Der Tag hätte für Kommissar Yeruldellger kaum schlimmer sein können. Zunächst findet man drei Leichen von massakrierten Chinesen in einer Ziegelei in Ulaanbaatar, nur wenige Stunden später muss er in die Steppe der Provinz Chentii-Aimag, wo Kinder einer Nomadenfamilie beim Spielen eine Kinderleiche entdeckt haben. Kurz darauf gibt es einen dritten Tatort. Zwei mongolische Frauen, offenbar Prostituierte, wurden mit Kopfschüssen hingerichtet. Yeruldellger übernimmt die Ermittlungen und stellt bald fest, dass die drei Fälle womöglich miteinander verbunden sind und dass der Feind nicht nur ein großmäuliger Möchtegern-Nazi ist, der sich Adolf nennt, sondern auch in den eigenen Reihen zu suchen ist. Auch seine Familientragödie holt Yeruldellger wieder ein …

Traditionen, Geister und Traumdeutungen sind wichtig

Ian Manook führt den Leser in seinem Thriller „Der Mongole – Das Grab in der Steppe“ an einen höchst ungewöhnlichen Schauplatz. Das ist auch gleichzeitig schon das Besondere an diesem über 600 Seiten dicken Plot, der das Buch aus der Masse der Neuerscheinungen hervorhebt. Viel erfährt man über das Land mit seinen großen Weiten der Steppe, seinen alten Traditionen, seine Geschichte und seine Nachbarn, wobei die Nachbarn aus Korea und insbesondere aus China nicht unbedingt willkommen sind. Getrunken wird heißer Buttertee, gegessen wird Chuuschuur (gefüllte Teigtaschen, beispielsweise mit Hammelfleisch) oder das Nationalgericht Boodog, welches meist aus Murmeltieren zubereitet wird.

„Es kommt mir vor, als wärst du ein bisschen überfordert.“

„Nein, durchaus nicht. Sie können ganz beruhigt sein, ich habe alles im Griff.“

„Man hat dir deinen Dienstausweis abgenommen, man hat dir deine Dienstwaffe abgenommen, du hast Zeugen misshandelt, die chinesische Botschaft verlangt, dass du abgezogen wirst, du hast auf einen Zivilisten geschossen: Willst du ernsthaft behaupten, das alles glattläuft?“

Ebenso ungewohnt wie die Speisen sind auch die Namen der mitwirkenden Figuren, wobei man diese leicht auseinanderhalten kann, so dass es diesbezüglich keine Verständnisschwierigkeiten gibt. Neben der Tradition sind in der Mongolei auch Träume und deren Deutung wichtig und so darf es nicht verwundern, dass Yeruldellger in seinen Träumen von den aktuellen Fällen heimgesucht wird und die Traumfiguren somit (nur noch) mit der Realität in Einklang bringen muss.

Welche Traumfigur steht für welche reale Person? Viel Zeit zum Nachdenken hat der Kommissar nicht, denn seine gefährlichsten Gegner sind seine eigenen Kollegen, die nicht weniger korrupt und vor allem gefährlich sind als die vermeintlichen Mörder, die es zu fangen gilt. Hinzu kommt noch der geheimnisvolle Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht, wobei dessen Identität nach der Hälfte des Buches jedem Leser klar ist.

„Diese entsetzliche Barbarei ist das Werk ausgesprochener Dummköpfe, die keine Ahnung haben und alles durcheinanderbringen. Und das, was all diese Dinge verbindet, die chinesischen „Besatzer“, die geschorenen Mongolinnen und den Judenstern, ist die Nazi-Ideologie. Dieser primitive, halbgare mongolische Nazi-Quark. Dieser extrem fremdenfeindliche Nationalismus, der sich seit geraumer Zeit in Ulaanbaatar breitmacht. Das hier ist auf keinen Fall ein Verbrechen mit irgendeinem satanischen Hintergrund, auch wenn mir das fast lieber gewesen wäre. Es handelt sich schlicht und ergreifend um ein rassistisch und politisch motiviertes Verbrechen. Und das macht mir wirklich Angst, weil ich nicht weiß, wie du dem Einhalt gebieten willst.“

Neben den eingangs geschilderten Mordfällen führt eine heiße Spur in Yeruldellgers eigene Vergangenheit beziehungsweise seine Familie, die nach einer Tragödie auseinanderbrach. Seine jüngste Tochter Kushi kam vor einigen Jahren ums Leben, wofür seine Frau Yeruldellger die Schuld gab und ihn verließ bevor sie in ihre eigene Gedankenwelt abdriftete.

Auch seine ältere Tochter Saraa verachtet ihren Vater und lehnt jeden Kontakt zu ihm ab. Dementsprechend düster ist die Stimmungslage bei Yeruldellger, der lediglich zu einer platonischen Liebe zu der Gerichtsmedizinerin Solongo fähig scheint. Dementsprechend jähzornig und brutal geht Yeruldellger seine Arbeit an. Ein sturer Dickschädel, dem selbst sein Chef nicht im Wege stehen sollte. Selbstjustiz inklusive.

Fazit:

„Der Mongole“ ist ein actionreicher und brutaler Thriller, der sich in erster Linie durch seine besonderen Schauplätze (die Hauptstadt Ulaanbaatar und die Steppe) sowie die Traditionen und Bräuche des Landes positiv auszeichnet. Ansonsten bietet der Plot viel Gewalt, Testosteron, korrupte Polizisten und (nicht zuletzt) einige Wiederholungen, wobei die teils hirnlose Gewalt nicht über einige inhaltliche Schwächen hinwegzutäuschen vermag. Fans hartgesottener Spannung wird es egal sein, sie sind hier richtig.

Der Mongole

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Letzte Kommentare:
11.08.2019 10:58:30
Arminius

So also geht es zu in der Mongolei. Dagegen ist der Wilde Westen ja nur der sprichwörtliche Ponyhof. Da wird gemordet, zerstückelt, vergewaltigt, genötigt und misshandelt, was das Zeug hält. Warum sich Manook gerade die Mongolei als Schauplatz ausgesucht hat bleibt schleierhaft. In einem Interview auf der Random-House Seite ist zu lesen, dass er das Land 2008 besucht hat. Warum und wie lange und welchen Eindruck es auf ihn hinterlassen hat bleibt schleierhaft. Hauptsache exotisch. Was der Leser/die Leserin an Lokalkolorit vermittelt bekommt, lässt sich auch ohne weiteres mit etwas Internet-Recherche erfahren. Das die Sowjetzeit trostlose Städte mit Einheitsarchitektur hinterlassen hat ist auch nicht so überraschend. Irgendwie ging es mir wie bei den Donnerstagabend-Krimis der ARD: Hauptsache irgendeine Stadt (Istanbul, Bozen, Lissabon, Barcelona oder andere), der Inhalt ist wurscht, muss auch nur am Rande mit dem jeweiligen Land zu tun haben, und die Akteure austauschbar. Hauptsache, die Zuschauer sehen mal was anderes als Dortmund, Köln, München oder Ludwigshafen. Auf keinen Fall darf ich den Zuschauer oder Leser mit zu viel Hintergrund überfordern.
Inhaltlich ist „Der Mongole“ aber aus anderen Gründen ein Ärgernis: Zum einen gibt es wohl keine Justiz in der Mongolei. Die Polizei besteht bis auf drei Ausnahmen nur aus korrupten Bullen oder Speichelleckern. Somit muss die Hauptperson, Yeruldelgger (eine Mischung aus Rambo, Terminator und Charles „Ein-Mann-sieht-rot“ Bronson), sowohl Ermittler, Ankläger, Richter und Strafvollstrecker in einer Person sein. Der Schwerpunkt der zuletzt genannten Berufsausübung erfolgt hauptsächlich aufgrund des zweiten Teils der Bezeichnung. Da werden Beschuldigte gefesselt den Bären vorgeworfen oder in eine Schlangengrube zurückgelassen. Die Betroffenen müssen nur entsprechend unsympathisch sein (Nazis, Mörder, Vergewaltiger, Kinderschänder, Erpresser), dann geht das offensichtlich in Ordnung. Die Tochter schlägt er natürlich nur aus Liebe und zu ihrem Schutz. Dass Menschen, die das Leben in einem Rechtstaat wohl sicher schätzen, an dieser Art der Auge um Auge-Gerechtigkeit nichts auszusetzen haben und das Buch als „spannende Unterhaltung“ bezeichnen, finde ich sehr bedenklich. Als Ermittler ist Yeruldelgger eine Niete: Entweder fügt sich wunderbarerweise alles sofort zusammen oder er verlässt sich mehr auf seine Intuition als auf Ermittlungen – eine bequeme Ausrede für den Autor, sich nicht zu viel mit den alltäglichen Tätigkeiten der Polizei und der langwierigen Ermittlungsarbeit auseinandersetzen zu müssen. Seine Brutalität, Rachsucht und Mordlust nimmt man dann hin, er ist halt ein „Dick- oder Querkopf“.
Das zweite Ärgernis ist die Darstellung der Frauen: Die werden vor allem nach ihrem Aussehen gewertet, wobei sich die Beschreibung und Bewertung nach Form und Festigkeit ihrer Brüste und Pos bemisst. Nicht selten laufen sie nackt oder halbnackt durch die Handlung. Kleine Kostprobe gefällig? „Als sie an ihm vorbeiging streiften ihre festen Schenkel sein Gesicht, eine zarte Berührung an seiner Wange“. Das Ganze gipfelt in eine ausführlich beschriebene mit absoluter Brutalität durchgeführte Massenvergewaltigung. Die scheint die Protagonistin aber wohl seelisch und körperlich gut wegzustecken, zumindest kann sie mit ihrem jugendlichen Befreier anschließend noch neckische Witzchen machen.
Das Ganze wird auf 630 Seiten verteilt, und nein, spannend ist etwas anderes. Die Handlung quält sich von eine sadistischen Tat zur nächsten. Der Stil ist hölzern, der Humor nicht besonders originell.
Resümee: Europäische Autoren sollten mit der Wahl ihrer Schauplätze vorsichtig sein. Die Lektüre der 630 Seiten kann man ruhig auf zwei andere Krimis verteilen.

11.03.2019 06:03:33
elke17

Der französische Autor Ian Manook (d.i. Patrick Manoukian), für sein Debüt „Der Mongole“ (im Original „Yeruldelgger“, 2013) mit dem Quai du Polar ausgezeichnet, nimmt den Leser mit auf eine Reise in ein Land, das wohl für die meisten Krimileser ein weißer Fleck auf der Landkarte ist.

Im Zentrum der Handlung steht Yeruldelgger, ein aufrechter Polizist mit tragischer Familiengeschichte, verhaftet in den Traditionen seines Volkes, der in der Hauptstadt Ulaanbaatar arbeitet. Zwei Fälle treiben ihn um. Zum einen ist da die Leiche eines kleinen Mädchens, vergraben in der Steppe und von Nomaden entdeckt, zum anderen der Mord an drei Chinesen und zwei Prostituierten, erstere grausam verstümmelt, die Frauen kahlgeschoren. Je tiefer Yeruldellger und sein Team in die Ermittlungen einsteigen, desto offensichtlicher zeigt es sich, dass diese beiden Fälle verbunden sind und es in seinem direkten Umfeld Menschen gibt, die mit allen Mitteln verhindern wollen, dass die Täter gefunden werden.

Keine Frage, einen Großteil der Faszination bezieht dieser Krimi aus der Exotik des Schauplatzes mit seinen Steppen, der Wüste, Jurten und geheimnisvollen Mönchen. Aus den Riten und der Mystik einer längst vergangenen Zeit. Aber Manook zeigt auch die Zerissenheit dieses Landes zwischen Tradition und Moderne. Einerseits die Nomaden, die mit der Hoffnung auf Wohlstand in die Städte ziehen, dort aber bestenfalls in Elendsvierteln unterkommen, im schlechteren Fall in der Kanalisation hausen müssen. Andererseits die cleveren Geschäftemacher in ihren luxuriösen Villen, die die Bodenschätze des Landes skrupellos an den Meistbietenden verhökern und dabei über Leichen gehen. Und dann sind da noch all diejenigen, die auch ihr Stück vom Kuchen abhaben wollen und sich in die Dienste letzterer stellen, um deren schmutzige Geschäfte zu decken.

Natürlich spart der Autor nicht mit Klischees. Yeruldelgger, der unkaputtbare Polizist mit mönchischer Kampfausbildung, angetrieben von dem Wunsch nach Rache. Solongo, die sanftmütige Gerichtsmedizinerin, in der traditionellen Heilkunst bewandert. Oyun, Yeruldelggers Assistentin, die keiner Prügelei aus dem Weg geht und absolut loyal ist. Und meine Lieblingsfigur Gantulga, der gewitzte Straßenjunge aus der Kanalisation, der Oyun anhimmelt und dem Team unschätzbare Dienste leistet. Die brutalen Biker-Nazis mit ihrem Anführer Adolf, die die Drecksarbeit erledigen. Korrupte Polizisten, die auch vor Mord nicht zurückschrecken. Gierige Investoren mit dem Dollarzeichen im Auge. Und schließlich der abgrundtiefe Bösewicht und seine Helfershelfer.

Aber das passt alles zu dieser gut geplotteten Story, die mit viel Tempo erzählt wird und auch mit der einen oder anderen überraschenden Wendung aufwartet. Gut, manche Passagen schrammen nur knapp am Kitsch vorbei, aber das mich nicht weiter gestört. Für mich war „Der Mongole“ spannende Unterhaltung für zwischendurch, bei der ich auch noch so einige interessante Informationen über dieses ostasiatische Land erfahren habe. Erwartungen erfüllt, und die Nachfolger werde ich, so sie übersetzt werden, mit Sicherheit auch lesen(im Original liegen bereits zwei weitere Bände vor).