Lange Nacht am Sunset Strip
- Bastei Lübbe
- Erschienen: Januar 1989
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- New York: Dell, 1958, Titel: '77 Sunset Strip', Seiten: 160, Originalsprache
- München: Heyne, 1964, Titel: '77 Sunset Strip', Seiten: 154, Übersetzt: Fritz Moeglich
- Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1992, Seiten: 189, Übersetzt: Michael Kubiak


Drei Fälle für einen hellwachen Schnüffler.
Stuart Bailey war einst Geheimagent und hat sich dann als Privatdetektiv in Los Angeles niedergelassen. Dort liegt am Sunset Strip sein Büro, in dem er genretypisch meist auf Kunden wartet. Bailey ist grundsätzlich ehrlich und immer bemüht, sein (karges) Honorar zu verdienen. Dies bereitet ihm die ebenfalls typischen Probleme mit grundsätzlich unfreundlichen Polizisten, fiesen Gangstern und lügenboldigen Klienten. Hier wird er in drei Fälle verwickelt, die er auch deshalb lösen muss, weil er selbst in die Mühlen der Justiz zu geraten droht:
- Geschäftsmann Gien Callister heuert Bailey an, um unter falscher Identität an einem Segeltörn nach Hawaii teilzunehmen. Mit an Bord: Tochter Betty, Zweit-Gattin Eilene sowie Steuermann Owen Madden, der aus seinem Interesse an Eilene kaum einen Hehl macht. Callister befürchtet ermordet zu werden, was auf hoher See tatsächlich geschieht. Wer beging die Tat? Verdächtig sind alle, auch Bailey, der deshalb lieber wissen möchte, was geschehen ist, bevor die Jacht Honolulu und die dort wartende Polizei erreicht.
- Aus Tucson, Arizona, wendet sich Dorothy Halloran an Bailey. Sie fühlt sich verfolgt, doch der Detektiv zweifelt erst daran, denn sie wirkt verwirrt. Doch als er Dorothy tot in ihrer Wohnung findet und seine Anwesenheit dort nicht verbergen kann, wird er zum Hauptverdächtigen. Bailey muss vor der Polizei fliehen und versuchen, die Tat aufzuklären, bevor man seiner habhaft wird.
- Für Gordon Trist soll Bailey herausfinden, ob Gattin Mildred ihn betrügt. Kurz darauf wird Trist in Baileys Anwesenheit umgebracht. Es gibt keine Tatwaffe, und keiner der Anwesenden kann eindeutig beschuldigt werden. Aber eine/r von ihnen muss den Mord begangen haben; eine Herausforderung für Bailey, zumal die Polizei gern ihn als Täter festnageln würde.
Fossil aus der Fernseh-Steinzeit
„Er sieht aus wie ein Gentleman aus dem feudalsten Klub, aber wenn es darauf ankommt, versteht er zuzuschlagen wie ein Hafenarbeiter“ - So anschaulich wird uns Stuart Bailey 1964 auf dem Cover der deutschen Erstausgabe dieses ‚Romans‘ vorgestellt. Diese Kombination galt als Voraussetzung für einen ‚echten‘ Privatdetektiv, der ständig zwischen Hungertuch, Polizeiwillkür und Gangstertücken agierte und dabei zumindest dann wehrhaft auftreten musste, wenn er in die daraus resultierenden Bredouillen geriet.
Hier verwickelt Buchautor Roy Huggins Bailey in drei rätselhafte Kriminalfälle. Parallel dazu trat Bailey im Fernsehen auf: „77 Sunset Strip“ wurde in den USA zwischen 1958 und 1964 in 206 Episoden ausgestrahlt. Die Serie erzielte zu ihrer Zeit Zuschauerrekorde und sicherte sich ihren Platz in der TV-Geschichte. Auch in Deutschland wurde „77 Sunset Strip“ zum Hit, obwohl man nur einen Bruchteil der Episoden ausgestrahlte: Das Fernsehen sorgte hierzulande vorabauswählend dafür, dass seine Zuschauer von moralisch zweifelhaften Inhalten verschont blieben ...
Auch die TV-Version von „77 Sunset Strip“ entsprang einem Geistesblitz des Autors Roy Huggins (1914-2002). Er begann seine Karriere als Schriftsteller, wechselte aber nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hollywood, wo er zahlreiche Drehbücher für Krimis und Western schrieb. In den 1950er Jahren wechselte Huggins zum Fernsehen, wo er eine ganze Reihe populärer Serien wie „Maverick“ (1957-1962), „The Fugitive“ (dt. „Auf der Flucht“, 1963-1967), „The Virginian“ (dt. „Die Leute von der Shiloh Ranch“, 1962-1971), „Hunter“ (1986-1988) und eben „77 Sunset Strip“ ins Bildschirmleben rief.
Immer im Einsatz und stets unter Druck
Interessanterweise ist der TV-Stuart Bailey in der Detektei am Sunset Strip nicht allein: Ihm (= Efrem Zimbalist jr., 1918-2014) steht Jeff Smith (= Roger Spencer, 1932-2017) zur Seite. Bald war auch Edd Byrnes (1932-2020) mit von der Partie. Als Gerald „Kookie“ Kookson wurde er zu einem TV-Idol der Jugend und stieg - stets sorgfältig sein gelgetränktes Haar mit einem Taschenkamm glättend (dazu gab es einen von Connie Stevens gesungenen Hit: „Kookie, Kookie, Lend Me Your Comb“) - vom Parkplatzwärter zum Nachwuchsdetektiv auf.
Weder Smith noch Kookie werden in dem hier vorgestellten Roman überhaupt erwähnt. Dabei sollte dieser zusätzlich die Werbetrommeln rühren und potenzielle Zuschauer locken. Prinzipiell war die Konzentration auf Bailey möglich: Die Doppelung der Hauptrolle (Bailey/Smith) machte es möglich, beide Figuren getrennt auftreten zu lassen. So konnten zwei Kamerateams unabhängig voneinander Folgen drehen. Bailey und Smith liefen sich höchstens in den Anfangs- oder Schlussszenen über den Weg und hielten dadurch die Illusion einer Zusammenarbeit aufrecht. Nichtsdestotrotz vermittelt Autor Huggins im Roman eindeutig das Bild einer von Bailey solo geführten Detektei. Mit der TV-Serie hat der Roman also wenig zu tun. Darüber hinaus spielen die beiden ersten Fälle gar nicht in Los Angeles oder gar am Sunset Strip. 1959 lief die Serie bereits im zweiten Jahr.
Um sich die Arbeit zu erleichtern, griff Huggins offenbar auf Exposés für anstehende Folgen zurück. (Zumindest der erste Fall lässt sich als Episode 1 der zweiten Staffel nachweisen.) Das Ergebnis ist ein nicht gerade fließend miteinander verzahnter Episodenroman. Aus Fall 1 bleibt Bailey die hübsche Betty als Freundin, die allerdings wenig von ihm hat, weil er stets in ein neues Verbrechen verwickelt wird, bevor er sie mehr als rudimentär bebalzen kann.
Böse Menschen und raffinierte Pläne
Naturgemäß trifft Huggins den Tenor des zeitgenössischen Krimi-Fernsehens exakt; kein Wunder, hat er es doch selbst mitgestaltet. Vor dem geistigen Auge sehen wir also den harten, aber eigentlich herzlichen Stuart Bailey bei einer Arbeit, die der Realität möglichst fernbleibt. Anzug, Krawatte, Hut, Rauchen, Trinken zu jeder Tageszeit, Schläge auf den Hinterkopf: So etwas bringt einen Detektiv nicht um, sondern gehört zum Risiko bzw. zum Lebensalltag und bleibt folgenlos.
Selbstverständlich verwandelt sich jeder Auftrag in einen Albtraum. Was scheinbar simpel klingt, entwickelt sich zu Mord und Totschlag, wobei Bailey jedes Mal selbst in Nöte gerät, aus denen er sich parallel zum Fall befreien muss. In der Regel stößt er auf komplexe Pläne, die so überhaupt nur im Fernsehen funktionieren können, wo man - Hercule Poirot würde sich mit Grausen winden! - eine Mordwaffe einsetzen darf, die aus „Metall mit Gedächtnis“ (gibt es tatsächlich!) besteht.
Frauen sind entweder berechnende, geldgierige, aufdringliche Luder oder „Mädchen“, die beschützt und gerettet werden müssen. Viel Gewese wird um ‚Sex‘ gemacht - oder um das, was ihn in dieser Ära in der Unterhaltungsliteratur (und im Fernsehen) ersetzte: Gerede um den heißen Brei und Abblende, bevor Taten folgen könnten. Polizisten und Banditen ähneln sich auffällig: Sie sind grob, neigen zur Freiheitsberaubung und werden gern handgreiflich. Es entsteht eine nostalgische Als-ob-Welt, die auf ihre naive Weise Freude bereitet - auch im Rahmen dieses Romans, der nicht wirklich einer ist.
Fazit
Ungekürzte Neuauflage eines Romans, der auf einer klassischen TV-Serie basiert, drei Fälle präsentiert und deshalb in Episoden zerfällt: Routinearbeit, die Werbung für besagte Serie machen soll, aber immerhin von deren Schöpfer selbst handwerklich solide ausgeführt wird.

Roy Huggins, Bastei Lübbe


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