Der vierte König

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Köln: Emons, 2000, Seiten: 260, Originalsprache
  • Frechen: Delta Music, 2005, Seiten: 4, Übersetzt: Vittorio Alfieri

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"Ein vierter König!" sagte Holmes langsam. "Ich kann mich nicht erinnern, davon in der Bibel gelesen zu haben." Köln 1896. Ein mysteriöser Raub führt Sherlock Holmes an den Rhein: Aus dem Dom sind die Heiligen Drei Könige gestohlen worden. Was die Polizei erst nicht so recht ernst nimmt, entpuppt sich bald als Teil einer bizarren Verschwörung, die ein Opfer nach dem anderen fordert. Die Wurzeln der grausigen Ereignisse scheint bis tief ins Mittelalter zurückzureichen. Unterstützt von einem alten Kölner Jesuitenpater und dessen Nichte Luzia kämpfen Sherlock Holmes und Dr. Watson gegen einen unheimlichen und äußerst gefährlichen Gegner.

Der vierte König

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Letzte Kommentare:
04.12.2010 11:53:54
Stefan83

Wohl kaum eine andere Figur in der Geschichte der Kriminalliteratur hat die Fantasie der Schriftsteller in derart großem Maße angeregt, wie der legendäre Meisterdetektiv Sherlock Holmes aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle.

Bis heute steht der Name als Inbegriff für den genialen, leicht überheblichen Spürhund, den nichts von seiner Fährte abbringen kann und der auch noch das verzwickteste Problem zu lösen weiß. Kaum einer, der nicht zumindest eine Verfilmung im Fernsehen gesehen oder eins der Bücher um Holmes, Watson und Co. gelesen hat. Und die Nachfrage nach mehr Abenteuern blieb über die Jahre groß. So ist seit dem Tode Doyles eine ganze Masse von so genannten Pastichés (Sherlock-Holmes-Nacherzählungen) auf den Büchermarkt geworfen worden, von denen einige die dunklen Flecken in der Biographie des Meisterdetektivs geschickt füllen konnten, wohingegen andere besser unveröffentlicht geblieben wären. „Der vierte König“ von Stefan Winges darf hier gern zu ersterer Kategorie gezählt werden, fügt er dem großen Becken von Holmes-Geschichten doch geschickt ein weiteres und vor allem chronologisch passendes Mosaiksteinchen hinzu. Winges hat sich nämlich der zeitlichen Lücke zwischen den Jahren 1895 und 1896 zugewandt, welche William S. Baring-Gold in „Sherlock Holmes of Baker Street. A Life of the World\'s First Consulting Detective“ auch als „fehlendes Jahr“ bezeichnet hat. Eine Epoche in Sherlock Holmes Leben, die Gegenstand hochgelehrter Spekulationen ist und sich somit für ein neues Rätsel trefflich eignet.

Zur eigentlichen Geschichte: Köln im Januar des Jahres 1896. Der Dom ist in hellem Aufruhr. Mitten in der Nacht sind die Gebeine der Heiligen Drei Könige aus ihrem Schrein gestohlen worden. Ein alter Domschweizer, Veteran des Deutsch-Französischen-Krieges, hat den Diebstahl in einem blutigen Handgemenge zu verhindern versucht und kam dabei ums Leben. Bevor er starb, konnte er jedoch einen der Reliquien-Räuber tödlich verletzten, dessen Leiche am Rheinufer gefunden wurde. Von seiner Beute keine Spur. Die örtliche Polizei scheint überfordert dieses Rätsel zu lösen, weshalb sich Pater Hieronymus nun an niemand geringeren als Sherlock Holmes, den beratenden Meisterdetektiv aus London, wendet.

Der zeigt sich wenig interessiert an den Vorgängen in Köln, bis der Geistliche mit der ganzen Geschichte herausrückt: Anscheinend handelt es sich bei den Dieben um Anhänger eines alten Geheimbundes, deren Wurzeln im finstersten Mittelalter zu finden sind und die seit dieser Zeit versuchen, in einer bizarren Zeremonie die Erweckung eines vierten Königs in die Wege zu leiten, dem Anti-Christ. Gemeinsam mit Watson macht sich Holmes auf den langen Weg in die verschneite Domstadt, um die mysteriösen Vorkommnisse zu untersuchen. Hilfe bekommen sie dabei von dem amerikanischen Wissenschaftler Dr. Henry Jones. Einem Spezialisten der Grals-Legende, der sich seit einiger Zeit in Köln aufhält, um in den Bibliotheken und Archiven alte Urkunden und Handschriften zu studieren … und der nebenbei ein Auge auf Pater Hieronymus` Nichte Luzia Katharina von Bylandt geworfen hat. Zusammen nehmen sie den Kampf gegen einen unheimlichen und äußerst gefährlichen Gegner auf, der in Punkto List und Tücke dem verstorbenen Professor Moriarty in nichts nachzustehen scheint … ist er es am Ende gar?

Dr. Henry Jones? Ein Teufelskult? Seltsame Riten in einem geheimen Unterschlupf? Sollte Stefan Winges hier gar auf den Vater eines gewissen Peitsche schwingenden Archäologen Bezug nehmen? Kurz und knapp: Ja, das tut er. Auch wenn der Name Indiana Jones nie fällt, kokettiert Winges auf äußerst amüsante Weise mit den Merkmalen der Spielberg-Filme, ohne dabei jedoch „Der vierte König“ in ein reines Action-Abenteuer ausarten zu lassen. Im Gegenteil: Der deutsche Krimiautor hat sich augenscheinlich recht intensiv mit der Geschichte von Sherlock Holmes befasst und den originalen Ton Doyles gut getroffen. Ich schreibe mit Absicht gut und nicht sehr gut, da man hier und dort die Leichtigkeit der Originale ein wenig vermisst und Winges sich in zu langen und ausführlichen Beschreibungen ergeht. Besonders im Mittelteil fällt dies ins Gewicht, wo doch Lesetempo und Spannungsbogen merklich abzunehmen drohen und der Leser desöfteren den ermittelnden Protagonisten voraus ist. Etwas, das einem bei einer Holmes-Geschichte selten bis gar nicht passieren dürfte.

Dies ist insofern verzeihlich, da Winges sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen scheint. Immer wieder spielt er mit den altbekannten Klischees, wenngleich er gottseidank davon absieht, aus John D. Watson einmal mehr einen tumben Gesellen zu machen. Aus dessen Sicht werden die Ereignisse geschildert, wobei der Autor die Frotzeleien zwischen Holmes und seinem besten Freund äußerst vergnüglich auf Papier gebracht hat. Der Meisterdetektiv selbst tritt, sieht man einmal von seiner Spurensuche am Kölner Dom ab, in der ersten Hälfte nur wenig in Erscheinung und überlässt weitestgehend dem Doktor das Feld, der, wie schon bei „Der Hund der Baskervilles“, als Ablenkungsmanöver fungiert, um die bösen Buben in Sicherheit zu wiegen. Überhaupt folgt in „Der vierte König“ eine Hommage nach der anderen. Mal die originalen Sherlock-Holmes-Geschichten, mal Indiana Jones betreffend. Eine Verfolgungsjagd auf dem Rhein samt Schießerei (siehe auch „Das Zeichen der Vier“) darf ebenso wenig fehlen, wie der Einsatz einer Peitsche im Angesicht einer hungrigen Raubkatzenmeute (siehe auch „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“).

Winges sorgt durchgängig für kurzweilige Unterhaltung, was nicht zuletzt daran liegt, das er in der Wahl der Schauplätze ein gutes Händchen beweist. Die düsteren Seitenschiffe des Kölner Doms, das Zeltdorf eines reisenden Zirkus, ein vereister Flusslauf und die finsteren Höhlengänge in Siegfrieds Drachenfels. Hier schimmert ein wenig Winges\' Begeisterung für die Schauerromantik durch, welche ja bereits schon John Dickson Carr bewog, einige seiner Werke in Deutschland spielen zu lassen. Was die Spannung angeht, kann der Autor leider nicht in Gänze punkten. Wie bereits erwähnt, erlaubt sich die Geschichte ein paar Pausen zu viel, vermochte der begeisternde Funke auf mich nicht immer überzuspringen. Auch Holmes\' geistige Fähigkeiten hätte man doch ein wenig öfter auf die Probe stellen sollen. Der Meister der Deduktion brilliert hier eher aufgrund seines handfesten Könnens, als durch intellektuelle Überlegenheit. Vielfach fühlt man sich da an Robert Downey Jr. jüngste Verkörperung des Detektivs erinnert. Überhaupt hat der „Der vierte König“ eine Handlung, die sich auf der Leinwand vielleicht noch besser machen dürfte, als zwischen den Buchdeckeln.

Insgesamt ist „Der vierte König“ eine amüsante und kurzweilige Holmes-Nacherzählung, welche im größeren Kanon der Geschichten durchaus als authentisch einzustufen ist (Winges\' Erklärung, wie dieses verlorene Manuskript Watsons gefunden wurde, ist nachvollziehbar und witzig zugleich) und das Leben des Detektivs um ein rasantes, wenn auch wenig tiefgründiges Abenteuer erweitert. Für Holmesianer ein Muss. Der durchschnittliche Krimileser muss dieses Werk allerdings nicht gelesen haben.

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