Im Namen des Sohnes

Erschienen: Oktober 2018

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: HarperCollins, 2017, Titel: 'Pappas pojke ', Seiten: 393, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2018, Seiten: 416, Übersetzt: Annika Krummacher

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Almut Oetjen
Mord und Rollenbilder

Buch-Rezension von Almut Oetjen Dez 2018

Während er im ICA-Supermarkt seinen Einkauf erledigt, wird Sam Witell von seinem Sohn Jonathan angerufen, der ihm erzählt, ein Mann sei im Haus und Mama liege auf dem Fußboden. Sam bringt Jonathan dazu, sich unter dem Bett zu verstecken, bevor die Verbindung abbricht. Sam eilt nach Hause, findet seine Frau tot vor, Jonathan ist verschwunden. Staatsanwältin Jana Berzelius, Kriminalkommissar Henrik Levin und Kriminalobermeisterin Mia Bolander haben einen neuen Fall.

In einem weiteren Handlungsstrang treffen Jana Berzelius und Danilo Peña aufeinander. Sie haben eine gemeinsame Vergangenheit als Kindersoldaten. Danilo sitzt in Untersuchungshaft und erpresst Jana dazu, im ihm bevorstehenden Prozess als Anklagevertreterin mitzuwirken. Sein wichtigstes Druckmittel ist das Leben ihres Kollegen Per Aström, für den Jana tiefere Gefühle zu haben scheint.

Vierter Band einer Reihe mit Bestseller-Garantie

Der erste Band der Kriminalromane mit Staatsanwältin Jana Berzelius erschien in Schweden 2013, in Deutschland 2015. Seitdem wurde im Jahresrhythmus ein Band in Deutschland veröffentlicht. Übersetzt wurden sie alle von Annika Krummacher aus dem Schwedischen. Der fünfte Band der Reihe ist im Original (Titel: >Broder Jakob<) für den März 2019 angekündigt.

Schepp hat als Vorbilder Alexander Ahndoril und Alexandra Coelho Ahndoril, die als Spannungsautoren unter dem Pseudonym Lars Kepler schreiben und keine Unbekannten auf der Krimi-Couch sind; außerdem Hans Rosenfeldt, der als Krimischriftsteller hierzulande bekannt wurde durch die Krimireihe Sebastian Bergmann, die er mit Michael Hjorth schreibt.

Filmische Erzählweise

Schepps erster Roman entstand aus den Vorarbeiten zu einem Drehbuch. Es ist ihren Büchern anzusehen, dass sie sich dramaturgisch am Film orientieren, mit dialogischen Ankern, kurzen Szenen und einer erheblichen Anzahl an Einstellungen bei ständig wechselnden Perspektiven auf das Geschehen, das nicht selten kurzzeitig unterbrochen wird, um auf einen anderen Handlungsort zwischenzuschneiden. Der Roman wartet auf seinen etwa 440 Seiten mit knapp 240 Szenen auf.

Anders als im dritten Band der Reihe zieht Schepp ihre Leserinnen sofort in das Geschehen, es gibt keinen behäbigen Entwicklungsvorlauf für die Geschichte. Die beginnt mit drei Handlungslinien (Sam Witell, Polizeirevier, Kampfclub), die vorübergehend getrennt verlaufen. Da Schepp ihren großen Handlungsbogen über die Plotstruktur stark aufreißt, sind aktive Leserinnen gefordert. Diese müssen der Autorin folgen wollen und davon ausgehen, dass manche banal anmutende Aktivität (Jana sitzt im parkenden Auto und wird gleich aussteigen) über die Wiederaufnahme in einer späteren Szene Sinn ergibt.

Zwiespältige Ermittlerin

Jana Berzelius ist eine Figur mit einer dunklen Vergangenheit als Kindersoldatin, worin auch die Ursache für gelegentliche Gesetzesverletzungen liegt, die sie begeht, um ihre Vergangenheit zu schützen. Auf diese Weise hat Schepp eine Art Doppelcharakter geschaffen, der sich beruflich für Recht und Ordnung einsetzt, privat aber diesbezüglich eine Bruchstelle aufweist, aus der sich für Jana anstrengende Gratwanderungen ergeben. Zu ihren Charakteristika gehört, dass sie an anderen Menschen – abgesehen vielleicht von Per Aström – kein Interesse hat und dies auch nicht verbirgt.

Zwar wird die Hauptfigur über die einzelnen Bücher weiterentwickelt. Aber für das Verständnis der Bücher besteht nicht die Notwendigkeit einer linearen Lektürefolge. Schepp nimmt die Leserinnen soweit mit, dass die benötigten Informationen im jeweiligen Band gegeben werden, was ja auch sinnvoll ist, schon allein zur Realisierung einer größeren Leserschaft, die bei einem Reihenband vielleicht abwinkt, wenn sie alle vorhergehenden Titel lesen muss.

Charakteristisch für die Masse der heutigen Kriminalromane scheint zu sein, dass ein Serienmörder grausam mordet und eine kämpferische, starke Frauenfigur den Fall löst. Hier kommt Frau Berzelius ihre Vergangenheit zupass, aus der sie kämpferisch und stark in die Gegenwart kam, was ihr in ihrer Welt hilfreich ist. Gelegentlich verwandelt sie sich, wenngleich nicht in eine Werwölfin, so doch in eine ihre gefährliche Seite auslebende Figur und begibt sich in einen illegalen Kampfclub, in dem sie schon mal einem ganz harten Gegner, einer männlichen Kampfmaschine, die Nase bricht.

Ein Einsprengsel zum Feld des Gender- und Sexismusdiskurses

"Im Namen des Sohnes" ist auch ein Roman über einsame Frauen und Rollenklischees, von Schepp insbesondere am Beispiel zweier Figuren durchexerziert. Die Justizbedienstete Rebecka, die unter mangelnder Selbstachtung leidet, weil sie spindeldürr ist und kleine Brüste hat, öffnet sich dem Zugriff des inhaftierten Danilo und spinnt sich ein Beziehungsnarrativ zusammen, das am Ende nur ihr zum Nachteil gereicht. Sie argumentiert im Rahmen von Klischees, indem sie feststellt, wie gut es tut, begehrt und anerkannt, letztlich also: wahrgenommen zu werden.

Als Rebecka Danilo das Frühstück bringt, drückt der sie gegen die Wand. Sie kann ihr Notrufgerät nicht erreichen und gerät in Panik, »Sie war vollkommen hilflos.« Danilo entblößt ihre Brüste, küsst erst Rebecka, dann ihre Brüste. »Das war nicht richtig, das wusste sie, trotzdem streckte sie sich ihm entgegen«. Hundert Seiten später liegt Rebecka nachts im Bett und denkt an Danilo. Irgendwer erinnert sich hier nicht richtig, denn sie ist überzeugt, Danilo hätte »kein einziges Mal ihre Brust berührt«.

Den Szenen mit Rebecka hat Schepp in Drehbuchmanier ein kommentierendes Komplement hinzugefügt. Mia Bolander ist mit dem wohlhabenden und erheblich älteren Gustav liiert. Zweifel an dieser Beziehung zwischen Vertretern aus zwei sozialen Gefilden hatte er beiseite geräumt mit dem Hinweis auf Mias Aussehen und ihre Verwegenheit, was für sie schlussendlich »ausschlaggebend« war. Das Aufeinandertreffen von zwei gesellschaftlichen Sphären, die Mia vielleicht als einander ausschließend sieht, spiegelt Schepp in einer Szene, in der die Polizistin in einer Boutique während des Dienstes, ihr Kollege Henrik wartet draußen am Schaufenster, unbedingt ein rotes Kleid anprobieren muss und an diesem Kleidungsstück oder ihrem Problem, damit eins zu werden in der Umkleidekabine verzweifelt.

Verbrechen und Vaterschaft

Es geht in "Im Namen des Sohnes" auch um Formen und soziale Modellvorstellungen von Vaterschaft, zu denen sich hier nicht viel schreiben lässt, ohne zu spoilern. Es sind nicht nur, dem empirischen Befund folgend, psychotische Frauen, die sich mitunter auf seltsame Weise ein Kind verschaffen. Nachdem der Fall im Zuge einer arbeitnehmerfreundlichen Woche vom Montag bis Freitag geklärt scheint, gibt es im letzten Kapitel einen Zeitsprung um drei Wochen. Hier erzeugt Schepp einen final spin, dessen Kern ein Geständnis ist, das dem Fall eine krasse Wendung gibt. Die Autorin platziert die Leserinnen mit einer der Hauptfiguren in einem hochdramatischen Entscheidungsdilemma, welches sie nicht offen auflöst, sondern indirekt über Auszüge aus Vernehmungsprotokollen.

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