Der Schatten des Todes
- Atlantik, Hoffmann und Campe
- Erschienen: April 2017
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- London: Bloomsbury, 2012, Titel: 'Sidney Chambers and the shadow of death', Seiten: 392, Originalsprache
- Hamburg: Hoffmann und Campe, 2016, Seiten: 6, Übersetzt: Moritz Pliquet
- Hamburg: Atlantik, 2017, Seiten: 415


Father Brown 2.0 ermittelt.
Chorherr Sidney Chambers ist Pfarrer der Kirche St. Andrew and St. Mary in der Gemeinde Grantchester, gelegen unweit der Universitätsstadt Cambridge im östlichen England. Im Rahmen seiner geistlichen Pflichten, aber auch privat wird er immer wieder in Kriminalfälle verwickelt, die er zusammen mit seinem Freund, Detective Inspector George Keating, löst:
- Der Schatten des Todes(The Shadow of Death), S. 9-93: Ein offenbar perfekter, denn von der Polizei als solcher nicht erkannter Mord wird aufgeklärt, als Sidney sich des Rätsels ungeschickt, aber hartnäckig annimmt.
- Eine Frage des Vertrauens(A Question of Trust), S. 95-163: Nur Freunde, Verwandte und Sidney sitzen zusammen, als ein wertvoller Ring abhandenkommt.
- Vor allem - schade niemandem(First, Do Not Harm), S. 165-235: Ist Dr. Robinson, der allseits beliebte Dorfarzt, womöglich zu dem Schluss gekommen, dass er allzu heftiges Leiden beenden darf - und muss?
- Alles hat seine Zeit(A Matter of Time), S. 237-298: Ein ungewolltes Unglück zieht Jahrzehnte später und deshalb zunächst unerkannt einen grausamen Mord nach sich.
- Der verschwundene Holbein(The Lost Holbein), S. 299-348: Die aufregende Suche nach einem kostbaren Gemälde endet für Sidneys Freundin Amanda in der Gewalt eines übergeschnappten (und geilen) Kunstliebhabers.
- Ehrenwerte Männer(Honourable Man), S. 349-412: Der Tod eines Lords auf offener Bühne erweist sich als theatralische Strafe für den Verstoß gegen einen absurden, aber sogar gesetzlich geahndeten Regelverstoß.
- Anhang, S. 413-415
Gesetze und Gebote
Das Verbrechen auf der einen und die buchstäblich göttlich inspirierte Ermittlung auf der anderen Seite: Dies ist eine Kombination, die irgendwann im Kriminalroman auftauchen musste. Denken wir heute an entsprechend inspirierte Geistlichkeit, kommt nicht nur dem historisch interessierten Leser umgehend der auch als TV-Figur präsente Father Brown in den Sinn. Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), der 1922 vom unitarisch- protestantischen zum katholischen Glauben übertrat, schuf ihn 1910 und füllte bis zu seinem Tod fünf Sammelbände mit Erzählungen, in denen er kriminelles Treiben mit religiösem und philosophischem Gedankengut mischte.
Father Brown war als Detektiv eifrig, aber nie unerbittlich. Stets machte er sich Gedanken darüber, wie es zu dem jeweils untersuchten Verbrechen gekommen war. Oft stellte er Täter, diskutierte mit ihnen und stellte sie vor die Wahl: Bereue, ertrage die Strafe, aber rette deinen Seelenfrieden. Als konvertierter Katholik thematisierte Chesterton den Glauben, der ihn erfüllte. Chesterton folgte dem mit einer manchmal aufdringlich wirkenden Inbrunst, die sich in seinen Father-Brown-Geschichten widerspiegelt.
Chesterton setzte mit Father Brown Maßstäbe, an denen sich auch James Runcie orientiert, der zwischen 2012 und 2017 fünf Bände mit Erzählungen füllte, in denen er ‚seinen‘ Father Brown Sidney Chambers auf die Spur gesetzeswidrig sowie anti-moralisch handelnder Mitmenschen setzt; diese umständliche Formulierung wird hier absichtlich verwendet, denn ein zusätzliches Problem des Priesters als Detektiv ist der Widerspruch zwischen dem religiösen Auftrag - der Sorge für Seelenfrieden und Seelenheil der übernommenen Gemeinde - und dem aufregenden, von unkontrollierten, ‚weltlichen‘ Regungen dominierten Ermittlerdrang.
Der schwache Mensch in seiner Rüstung
Eigentlich ist Sidney Chambers ‚schwach‘ nur in der Unfähigkeit, ungeachtet seines schlechten Gewissens und eines Unbehagens, das aus der Erfahrung rührt, dass die Lösung eines Krimi-Rätsels nicht nur Befriedigung auslöst, sondern auch Konsequenzen hat und den überführten Täter an den Galgen bringen können, auf seine Ermittlungen zu verzichten. Zudem ist er ein Opfer seines Erfolgs: Da seine Mitmenschen merken, dass er über einschlägiges Talent sowie über gute Kontakte zur Polizei verfügt, setzen sie ihn mehr oder weniger unter Druck, einen möglichen Kriminalfalls zu ‚übernehmen‘.
Natürlich ringt Chambers mit sich; ein Klischee, das jeder geistliche Ermittler zelebrieren muss. Da sind die eigenen Vorbehalte, weil die Jagd auf Schurken viel Aufwand und Zeit kostet, die man den Gemeindeschäflein widmen sollte. Darüber hinaus dräut im Hintergrund stets die geistliche Obrigkeit - meist verkörpert durch einen dauerverärgerten Bischof -, die das Aufsehen scheut, dass ein Father Brown oder Chorherr Chambers in den Medien und damit in der Öffentlichkeit erregt.
Hinzu kommen zwischenmenschliche Schwierigkeiten. Als Mitglied der anglikanischen Kirche unterliegt Chambers nicht dem Zölibat. Anders als Father Brown dürfte er also heiraten und eine Familie gründen. Selbstverständlich ist gerade dies problematisch und sorgt für Konflikte, die Autor Runcie ausführlich vor uns ausbreitet. Damit verstärkt er nicht nur Chambers’ Präsenz als ‚typischer‘ Mensch, sondern sorgt auch für jene emotionalen Wallungen, die den Kriminalroman angeblich adeln, weil sie über die schnöde Verbrecherjagd hinaus „literarische Werte“ generieren.
Die Last der Leidenschaft
Dies sorgt für weitere Verwicklungen, mit denen sich problemfrei scheinbar handlungsförderliche Buchseiten generieren lassen: Ist der eigentliche Fall gelöst, folgen umfangreiche Passagen, in denen Chambers reflektiert, was geschehen ist und welche Konsequenzen dies haben wird. Er ringt abermals mit sich, dröselt gewissenhaft auf, was ihm zu schaffen macht (und ignoriert jene Leser, die das mit einem Echo gleichsetzen: laut, aber leer). Letztlich entlarvt sich solche Selbstkritik als Farce, denn wendig weiß sich Chambers der Problematik zu stellen - wieso sonst füllen seine Abenteuer fünf Bände?
Natürlich gibt es zusätzliche Konflikte, für die Frauen verantwortlich sind: Dies soll Leserinnen locken. Chambers dürfte sich binden, aber was wäre langweiliger als eine ‚glatte‘ Liebesgeschichte? Also steht unser Chorherr zwischen zwei Frauen und kann sich nicht entscheiden. Das füllt weitere Seiten, auf denen das Geschehen bekannten Stereotypen folgt. Um dies zu bemänteln, arbeitet Runcie mit sozialhistorischen Besonderheiten der Vergangenheit. England in den 1950er Jahren ist ein interessanter Schauplatz in seinem Schwebezustand zwischen Tradition und nachkriegsbedingten Veränderungen. Runcie profitiert von einem zeitlichen Abstand, der es ihm ermöglicht, einst ‚verbotene‘ und unterdrückte Tatsachen - hier u. a. Homosexualität und sexuelle Gewalt - zu thematisieren.
Bezüglich der Krimi-Spannung sorgen die Storys für eine populäre, durchaus auch bräsige „Cozy“-Atmosphäre. Chambers residiert nahe des Universitätsstädtchens Cambridge, in dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Er fährt mit dem Rad durch enge Gassen und idyllische Landschaften, unterwirft sich einer knurrigen Haushälterin sowie den Launen eines hirnarmen Hundes und reift an seinen (Glaubens-) Krisen. Die Fälle sind nur scheinbar kompliziert; in der Regel halten politische und gesellschaftliche Konventionen die Ermittlungen auf. Wird der Plot wirklich komplex, muss Runcie nach dem Finale seinen Figuren lange Erklärungen diktieren. Letztlich muss man die Kombination aus Krimi, Kirche und Kuschel mögen.
Chambers & Keating im TV
Seit 2014 strahlt der britische Sender ITV 1 die Serie „Grantchester“ aus, die nach den Romanen von James Runcie entstand. Insgesamt entstanden bis 2026 elf Staffeln; hinzu kam 2016 ein „Christmas Special“. Während Robson Green der Serie seit Episode 1 als Detective Inspector Geordie Keating treu blieb, verabschiedete sich James Norton als Sidney Chambers zu Beginn der vierten Staffel. Er wurde ersetzt von Tom Brittney als Reverend William Davenport, der in Staffel 9 die Serie verließ. Rishi Nair trat als Vikar Alphy Kotteram an seine Stelle.
Inhaltlich und stilistisch orientierte sich „Grantchester“ an englischen Wohlfühl-Krimis à la „Father Brown“ (seit 2013) oder „Death in Paradise“ (seit 2011) bzw. „Beyond Paradise“ (seit 2023): Das Verbrechen ist manchmal tragisch, nie grässlich, die Stimmung mindestens so wichtig wie die Spannung, die sich in schicklichen Grenzen hält. Politische oder soziale Probleme und Missstände werden zwar aufgegriffen, sind aber nur oberflächlich relevant.
Fazit
Start in eine mehrbändige Krimi-Serie, die (sachte) Krimispannung mit philosophisch-theologischen Einschüben schüren möchte. Das Ergebnis ist jene Gemütlichkeit, für die der klassische britische Whodunit-Krimi bekannt ist, ohne dessen Raffinesse aufzuweisen: Sturm-in-Wasserglas-Lektüre auf behauptetem Niveau.

James Runcie, Atlantik, Hoffmann und Campe




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