Die rote Frau

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

- Die Kriminalinspektor-Emmerich-Reihe (2)

- Hardcover mit Schutzumschlag

- 416 Seiten

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Jörg Kijanski
August Emmerich genießt schon jetzt Kultstatus

Rezension von Jörg Kijanski Mär 2018

Wien, März 1920. Rayoninspektor August Emmerich und sein Mitarbeiter Ferdinand Winter schieben ordentlich Frust. Sie wollen in der Abteilung "Leib und Leben", einer Spezialeinheit für Mord und schwere Delikte, auf Verbrecherjagd gehen, doch ihr neuer Abteilungsleiter, Oberinspektor Albrecht Gonska, lässt sie nur Hilfsarbeiten verrichten. Protokolle abtippen statt ermitteln, während die Kollegen unter Leitung des aufgeblasenen Revierinspektors Peter Brühl den Mord am beliebten Stadtrat Fürst untersuchen.

Emmerich hat eine Kriegsverletzung am Bein (Granatsplitter), Winters Arm ist lädiert - und so gilt das Duo als Krüppel-Brigade. Dieser winkt nun doch ein neuer Fall, die Schauspielerin Rita Haidrich fühlt sich bedroht, nachdem eine Frau ihren neuen Film mit einem Fluch belegt hat.

"Als wir mit den Dreharbeiten begonnen haben, ist eine unheimliche Frau im Atelier aufgetaucht. Sie hat den Film verflucht. Seither ereignet sich eine Katastrophe nach der nächsten. Unfälle geschehen, Menschen werden krank ... Das muss aufhören. Am Mittwoch wird die große Schlussszene inszeniert, und am Donnerstag richte ich einen wichtigen Ball aus. Da darf auf keinen Fall etwas passieren."
"Und was soll ich ihrer Meinung nach tun? Ich bin Kriminalbeamter, kein Exorzist."

Emmerich wittert seine Chance. Wenn er den Fluch besiegt, dann sollen er und Winter am Fall Fürst mitarbeiten dürfen. Gonska ist einverstanden, Emmerich entdeckt schnell das simple Geheimnis des Fluches, doch der verhasste Brühl macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Dieser hat nämlich bereits den Mörder von Fürst verhaftet. Ausgerechnet Peppi, ein mehr als bemitleidenswerter Kriegsversehrter.

"Bis die endlich draufkommen, dass er's ned war - sofern's überhaupf draufkommen - is' der doch längst krepiert. Der überlebt im Häfn ka Woch'n, aber das is' der Kieberei wurscht. Sobald der Peppi tot is', is' der Fall für die Oaschlecha erledigt."

Emmerich, der aufgrund einer privaten Notlage selbst im Obdachlosenasyl lebt, kennt Peppi. Er weiß, dass dieser niemals der gesuchte Mörder sein kann, zumal Stadtrat Fürst sein wichtigster Gönner war. Er stellt Gonska zur Rede und dieser willigt überraschend ein, dass Emmerich und Winter auf eigene Faust ermitteln.

Allerdings nur inoffiziell. Drei Tage haben die beiden Polizisten Zeit, dann ist Gonska von einem Kongress zurück und will Ergebnisse sehen. Die Zeit drängt, denn Peppi wird bereits von anderen Häftlingen bedroht...

Kongeniale Fortsetzung von "Der zweite Reiter"

Alex "Daniela Larcher" Beer hat mit "Die rote Frau" einen kongeniale Fortsetzung ihres inzwischen preisgekrönten Romans "Der zweite Reiter" abgeliefert. Der neue Fall um den ermordeten Stadtrat führt die beiden ungleichen Ermittler (Emmerich ein Waisenkind, Winter von adeliger Herkunft) in die Wiener Unterwelt, das Nachtleben, die Clubs und die Prater. Essen, trinken und vergnügen, das geht immer und sei die Lage noch so schlecht.

Und ja, die Lage ist noch immer beschissen. Streng rationalisierte Lebensmittel, kaum Kleidung und abends ersetzen stinkende Karbidlampen die Elektrizität. Irgendwo muss die Stadt ja sparen. Doch trotz aller Armut mit der auch Emmerich zu kämpfen hat, nachdem er seine große Liebe Luise kopfüber verlassen musste - ihr als gefallen vermerkter Mann Xaver kehrte aus dem Krieg zurück - gibt es viele Menschen, denen es noch elender geht.

Die Zustände im Obdachlosenheim, wo Emmerich ein Notquartier hat, sind schon abstoßend, andere Lebensverhältnisse schlicht unvorstellbar. Alex Beer legt sie schonungslos offen und konterkariert sie mit der Reizüberflutung der Filmbranche. Sekt, Champagner, aber auch Fleisch; alles im Überfluss. Überbordende Dekadenz vor und hinter den Kulissen.

"Die Ermordung des Thronfolgers, die Kriegsniederlage und der Zerfall der Monarchie, die Spanische Grippe, der Hungerwinter und die kommunistischen Stürme von Budapest und München. Wen scherte es? Wien tanzte noch immer und würde es auch weiterhin tun, selbst wenn der Rest der Welt in Schutt und Asche lag."

Die Auswirkungen nach Kriegsende sind allgegenwärtig und ihre expliziten Darstellungen sind ein großer Bestandteil des Romanerfolgs. Der zweite, wichtige Faktor ist der stets missmutige Protagonist, der die Anstandsregeln der besseren Gesellschaft schlicht verachtet. Diese haben für ihn keinen Sinn, dienen lediglich der Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft.

Um deren Bodensatz geht es letztlich. Will man den Ärmsten, den Invaliden, den Kriegszitterern helfen - oder setzt man auf eine natürlich Auslese, damit die Gesellschaft neu erstarken kann? Bis zur Beantwortung dieser Frage gibt es viele böse Worte und Kommentare (nicht nur) von Emmerich, der sich und seinen jungen Partner Winter mehr als einmal in Gefahr bringt.

Wer sich für die Epoche der Weltkriege, vor allem deren soziale und gesellschaftliche Auswirkungen interessiert, der ist bei Alex Beer richtig. Mit einem zwinkernden Auge betrachtet, ist vielleicht der schönste Satz des Buches auch der Letzte: "Diese Geschichte war noch nicht zu Ende."

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