Zu nah

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: HarperCollins, 2018, Seiten: 368, Übersetzt: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann

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Annette Wolter
Grausamer Mord im winterlichen Dublin

Buch-Rezension von Annette Wolter Jan 2018

Sadomasochistische Todesspiele

Die Ermittlerin und Profilerin Frankie Sheehan kommt nach einem traumatischen Ereignis bei einer alten Ermittlung nach längerer Abstinenz zurück in den Job. Eleanor Costello, eine Professorin für Biochemie, ist erhängt worden. Die attraktive Wissenschaftlerin ist eine zwanghaft ordentliche Sauberfrau "par exellance", die ihren Arbeitsplatz an der Uni akribisch aufräumt, auch zu Hause keinen Ballast aufhebt und wohl auch sonst eine blütenweise Weste hat. Eleanors italienisch-stämmiger Ehemann hingegen schien sich im "Darknet" rumzutreiben und seine Gelüste auszuleben. Aber wie so oft: Nichts ist, wie es scheint.

Frankies Psychologin hat ihr zur Therapie ein Bonsai-Bäumchen verordnet, das sie hegen und pflegen soll. Sie freut sich, dass sie von ihrem Chef diese neue, wenn auch letzte Chance bekommen hat, bekommt aber gleichzeitig "kalte Füße" und Panikattacken. Das alles versucht sie so gut wie möglich mit ihrer zynischen Art zu kaschieren. Ihr Kollege Baz (der diplomatischere der Beiden) ist gleichzeitig ihr bester und einziger Freund.

Rasantes Thriller-Debüt von der grünen Insel

Olivia Kiernan ist Autorin und Bloggerin und stammt aus County Meat, Irland. Sie studierte kreatives Schreiben an der University of Sussex und lebt heute in Oxfortshire, doch ihre irische Kultur hat einen großen Einfluss auf ihr Schreiben. Nach "Zu nah" arbeitet sie bereits an ihrem zweiten Thriller.

Vom Darknet ist jeder auf eine morbide Art fasziniert. Lässt es wirkliche jede - noch so abartige und abwegige - Fantasie wahr werden? Als Frankie und ihr Team sich an die Ermittlungen machen, werden sie mit echten Abgründen konfrontiert. Eigentlich möchte Frankie Eleanor als Opfer wertschätzen und den Täter zur Strecke bringen. Dann kommen häppchenweise immer neue Erkenntnisse zu Tage und es geschieht ein weiterer schrecklicher Mord. Ist das Opfer wirklich das Opfer? Was hat es mit einem bereits gelöst geglaubten Fall auf sich?

Olivia Kiernan entfaltet ein komplexes Geflecht aus Ränkespielen, perversen Phantasien, Mord, Verrat und Geheimnissen, während die Bedrohung für ihre geschundene Ermittlerin immer weiter steigt, bis sich nach einigen falschen Fährten alles in einem furiosen Finale entlädt.

Eine extrem interessante Newcomerin mit einem furiosen Debut

Das Buch ist wirklich absolut empfehlenswert. Wie bei den meisten Autoren aus Großbritannien und Irland werden die Figuren mehrdimensional und realistisch gezeichnet. Frankie hat zwar - wie so gut wie alle Ermittler in Krimis - ein Trauma hinter sich, die Beschreibung ihrer Persönlichkeit bewegt sich aber im noch akzeptablen Rahmen. Ein Gewicht von 63 Kilo, bei einer Größe von 180 Zentimetern ist allerdings ein Klischee, das in einigen Thrillern auftaucht, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Nur Helen, das plumpe und übergriffige Greenhorn in Frankies Abteilung ist klein und dick. Ansonsten ist Frankie eine Persönlichkeit, die gleichzeitig die Eigenschaften fragil, zerbrechlich, knallhart und furchtlos in sich vereint.

Auch die Details über das miese und kalte Wetter in Dublin kurz vor Weihnachten passen zur düsteren Atmosphäre der Handlung. Regen, Frost, das graue Meer und ein kitschiger Plastik Weihnachtsbaum im Büro.

Vor allem die Informationen über Biochemie sind sehr interessant. Ich habe die Spannung - trotz der grausamen Details - genossen und dabei noch einiges über das Darknet, Sadomaso-Praktiken und die Möglichkeit der Verwendung von "Farben" in Kunst und Chemie gelernt.

Einziges Manko: Es gibt keine wirklich profunde Erklärung, warum manche Protagonisten sich entsprechend entwickelt haben. Eine miese Kindheit ist die wenig schlüssige Platitüde. Aber das ist für die Handlung auch nicht wichtig und dürfte den Leser nicht wirklich stören.

"Zu nah" führt zwar in die Unterwelt des Internets, aber letztlich ist das nicht der Hauptaspekt des Buches. Auch die triste Beschreibung der sonst schönen Stadt Dublin überzeugt. Wenn Frankie sich an ihrem Kaffee die Finger wärmt, möchte ich ies hr direkt gleich tun. Die Entwicklung des Bonsai-Bäumchens hat eine gewisse Symbolik. "Good job", Mrs. Kiernan! Freue mich auf Nummer 2.

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