Immer wenn du tötest

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

  • übersetzt von Sascha Rotermund
  • TB, 347 Seiten

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Andreas Kurth
Targa Hendricks geht beim Ermitteln mal wieder über die Grenze hinaus

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2021

Sie ist schon eine spezielle Ermittlerin - denn sie hat keine Angst, spürt im Grunde kaum Emotionen: Vor über 30 Jahren wurde Targa Hendricks zusammen mit ihrer Zwillingsschwester auf den Stufen eines Krankenhauses ausgesetzt. Sie überlebte die eiskalte Winternacht - ihre Schwester nicht. Aber Targa spricht regelmäßig mit Yella, berät sich mit ihr in komplizierten Lebenslagen. Ansonsten lebt sie mit einem tauben Hund in einem alten VW-Bus, mit dem sie nun auch in Asturien unterwegs ist. Doch ihr Vorgesetzter meldet sich, bewahrt sie dabei vor einer Verhaftung durch die spanische Polizei: Targa wird wieder in Berlin gebraucht, weil die Polizei einer unheimlichen Serienkillerin auf der Spur ist - ihr aber trotz aller Bemühungen nichts nachweisen kann.

Es hat mehrere Mordfälle gegeben, bei denen die Opfer auffällig drapiert wurden. Und die exzentrische Aktionskünstlerin Freya von Rittburg ist längst ins Visier der Ermittler geraten - die der cleveren Frau jedoch nicht näherkommen. Also wird Targa Hendricks geschickt in den engeren Kreis eingeschleust: Als neuer Bodyguard macht sie bei ihrem ersten Einsatz für von Rittburg gleich einen höchst eindrucksvollen Job, schützt sie vor einem aufgebrachten Vater. Bei einem weiteren Mut-Event gerät sie jedoch prompt mit ihrer Arbeitgeberin aneinander.

“Du hast dich eingemischt”, zischt Candice Targa an.

“Spinnst Du? Du wärst gestorben.”

“Na und? Was weißt Du schon von meinem Leben”, flüstert Candice. “Es ist komplette Scheiße. Das Ende hätte wenigstens einen Sinn gehabt. Aber das hast Du verhindert.”

“Du wirst eine neue Chance bekommen.” Freya legt den Arm fürsorglich um Candice und führt sie zum Jeep. Dort stehen auch die drei anderen Kandidaten. Sie sind von dieser Mutprobe noch völlig aufgeputscht, rauchen und trinken Energydrinks. Candice nimmt eine Dose und leert sie in einem Zug.

Die vier Kandidaten mussten sich auf Eisenbahnen-Schienen setzen, wo sie von Freya mit Handschellen fixiert wurden. Die hat sie erst unmittelbar vor dem heranrasenden Zug gelöst - was bei der letzten Kandidatin offensichtlich misslungen wäre. Targa mischt sich ein, und zieht Freyas Zorn auf sich. Die sammelt mit sogenannten Mut-Events eine wachsende Schar von Anhängern um sich, um mit deren freiwillig gespendetem Blut später Bilder zu malen - was nicht alle überleben.

Freya von Rittburg reitet mit ihren Events und ihren Morden auf der Rasierklinge. Dennoch wird es für Targa sehr schwer, ihr entscheidende Informationen zu entlocken. Allerdings ist sich die Killerin auch ziemlich sicher, dass an entscheidender Stelle im Innenministerium die Hand über sie gehalten wird. Schließlich gibt es da einen geheimen Club erlesener Freunde, die mit ihr alle über ihren Großvater verbunden sind, der in der Nazi-Zeit einige sogenannte Lebensborn-Heime geleitet hat.

Freya sitzt auf dem Stuhl, auf dem ihr Großvater immer gesessen hat. Das haben die Mitglieder der Organisation einstimmig beschlossen. Sie sind jetzt bereits alle weit über 70, aber immer noch sind sie Thorwald von Rittberg dankbar. Denn ohne ihn würden sie nicht existieren. Alle stammen sie aus den Lebensborn-Heimen. Niemand der Anwesenden kennt seinen Vater. Nur wenige haben die eigene Mutter gekannt. Alle sind in dem Glauben erzogen worden, zu einer nordischen Elite zu gehören. Sie haben klingende Namen und sitzen an der Schalthebeln der Macht in Deutschland.

Das Oberthema mit der Verbindung in die Zeit der Nazi-Diktatur ist schon stark gewählt. Vergleichbare Fälle dürfte es immer weniger geben, da die Überlebenden Nazi-Verbrecher immer weniger werden. Das Weitergeben der kruden Weltsicht an Kinder und Enkel, geheime Organisationen, deren Mitglieder große Macht ausüben - was für ein spannender Stoff.

Die Figur der Freya von Rittberg ist faszinierend, denn sie ist so dreist wie irre. In der Realität dürfte sie mit ihren Aktionen kaum so durchkommen, aber im Roman wird damit starke Spannung aufgebaut. Wie schon im ersten Band um Targa Hendricks wird große Dynamik erzeugt, denn Killerin und Ermittlerin messen sich aneinander.

Die schillernde Targa Hendricks erzeugt mit ihrem Alltagshandeln neben aller Spannung auch einiges an Komik: So hat sie in einem Buch gelesen, dass man in Waschsalons gehen soll, um dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Die sich daraus ergebenden Dialoge und unterhaltsamen Situationen lenken nur kurz von der eigentlichen Handlung ab, machen die Figur aber noch sympathischer. So fiebert der Leser mehr als atemlos mit, als Hendricks im Finale in akute Lebensgefahr gerät.

Fazit

Das Autorenpaar B.C. Schiller bleibt sich auch im zweiten Band der Reihe um die BKA-Fahnderin Targa Hendriks selbst treu. Es gibt hier von Beginn an einen dynamischen Plot, mit blutigen Einzelheiten - wahrlich nichts für zarte Gemüter. Die Protagonistin sorgt für reichlich Nervenkitzel bei diesem Thriller mit einem interessanten Oberthema. Offenbar hat das Ehepaar Schiller einmal mehr eingehend recherchiert, und die Ergebnisse in die spannende Geschichte einfließen lassen. Geschickt auch die unglaublich überraschende Auflösung einer zentralen Frage am Schluss; da fällt selbst altgedienten Krimi-Lesern die Kinnlade herunter - Chapeau!

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