Sonntags Tod

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Köln: Graufisch Medien, 2013, Seiten: 291, Originalsprache
  • München: Random House Audio, 2017, Seiten: 6, Übersetzt: Vera Teltz

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Andreas Kurth
Das meint Krimi-Couch.de: Selbstsucht und Brutalität lauern hinter den Lügen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Nov 2017

Ira Wittekind ist zu einer Beerdigung in ihrer Heimatstadt Bad Oeynhausen. Nach einigen Jahren in Köln hat ihr Partner sie verlassen, und sie ist in ihre ostwestfälische Heimat zurückgekehrt. Als Lokalreporterin arbeitet sie für eine Zeitung in Bielefeld. Der Tod ihrer einst besten Freundin hat Ira geschockt. In einem erweiterten Suizid hat Richard Schäfer erst seine Frau Verena und dann sich selbst getötet.

Während einer Polizei-Reportage ist Ira dann dabei, als in einer verwahrlosten Wohnung ein Toter gefunden wird. Es stellt sich heraus, dass es sich um den vor Jahren verschwundenen Michel handelt, einen der Söhne der Familie Weyer. Ira beginnt zu recherchieren, um der Familie und ihrem Freund Andy Weyer zu helfen - und fördert im Laufe von Wochen und Monaten Wahrheiten zu Tage, die viele lieber im Dunkeln gelassen hätten.

Carla Berling schickt ungewöhnliche und starke Protagonistin ins Rennen

Carla Berling hatte schon drei Romane veröffentlicht, als sie 2013 mit Sonntags Tod ihre Reihe um die ostwestfälische Lokalreporterin Ira Wittekind begann. Jeweils im Jahresabstand erschienen der zweite und dritte Band, bevor sich 2017 der Heyne-Verlag des Projekts annahm und mit Mordkapelle die vierte Folge der Reihe verlegte. Den Machern im Verlag erschien die Serie offenbar erfolgsträchtig genug, um nun auch die ersten drei Bände neu aufzulegen, im November ging es mit Sonntags Tod los. Nach der Lektüre kann ich sagen, die Entscheidung ist nachvollziehbar, Carla Berling bietet hier spannende Lektüre mit einer ungewöhnlichen und starken Protagonistin. Und der Menschenschlag in Ostwestfalen trägt dann zur Unterhaltung auch sein Teil bei.

Der tragische Einstieg in die Handlung wird von der Autorin geschickt genutzt, um bei der Beerdigung ihr großes Personaltableau zu präsentieren. Bei der Gelegenheit: Es hat mir sehr gefallen, wie in den beiden aufwändig gestalteten Umschlag-Innenseiten eine kleine Personen-Übersicht und zwei Übersichtspläne zu Bielefeld und Bad Oeynhausen integriert wurden. Für einen der viel gescholtenen - in meinen Augen zu wenig beachteten - Regio-Krimis ein tolle Ergänzung und Aufwertung.

Ira Wittekind ist eine neugierige und gute Reporterin

Richtig Schwung bringt Carla Berling in ihre Geschichte, als ihre Protagonistin zu einer Polizei-Reportage aufbricht. Im Grunde der Klassiker - und ewige Langweiler - für Lokal-Journalisten: Eine Nacht im Streifenwagen der Polizei. Nur die allerwenigsten Kollegen dürften dann etwas erleben, wie es die Autorin für Ira Wittekind schildert. Dass sie tatsächlich mit in die verwahrloste Wohnung darf, wo der Tote gefunden wird, verweise ich mal ins Reich der Fabel. Jeder Polizist würde den oder die Reporterin vor der Wohnung lassen. Stattdessen darf hier Wittekind sogar fotografieren, weil die Taschenlampe der Polizisten nicht funktioniert. Dramaturgisch erstklassig, aber in der Realität undenkbar. Macht aber nichts, dafür ist die dichterische Freiheit schließlich da.

Der Tote ist der verschwundene Sohn der Ira bestens bekannten Familie Weyer - und dann geht es richtig los mit den mehr als komplizierten Zusammenhängen und Recherchen. Berling widersteht der Versuchung, Ira Wittekind als knallharte investigative Journalistin darzustellen. Sie ist vielmehr eine neugierige und gute Reporterin, aber eben auch einfühlsam und rücksichtsvoll. Gebremst wird sie aber auch durch ihre persönliche Verbindung zur Familie Weyer - sie fängt mit Andy Weyer eine Beziehung an. Beide ahnen nicht, was im Laufe der Zeit ausgegraben wird. Hier hat die Autorin einen Plot ausgearbeitet, der es in meinen Augen in sich hat. Es geht um Liebe und Hass, Neid und Missgunst, unterdrückte Gefühle und vieles mehr. Da wird eine ganze Palette von Emotionen bedient.

Sackgassen und Irrtümer pushen die Spannung ganz enorm

Man kann Carla Berling sicherlich vorwerfen, dass sie mit dieser Familiengeschichte, wie sie insgesamt enthüllt und ausgebreitet wird, so einige Klischees bedient. Aber sie macht das einerseits überaus geschickt, und andererseits entsprechen manche Klischees eben auch der Realität. Diese viele Verwicklungen und Querbeziehungen machen die Recherchen von Ira Wittekind überaus kompliziert, sorgen aber auch für etliche Sackgassen und Irrtümer, was wiederum enorm spannungsfördernd wirkt. Der Plot ist so angelegt, dass der Leser permanent miträtselt, und jedes neue Puzzle-Teil dem Gesamtbild hinzufügen kann.

Irgendwann ist dann auch der Punkt erreicht, wo es bei der Protagonistin und ihrem Freund über journalistische Neugier hinausgeht, und die beide einfach die ganze zusammenhängende Wahrheit erfahren wollen. Ihnen und dem Leser klappt dann noch so manches mal bildlich die Kinnlade runter - vor allem, als das Geheimnis um den Tod von Michel Sonntag, geborener Weyer, gelüftet wird. Carla Berling lässt Ira Wittekind den Heimvorteil und den journalistischen Spürsinn voll ausspielen. Wer sich die Serie um die bodenständige Reporterin mit guter Spürnase anschauen möchte, findet mit Sonntags Tod jedenfalls einen perfekten Einstieg, der Appetit auf mehr macht.

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