Mr. Mercedes

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • München: Heyne, 2014, Titel: 'Bernhard Kleinschmidt', Seiten: 591
  • München: Heyne, 2015, Seiten: 591, Übersetzt: Bernhard Kleinschmidt

Couch-Wertung:

85°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

6 x 91°-100°
7 x 81°-90°
1 x 71°-80°
2 x 61°-70°
1 x 51°-60°
0 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:83.411764705882
V:16
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":1,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":2,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":1,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":3,"83":2,"84":0,"85":2,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":1,"92":2,"93":0,"94":1,"95":0,"96":2,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Michael Drewniok
Alter Polizist jagt jungen Psychopathen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2017

Detective Kermit William Hodges hadert mit dem Ruhestand. Er vermisst die Polizeiarbeit und den "Kick", den ihm die Jagd auf Gesetzesbrecher gab. Vor allem macht ihm zu schaffen, dass er seinen letzten Fall ungelöst zurücklassen musste: Mit einer schweren deutschen Limousine, die er kurz zuvor gestohlen hatte, war der später Mr. Mercedes genannte Mörder absichtlich in eine Gruppe von Menschen gerast, die vor einer Arbeitsvermittlung Schlange gestanden hatten.

Für die achtfach tödliche Attacke war Brady Hartsfield verantwortlich. Der junge Mann lebt mit seiner Mutter zusammen, die er gleichermaßen liebt wie hasst, da sie ihn als Kind regelmäßig missbraucht hat - eine ungesunde Beziehung, die weiterhin andauert. Hartsfield ist unglücklich und hasst die ganze Welt, an der er sich rächen will. Als Eismann hat er den perfekten Blick auf seine nichtsahnenden Opfer, die er unter Ausnutzung seiner technischen Kenntnisse ausspioniert. Aktuell richtet Hartsfield seine Aufmerksamkeit auf Hodges. Er will den Ex-Detective solange manipulieren, bis dieser Selbstmord begeht - ein Plan, den Hartsfield schon einmal erfolgreich in die Tat umsetzen konnte.

Doch in Hodges hat sich der Killer getäuscht. Zwar ist der ehemalige Cop in der Tat deprimiert. Dies ändert sich allerdings schlagartig, als Mr. Mercedes beginnt, ihm anonyme Mails zu schicken. Hartsfield hat seine Botschaften mit Bosheiten gespickt, die Hodges' Selbstvertrauen schwächen sollen. Stattdessen blüht der alte Mann auf: Er beschließt, seinen letzten Fall privat als Ruheständler zu lösen.

Seine Methoden mögen anachronistisch sein, doch Hodges versteht noch immer sein Ermittlungshandwerk. Langsam aber sicher rückt er Mr. Mercedes näher, der dies erst erschrocken und dann zunehmend wütend registriert. Hartsfield verliert die Kontrolle und beschließt, diese Welt buchstäblich mit einem großen Knall zu verlassen ...

Das ganz & gar reale Böse

Es ist beileibe nicht so, dass Stephen King mit Mr. Mercedes erstmals jenes Genre verlässt, dem er seine Prominenz verdankt. Immer wieder hat King betont, dass er in erster Linie Geschichten erzählen will. Dass diese überproportional oft mit Geistern, Vampiren u. a. Schreckensgestalten bevölkert sind, liegt schlicht an der Tatsache, dass King das Übernatürliche liebt und es gern heraufbeschwört.

Nichtsdestotrotz ist er auf das Jenseits, die Twilight Zone oder das Weltall nicht angewiesen. King besitzt ein feines Gespür für den "alltäglichen" (US-) Menschen. Er ist selbst in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, durch- und überlebte eine unerfreuliche Kindheit und fristete lange eine Existenz hart an der Armutsgrenze, bevor er als Schriftsteller erfolgreich und reich wurde. King kennt deshalb die Abgründe einer Gesellschaft, die sich noch immer dadurch definiert, dass man es 'schaffen' kann, wenn man sich nur redlich anstrengt. Er weiß um die Fadenscheinigkeit dieses Glaubens - und um die Folgen. Nicht grundlos wählt Mr. Mercedes für seinen ersten Anschlag Menschen, die arbeitslos vor einer Stellenvermittlung warten: Diese Gesellschaft hat ihre Schwachen dorthin ausgegrenzt, wo sie nicht nur ihre Existenz und ihre Würde, sondern jetzt auch ihr Leben verlieren.

Selbst dort, wo King die erwähnten Kreaturen der Nacht auftreten lässt, klammert er zwischenmenschliche Probleme niemals aus. In der Krise schließt sich die Gruppe bei ihm nicht automatisch zusammen. Stets gibt es Brüche, die eine Einigkeit verhindern. Egoismus, Angst oder Selbstsucht können überwunden werden, doch dies muss nicht geschehen. Aus diesem Grund sind auch Hauptfiguren bei King nie sicher: Sie sterben ohne eigenes Verschulden am Ende einer Ereigniskette, die nicht straff gespannt ist, sondern in Schleifen und Wirbeln verläuft. Nie kommt es, wie es gedacht war. Pläne scheitern, müssen geändert und schließlich durch Improvisation oder Schlimmeres ersetzt werden. Zwar gibt es Konstanten wie Liebe und Freundschaft, doch sie geben nicht immer Halt: Jedem Happy-End wohnt bei King ein bitterer Beigeschmack bei.

Schrecken ohne Größe

Mr. Mercedes ist deshalb ein "echter" Stephen-King-Roman, der das Böse dort ortet, wo der Verfasser es ohnehin nisten sieht: inmitten ganz und gar diesseitiger Menschen, die es ausbrüten und einander antun. Dämonen und andere Märchenbuch-Schurken sind dazu völlig überflüssig.

Genialität ist ebenfalls ohne Bedeutung. Bill Hodges ist kein Sherlock Holmes, sondern schlicht ein guter Ermittler, der einsetzt, was er gelernt und in vielen Berufsjahren angewendet hat. Wissenslücken im IT-Bereich füllt er nicht durch intensives Selbststudium, sondern sucht sich entsprechende Hilfe. Der Weg zu Brady Hartsfield ist keineswegs glatt und gerade. Mehrfach irrt sich Hodges, was durch entsprechende Ausfälle seines Kontrahenten ausgeglichen wird.

Denn Hartsfield ist kein Super-Schurke à la Hannibal Lecter, sondern ein psychisch kranker, gestörter Mann, der viele Jahre 'funktioniert' hat und unauffällig blieb, nun aber die Kontrolle zu verlieren beginnt. Dass Hartsfield nach seinem Amoklauf als Mr. Mercedes ungefasst blieb, verdankt er nicht seiner ausgeklügelten Planung, wie er selbst sehr gut weiß: Hartsfield hatte einfach Glück, durch die Maschen der Polizeifahndung zu schlüpfen - ein Glück, das u. a. darauf beruhte, dass Hodges, damals noch im Dienst, die entsprechenden Indizien übersah bzw. fehlinterpretierte.

Als Hartsfield merkt, dass Hodges kein Opfer ist, sondern sich zu neuen, dieses Mal womöglich erfolgreichen Nachforschungen aufrafft, besteht seine Reaktion nicht im Entwurf raffinierter Gegenmaßnahmen. Hartsfield gerät erst in Zorn, dann in Panik. Seine Attacken laufen ins Leere und fallen auf ihn selbst zurück. Schließlich resigniert Hartsfield. Er plant seinen Tod als großes Spektakel. An Hodges hat er das Interesse verloren.

Mr. Mercedes ist nicht raffiniert durch seinen Plot. Im Kern sind Kings Geschichten nie besonders fein ziseliert. Der Faktor Mensch interessiert den Verfasser deutlich stärker. Deshalb bietet Mr. Mercedes einen sauber konstruierten Spannungsbogen, unter dem kurzfristige Entscheidungen, Fehler und Missverständnisse in ein zwar spektakuläres aber wiederum alles andere als großartiges Finale führen.

Klischees und Überraschungen

King definiert den Thriller nicht neu. Er versucht es klugerweise nicht einmal, sondern setzt auf seine Stärken: Dem Klischee vermag King immer wieder Neues zu entlocken. Es wird durch die gelungene Variation zum Bewährten aufgewertet. "Mr. Mercedes" ist reich an entsprechenden Überraschungsmomenten. Oft bereitet King Situationen vor, wie es der erfahrene Leser erwartet, wirft dann jedoch das Steuer herum. Auf diese Weise imitiert die Fiktion das Leben, das nie den geraden Weg einschlägt.

Ebenfalls üblich aber immer noch und wieder lektüretauglich führt King ein skurriles, für die Herausforderung einer Psychopathen-Hatz denkbar ungeeignetes Team zusammen. Neben Hodges treten ein eifriger aber unerfahrener Fast-Student und eine depressive Frau in mittleren Jahren. Zwischenzeitlich ergänzt Hodges' späte Liebe die Gruppe, die bis zum Finale Federn lassen muss: Der Kampf für die gute Sache ist bei King ein Risiko. Man wächst daran - wenn man überlebt!

Weniger die Überraschungen als die erstaunliche Kongruenz der Handlung erregt beim Leser Bewunderung. Obwohl immer wieder Unvorhergesehenes geschieht, hält King seine Geschichte auf Kurs. Er besitzt ein ausgeprägtes Gefühl für Timing, das ihm dieses Mal nicht durch seinen mindestens ebenso starken Hang zur Abschweifung außer Sicht gerät. Mr. Mercedes gehört mit knapp 600 (in der Übersetzung zudem buchstabengroß und randbreit bedruckten) Seiten zu Kings kürzeren Werken.

Er hat Geschmack am Thriller gefunden, und auch die Verkaufszahlen stimmen offenbar. Der Epilog kündigte eine mögliche Fortsetzung bereits an. Sie wird unter dem Titel "Finders Keepers" in den Handel kommen und sowohl Hodges als auch sein Team in einen neuen Fall verwickeln.

Anmerkung

Selbstverständlich streut King wieder "Interna" in seine Geschichte ein - Namen und Ereignisse werden erwähnt, die den nitpickenden Leser an frühere Werke des Meisters oder auch seines Sohnes erinnern; Joe Hill ist längst selbst ein erfolgreicher Autor, der den Vater einerseits glänzend kopieren kann, während er andererseits eigene Wege zu gehen vermag.

Diese Verbindungen werden auf einschlägigen King-Websites aufgelistet, weshalb sich dieser Rezensent die Arbeit sparen kann. Seltsamerweise fehlt auf den Listen der Hinweis, dass Mr. Mercedes sich auf die Kurzgeschichte "Morning Deliveries" (1985; dt. "Morgenlieferung") anlehnt. Sie erzählt vom Milchmann Spike, der ähnlich unsichtbar wie Hartsfield als Eismann durch die Straßen fährt und seinen Kunden böse Überraschungen beschert. King griff hier und für eine weitere "Milchmann"-Story sowie offenkundig für Mr. Mercedes auf ein nie vollendetes Roman-Manuskript zurück.

Mr. Mercedes

Mr. Mercedes

Deine Meinung zu »Mr. Mercedes«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
15.09.2019 08:38:48
Jochecker

Das ist einer der langweiligeren Sorte von Thriller, die ich gelesen habe. Das Buch ist viel zu langatmig(600 Seiten) Es geht inhaltlich überhaupt nicht nach vorne und ich habe mir öfters gedacht, wann geht es jetzt ordentlich zur Sache? Auch Richtung Ende hin nimmt dieses Buch überhaupt keine Wendungen mehr an. Man weiß schon lange im vorraus, wie diese Geschichte zu Ende geht. Immer diese Happy end Geschichten. King hätte Eier gezeigt, wenn der ganze Laden in die Luft geflogen wäre. Ich habe auch eher das Gefühl, dass King sich das von guten Thrillerautoren alles zusammengebastelt hat. Das hat man nämlich alles schon öfters in ähnlicher Art und Weise gelesen. Gähn!

29.08.2019 10:01:17
geronimox

Das soll ein »Stephen King« gewesen sein? Beim lesen des Romans habe ich mich immer gefragt: Wann geht es endlich mit dem Übernatürlichen los? Statt dessen las ich mich durch einen 08/15 Krimi, noch nicht einmal ein Thriller, denn Spannungsspitzen sind im Roman nur spärlich vorhanden.

Ohne den groß auf dem Cover stehenden Autorennamen hätte dies auch eine Geschichte eines x-beliebigen anderen Schreibers sein können.

Soso, der Killer ist ein Soziopath, hat eine inzestuöse Beziehung zu seiner Mutter und noch nie eine richtige Freundin gehabt? Mehrere tragische Sterbefälle in der eigenen Familie lassen die Morde des Killers der Intention »die anderen sollen auch das fühlen was ich fühlen musste« folgen? Als Typisierung eines Mörders auch nix neues.

Wenigstens schafft King es die Geschichte ohne Längen voranzutreiben und wartet auch wieder mit einer ganzen Reihe skurriler und/oder sympathischerTypen auf.

Mein Fazit: Ein Krimi ohne Überraschungen. Als Startroman einer Trilogie nur Durchschnitt. Würde nicht »King« auf dem Cover stehen würde dieses Buch schnell ins unterste Regal der Buchhandlungen wandern.

6,5/10

-

02.08.2018 19:32:29
benfi

Das erste was ich nach den anfänglichen Seiten des Romans 'Mr. Mercedes' dachte, war: oh, Stephen King auf Psycho-Thriller-Pfaden! Dem ist allerdings nur bedingt so. Ganz schnell erfährt der Leser, wer der Mörder ist und der amerikanische Autor packt den Leser in das spannende Handlungs-Gefecht zwischen dem Killer und dem ehemaligen Polizisten. Dabei muss man Bill Hodges - diesen totalen Anti-Helden - wirklich gerne haben. Sehr realitätsbezogen lässt King diesen als selbst-zweifelnden Rentner erscheinen, der dem Leben gar nicht mehr soviel abgewinnen kann. Ein ungewohnter Krimi in dem klassischen Stephen-King-Stil; das ist es, was hier der Leser geboten bekommt, wenn auch in der von ihm selten benutzten gegenwärtigen Erzählung. Gleichfalls ist es wieder mal ein Kampf zwischen Gut und Böse - allerdings auf eine ganz neue Art vom Meister des Horrors, wie King ja oftmals genannt wird; geboten. Kein Dämon, kein Spuk - der Horror ist hier mal wieder in Menschengestalt vertreten - und auch diesen beschreibt King sehr nachvollziehbar aus der Sichtweise des Mercedes-Killers. Die Story-Line ist rundum perfekt und immer wieder gelingt dem Autor eine kleine oder auch größere Wendung in der Handlung, welche sich zu einem spannenden Showdown hinarbeitet. 'Mr. Mercedes' ist ein sehr gelungenes Werk, was wieder einmal aufweist, dass Stephen King alle Varianten von Romanen beherrscht - und dabei wirklich tolles abliefert! Da erfreut es den Leser umso mehr, dass der Roman der erste einer Trilogie um den Detective Bill Hodges ist - es gibt also noch einiges an Nachschlag aus der Feder des Autors!
84 Grad