Finderlohn

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2015, Übersetzt: David Nathan, Bemerkung: ungekürzte Lesung

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Michael Drewniok
Die unterschätzte, tödliche Macht des Wortes

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2016

Vor mehr als drei Jahrzehnten hatte Morris Bellamy, ein soziopathischer Loser, den berühmten Schriftsteller John Rothstein überfallen, ihn erschossen und seinen Safe geplündert. Darin lagen nicht viele Dollarscheine, sondern vor allem zahlreiche Notizbücher, in denen Rothstein seit Jahren neue Storys und Romane sammelte, die er noch nicht veröffentlicht hatte. Auf diese Manuskripte hatte es Bellamy, der krankhaft von Rothsteins Werk besessen ist, damals abgesehen. Seine beiden Kumpane brachte er um, danach vergrub er Geld und Notizbücher in einem Koffer, um buchstäblich Gras über die Bluttat wachsen zu lassen. Doch kurz darauf vergewaltigte Bellamy im Suff eine Frau und wurde zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt.

Als er aus der Haft entlassen wird, kann er seinen Schatz nicht mehr finden: Schüler Pete Saubers hatte ihn zufällig entdeckt. Das Geld konnte seine Familie gut brauchen, während die Notizbücher Pete ebenso in den Bann schlugen wie Bellamy. Dieser sucht fieberhaft nach dem Inhalt des Koffers und kann die Spur aufnehmen, als Pete versucht, die Rothstein-Texte zu vergolden: Das Geld aus dem Koffer ist aufgebraucht, doch die Familie Saubers steckt weiterhin in finanziellen Nöten.

Bei der Fahndung nach "seinen" Notizbüchern geht Bellamy über Leichen. Er findet heraus, wer ihn "bestohlen" hat, und beginnt Pete zu bedrohen. Als dieser in Panik gerät aber schweigt, um seine Familie zu schützen, hat Bellamy leichtes Spiel mit dem unerfahrenen Teen. Doch eine dritte Partei mischt sich ein: Petes Schwester hat Wind von den Nöten des Bruders bekommen. Sie erzählt einer Freundin davon, die wiederum Kermit William Hodges informiert. Der ehemalige Polizist, der vor Jahren den berüchtigten "Mercedes-Mörder" fing, hat eine kleine Detektei eröffnet und übernimmt den Fall. Allerdings könnte es zu spät sein, denn der zunehmend irrationale Bellamy hat den Saubers den Krieg erklärt, sich bewaffnet und weiter getötet, ohne sich um die Folgen zu scheren ...

Der Mensch als der wahre Schrecken

Zum zweiten Mal lässt Stephen King, sonst (vor allem in der Werbung) als "König des Horrors" bekannt, den ehemaligen Polizisten und Privatdetektiv Kermit Hodges auftreten. Der trifft auf zwar auf einen unzurechnungsfähigen und gerade deshalb gefährlichen Mehrfach-Mörder, wird aber darüber hinaus von Geistern, Monstern oder Außerirdischen verschont: Finderlohn ist ein Kriminalroman, der (weitgehend) den Regeln dieses Genres folgt. King ist eben nicht "nur" ein Meister des Phantastischen, sondern vor allem ein Geschichtenerzähler, der auf den Grusel als Treibriemen längst nicht mehr angewiesen ist.

Romane wie dieser mögen King - der dem Horror keineswegs abgeschworen hat - eine willkommene Abwechslung bieten. Außerdem ermöglichen sie es ihm, sich auf einen Aspekt zu konzentrieren, der King seit jeher mindestens ebenso wichtig wie die überzeugende Darstellung übernatürlichen Grauens ist: Im Mittelpunkt stehen für King seine Figuren, die er scheinbar simpel aber eigentlich ungemein geschickt mit einem Leben erfüllt, das sie über die Eindimensionalität bedruckten Papiers hinaushebt. King beschreibt Menschen in der Krise. Sie werden geprüft und müssen Entscheidungen treffen. Daraus ergeben sich Konsequenzen, da Fehler gemacht werden.

Auf dieser Ebene ist es in der Tat nebensächlich, ob Kings "Helden" - in der Regel überforderte Durchschnittsmenschen - einem Geschöpf aus dem Jenseits oder einem sehr realen Verbrecher wie Morris Bellamy begegnen: Schon lange hat King deutlich gemacht, dass der wahre Schrecken im Menschenhirn lauert. Dort sitzt er lange gut verborgen. Da man seinen Mitmenschen nicht in den Kopf schauen kann, mag der Nachbar, der Freund, sogar der Lebenspartner dort hässliche Gedanken wälzen, bis diese eines schlechten Tages in die Tat umgesetzt werden.

Die Macht des Wortes

Wie es sich für einen redlichen Unterhaltungsschriftsteller gehört, bemüht sich King, den altehrwürdigen Krimi ein wenig gegen den Strich zu bürsten. Zwar wird wie erwähnt mehrfach (und hässlich) gemordet, doch generell konstruiert King ein Verbrechen der ganz eigenen Art, wobei er sich im gewählten Metier auskennt. In der Welt des Buches - das heute zunehmend digital daherkommt - ist er daheim, auf einschlägiges Wissen greift King nicht zum ersten Mal zurück.

Die Hauptfigur ist dieses Mal zwar kein Schriftsteller. Stattdessen geht es um ein Gut, das vor allem oder sogar nur den regelmäßigen Lesern dieser Welt bekannt und teuer ist: die erzählte Geschichte. Sie kann im Kopf etwas in Gang setzen und dem Geist buchstäblich neue Tore öffnen. Mancher Autor scheint exakt in Worte zu fassen, was den Leser gerade beschäftigt. Dann entsteht ein unsichtbares aber festes Band, denn ein solcherart beeindruckter Leser wird weiterhin die Werke ‚seines' Verfassers bevorzugen - eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehung.

Allerdings gibt es auch hier ein Zuviel des Guten. Nicht der Mensch John Rothstein ist Morris Bellamys Mentor und Meister, sondern der Autor gleichen Namens. Als dieser nicht mehr den gewünschten Stoff liefert und damit einseitig (und ahnungslos) den Pakt aufkündigt, den Bellamy mit ihm geschlossen hat, bringt ihn der enttäuschte Jünger kurzerhand um. Ihm bleibt das literarische Erbe, über das er allein verfügen kann. Damit ist Bellamy, der es zu nichts gebracht hat, endlich an eine privilegierte Stelle im Räderwerk des Lebens gerückt.

Vermächtnis mit ungeahnten Folgen

Geld ist Bellamy dagegen gleichgültig. Damit hat King einen besonders gefährlichen Gegner geschaffen: den Fanatiker, der buchstäblich über Leichen geht, ohne an die Gefahr für das eigene Leben zu denken - eine Figur, die ebenfalls immer wieder in Kings Geschichten auftaucht.

Der Autor verschärft die Lage, indem er dem ohnehin unberechenbaren Bellamy einen Teenager gegenüberstellt, der - eine dritte Konstante in Kings Werk - mit der Pubertät und dem Übergang in die Welt der "Erwachsenen" mehr als genug beschäftigt ist. Darüber hinaus fehlt Pete Saubers das Fundament einer stabilen Familie. Nur das unrechtmäßig in Besitz genommene Fundgeld aus dem Rothstein-Koffer kann die finanziellen Ruin der Saubers, eine sonst sicherlich folgende Scheidung und somit das Ende der Familie verhindern. Das für Pete daraus entstehende Gewissensdilemma ist wichtig, da sonst einige Handlungswendungen unlogisch wären.

Es ist typisch für King, dass er Schwarz-Weiß-Zeichnungen vermeidet. Pete Saubers ist kein Held, aber Morris Bellamy ist auch kein eindimensionaler Kapitalkrimineller. Mehrfach ertappt man sich dabei, Anflüge von Mitleid für diesen durch und durch verkorksten Mann zu empfinden, der an seinem Versagen keineswegs allein schuldig ist. Dadurch versteht man die irrwitzige Fixierung auf die Rothstein-Manuskripte, die wiederum ein Verhalten steuert, das rational schwer zu kalkulieren ist und daher für zusätzliche Spannung sorgt.

Der Detektiv als Katalysator

Diese Unberechenbarkeit wird zum Problem, als der systematisch ermittelnde Kermit Hodges die Handlung betritt. Das geschieht relativ spät; die beiden ersten Drittel des Romans gehören Bellamy und Pete Saubers. Auch später ist Hodges eher Zeuge als Täter: Sowohl Bellamy als auch Pete legen ihn mehrfach herein. Selbst das finale Duell ist faktisch schon entschieden, als Hodges auf der Bildfläche erscheint.

Eigentlich könnte King auf Hodges sogar ganz verzichten. Dieser scheint primär mitzuwirken, weil Finderlohn als Teil 2 einer Kermit-Hodges-Trilogie vermarktet wird. Stattdessen scheint sich der Detektiv zurückzuhalten bzw. seine Kräfte für Teil 3 zu sparen. Den bereitet King mit einer Nebenhandlung vor: Der Schlag auf den Schädel, der den "Mercedes-Killer" Brady Hartsfield im Finale von Teil 1 beinahe tötete, hat in dessen Hirn eine verhängnisvolle Neuverdrahtung in Gang gesetzt: Hartsfield, der scheinbar den Verstand verloren hat, entwickelt übernatürliche Kräfte à la "Firestarter" (1980; dt. Feuerkind). In "End of Watch" (2016) wird der frischgebackene Mutant böse und übermächtig zurückkehren und dabei selbstverständlich wieder auf Hodges treffen.

Ungeachtet dieses Konstruktionsfehlers beeindruckt wie in Mr. Mercedes abermals Kings Geschick, die Handlung mehrfach in unerwartete Richtungen zu treiben, ohne dabei die Fäden freizugeben bzw. ein Verknoten zu gestatten. Zwar fehlt die Wucht, die King-Werken wie Shining, Friedhof der Kuscheltiere oder The Green Mile - um drei willkürlich ausgewählte Beispiele zu nennen - auszeichnet. Stattdessen bietet Finderlohn eine rasante Lektüre, die bis zum (leicht trügerisch "glücklichen") Ende unterhält.

Finderlohn

Finderlohn

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Letzte Kommentare:
27.01.2019 16:19:24
benfi

Der Roman 'Finderlohn' ist das zweite Buch um den ehemaligen Polizisten Bill Hodges. Allerdings ist dieses Werk aus dem Jahre 2015 doch ziemlich anders als man vermutet, wenn man das erste Buch 'Mr. Mercedes' mit dieser Hauptcharaktere gelesen hat. Es ist keinesfalls eine klassische Fortsetzung - soviel darf verraten werden. Vielmehr verhärtete sich meine Meinung bei dem Lesen des Romans, dass der amerikanische Autor Stephen King hier womöglich zwei - oder gar drei Roman-Ideen miteinander vermengt hat. Schon sehr schnell kommt man nämlich drauf, dass sich King hier ausführlich um die amerikanische Literatur kümmert und dieser scheinbar eine kleine - zugegebenermaßen dramatische - Hommage versehen wollte. Ähnliches findet sich jedoch schon in älteren King-Werken; ein fanatischer Leser siehe 'Sie' oder das Leben eines Gefängnis-Insassen siehe in der Kurzgeschichte 'Pin Up'. Irgendwann werden dann die Figuren des Romans 'Mr. Mercedes' integriert und dazu einige Verflechtungen zu diesem ersten Band gestrickt.Hierbei möchte ich die Figur der Holly Gibney kurz erwähnen, welche sich von dem vorherigen Band, in dem sie schon auf ihre Art begeisterte, nun noch interessanter agiert. Wenn also der Gedanke des Autor eben keine Zusammenführung zweier Roman-Ideen war, ist das ganze schon wirklich aufwendig wie genial durchdacht worden. King zeigt besonders bei den Abschnitten um und zur Literatur, wie toll er erzählen kann, ohne, dass etwas dramatisches passiert. Empfindungen und Gedankengänge werden lebhaft wiedergegeben. Wenn es dann 'zur Sache' geht, ist der Autor gar noch besser - siehe zum Beispiel den Beginn des Romans, als bei dem Autor Rothstein eingebrochen wird. Sehr fesselnd herübergebracht! In dem Part um den ehemaligen Polizisten lässt King den Leser heimisch fühlen, wenn man den vorherigen Roman gelesen hat. Sofort ist man wieder mit den Protagonisten vertraut und freut sich, neues aus deren Leben zu erfahren. 'Finderlohn' ist kein effekthaschendes Buch, aber ein etwas anderer Kriminalroman aus der Feder des 'Königs des Horrors'. Sehr lesenswert trotz etwas ungewohnten Terrain...
83°

01.08.2018 15:41:23
Anke

Nachdem ich Mr. Mercedes vor ein paar Jahren zum Geburtstag bekommen habe, bin ich letztens dann doch endlich dazu gekommen, den (für mich) "neuen King" zu lesen. Was soll ich sagen? Spannend, sehr gut geschrieben, ein echter Krimi, der Lust auf MEHR macht.Kaum ausgelesen, musste dann natürlich sofort das Nachfolgewerk "Finderlohn" her.

Auch wenn man den zweiten Band ohne den Vorgänger lesen sowie verstehen kann, rate ich dringend zur Einhaltung der Reihenfolge."Finderlohn" hat mich nicht enttäuscht, im Gegenteil: Stephen King hat noch eine "Schippe drauf gelegt". Er beweist, dass er nicht nur in der Fantasy-Ecke einen Namen hat, sondern ebenso spannende (fast) nicht übernatürliche Thriller schreiben kann.

Inhaltlich haben meine Vorschreiber schon einiges verraten, sodass ich mich hier ungern wiederholen will. Besonders gelungen finde ich das erste Drittel des Buches, welches immer wieder in spannenden Zeitsprüngen die Geschichte der Familie Saubers und der Bellamys erzählt.

Kurz und Knapp: Echte Kaufempfehlung! :-)

07.06.2016 11:09:48
liva

Stellen Sie sich vor, Sie vergraben Ihr Diebesgut an einem vermeintlich sicheren Ort und werden dann aufgrund eines anderen Vergehens für die nächsten 30 Jahre inhaftiert. Das einzige, was Sie in dieser Zeit nicht verzweifeln lässt, ist der Gedanke an Ihren „Schatz“, der auf sie warten wird. So erging es Morris Bellamy, dem Protagonisten dieses Romans, in den siebziger Jahren.

Jetzt stellen Sie Sich weiter vor, Sie sind ein 13-jähriger Junge, dessen Familie aufgrund finanzieller Probleme zu zerrütteten droht, und Sie finden einen vergrabenen alten Koffer. In diesem befinden sich ein paar Umschläge mit mehreren 1000 $ und etliche Notizbücher eines bekannten Schriftstellers, der vor etwa 30 Jahren durch Mord ums Leben gekommen war. Dies widerfährt Pete Saubers, einem weiteren Protagonisten dieses Romans, in den 2000 Jahren.

Und wie es das Schicksal (bzw. der Autor) will, treffen die beiden Figuren bald aufeinander. Der mittlerweile 70-jährige Bellamy ist rasend vor Wut und will unter allen Umständen seinen „Besitz“ zurück, koste es was es wolle. Auf seinem Weg zu diesem Ziel zerstört er gnadenlos alles, was sich ihm in den Weg stellt.

Auch wenn Stephen King dem echten Horror abgeschworen hat und sich jetzt eher im Thriller Genre bewegt, so bleibt er doch bei dem, was seine Romane ausmachen. Es geht wie immer um Mord und Totschlag und weil das an sich nicht genug ist, wird dies äußerst genau beschrieben. Bis ins kleinste Detail werden die ekeligsten Ereignisse dargestellt und dem Leser so jeglichen Raum für Fantasie genommen. Da tropft das Blut, da schwingt das Beil, da riecht es nach verwesendem Fleisch. Und wer Bücher von diesem Autor kennt, der weiß außerdem: es geht nicht ohne mindestens einen total durchgeknallten Typen.

King lässt seinen psychopathischen Protagonisten Bellamy in grober und brutaler Sprache agieren, nicht ohne fäkale Ausdrucksweise hier und da. Ansonsten verzichtet der Autor auf lange komplizierte Sätze, schreibt einfach und fließend, dass man sich ganz auf Inhalt und die fesselnde Spannung konzentrieren kann.

Wegen der extremen Gewaltszenen ist dieser Roman absolut NICHT jugendfrei! Aber: wer erwachsen ist, bei klarem Verstand und das Ganze mit einem Augenzwinkern lesen kann, der findet mit diesem Buch gute und kurzweilige Unterhaltung. Spannend von der ersten Seite an bis zum bitteren Ende. Ein typischer Stephen King eben! ;-))

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