Projekt Orphan

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: HarperCollins, 2017, Seiten: 480, Übersetzt: Mirga Nekvedavicius

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Jochen König
Wenn Waisen reisen

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2017

Evan Smoaks zweiter Auftritt bringt ihn mächtig in die Bredouille. Und bricht ihm beinahe das Genick. In jeder erdenklichen Hinsicht. Zunächst startet alles wie bekannt: Smoak, der legendäre "Nowhere Man" bewahrt die 17-jährige Ana Reznian davor, als Opfer eines Mädchenhändlerrings zu enden. Er verletzt den Anwerber, tötet den Drahtzieher und sucht nach weiteren Involvierten, die er ausschalten kann. Stößt dabei auf die Daten eines anderen Mädchens, dessen Verschiffung bevorsteht. Getreu seines Mottos "lasse niemals einen Unschuldigen sterben" will er umgehend die Rettung der Maid einleiten.

Killer sitzt lange in der Klemme

Leider wird Evan Smoak, der brillante Denker, Aufpasser, Kämpfer, Killer, Planer und mehr, selbst Opfer einer Entführung. Nach knapp fünfzig Seiten. Die nächsten 330 Seiten benötigt er, um aus seinem Gefängnis auszubrechen. Es braucht mehrere Versuche. Nach jeder vergeblichen Fluchtanstrengung werden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Doch Zweifel am Gelingen eines Plans hegt der Leser zu keiner Zeit. Und so kommt es, wie es kommen muss, nur reichlich spät. Bleiben 100 Seiten übrig, auf denen Smoak Zeit hat, eine Unschuldige zu retten, seinen Verfolgern aus den Reihen des Orphan-Projektes zu entkommen und sich an seinen Entführern zu rächen. Es wird natürlich nicht verraten, ob, und wenn ja, wie ihm das gelingt.

So viele Verwandte, so wenig gemein

Evan Smoak hat viele Leidensgenossen, mit denen er sich am Stammtisch treffen könnte. Jack Reacher, Jason Bourne, James Bond, Max Guevera und der namenlose Poncho-Träger in den Sergio Leone-Filmen. Um nur ein paar wenige zu nennen.

Mit Max "Dark Angel" Guevera teilt er das Schicksal, als (Waisen)kind von einer geheimen Regierungsorganisation zum staatlich geprüften Killer ausgebildet worden zu sein. Um später, nachdem sein Mentor pulverisiert wurde, augenblicklich zu kündigen und auf eigene Faust für getanes Unrecht zu büßen und in Not geratene Menschen zu beschützen. Was seinen ehemaligen Vorgesetzten missfällt, weshalb die restlichen Orphans, angeführt von dem unangenehmen Charles Van Sciver, gnadenlos Jagd auf Evan Smoak machen. Der zwangsläufig zum Ein-Mann-A-Team mutiert.

Da er seinen Namen nicht ändert und in New York lebt, ist er natürlich schwer aufzufinden. So viele Klingeln, die man abklappern müsste. Die Probleme hat Renée Cassaroy nicht. Er findet Evan problemlos - aufgrund von auffälligen Kontobewegungen - lässt ihn kampfunfähig machen und setzt ihn fest.

Das ist fatal, vor allem, da der angeblich so aufmerksame Orphan X sich ziemlich einfach überrumpeln lässt. Kennen aber alle oben Genannten in ähnlicher Weise. Es ist ein so altes, bekanntes wie wirksames Stilmittel zur Spannungssteigerung: Die Gegenpartei setzt den zentralen Charakter gefangen, quält ihn ein bisschen, bis er sich aus der Klemme befreien kann. Das gelingt mal mehr, mal weniger nachvollziehbar und glaubwürdig, doch meist reichen in Filmen wenige Sekunden ("Taken" aka "96 Hours") oder Minuten ("Für ein paar Dollar mehr") und in Büchern eine überschaubare Anzahl von Seiten, bis die Hauptfigur wieder frei und im Kampfmodus ist. Reacher hätte vermutlich an Evan Smoaks Stelle keine 20 Seiten gebraucht, um wieder auf freiem Fuß zu sein.

Auf der Zeitachse Richtung Monte Christo

Der Versuch, diesen Topos einmal konsequent auszureizen, ist Gregg Hurwitz durchaus anzurechnen. Dass er damit scheitert, ist allerdings keine große Überraschung. Denn zwangsläufig wiederholen sich Situationen, wie das wiederholte Zählen des Wachpersonals samt Hunden, die sich nur leicht verändernden Überwachungs- und Betäubungsmodalitäten. All das zeilenschindende Geplänkel, um irgendwann zum Höhepunkt in einem nahezu ausbruchssicheren Käfig zu gelangen, zieht sich gewaltig in die Länge. Zudem Hurwitz weder formal noch inhaltlich in der Lage ist, Evans innere Monologe und ausführlichen Dialoge mit seinem Peiniger mit einem Gehalt zu füllen, der über allzu offensichtliches hinausgeht.

Ärgerlich und unglaubwürdig sind obendrein die zwischengeschalteten Passagen, in denen Smoak seinen Ausbruch so aktiv wie vergeblich übt. Er tötet sein Wachpersonal reihenweise, was aber kein Problem ist, da die armen Pappkameraden sofort wieder ersetzt werden. Die brutalen Morde sind so sinnlos wie menschenverachtend. Zwar wird Evan irgendwann ein elektrisches Halsband umgelegt, um ihn zu zügeln, doch auch das ist nur ein mildes Handicap. Der böse Cassaroy und sein bulliger Vollstrecker Dex kommen gar nicht auf die Idee, Smoak einfach ein paar Knochen zu brechen (kleinere reichen schon), damit er handlungsunfähig ist. Könnten sie sogar angstfrei und problemlos erledigen, wenn Smoak mal wieder ohnmächtig ist.

Aber nein, stattdessen rotiert die Handlung so raumgreifend wie in einem Hamsterrad; ein Geplänkel hier und da, eine größere Vernichtungsorgie, wenn es dem Ende zugeht. Dass Cassaroy so gnädig ist, liegt vermutlich daran, dass er zwar gerne ein Psychopath wäre, aber keiner ist. Sondern nur einsam. Dies ist zumindest die absurde - und wahrscheinlich völlig ernstgemeinte - Erkenntnis Evan Smoaks aus den Plaudereien mit seinem Entführer.

Experiment gescheitert, Proband aber am Leben

So gilt es 300 nur selten spannende, geschweige denn unterhaltsame, Seiten einer Gefangenschaft über sich ergehen zu lassen, bevor Hurwitz am Ende das Tempo anzieht, zwei gelungene Überraschungen einbaut sowie eine dritte, die bereits von Beginn an absehbar war. Das wirkt alles etwas atemlos und skizzenhaft, steht dem Profil des Nowhere Man aber besser zu Gesicht als die langwierige und erfolglose Ausbruchsgrübelei zuvor.

Während der Schlussgag so fies wie gelungen ist, wirkt der verzweifelte Versuch durch eine melodramatische Annäherung an die bezaubernde Nachbarin, mit Aussicht aus dem "Rette deine Nächsten"-Geschäft auszusteigen, nur fehl am Platze. Wie so vieles andere auch.

Sprache kann so wehtun...

Stilistisch ist der Roman von manchmal erhabener Schlichtheit, vielfach aber auch am Rand jener Klippe angesiedelt, an der die verzweifelte Unbedarftheit wohnt. Insbesondere die verklemmten Sex-Szenen sind von einer Traurigkeit, die nicht beabsichtigt ist. Gilt auch für die Parts, in denen saloppe Komik Einzug hält. So heißt es über Evans Ex-Kollegin mit dem klangvollen Namen Candy McClure bezeichnend: "Vorne Playmate, hinten Freddy Krueger". Die hilflose Beschreibung des "Vorne" lädt zum Fremdschämen ein: "In jeder Hinsicht ein Bombenkörper. Volle, feste Brüste, bei denen aber auch noch gar nichts hing [wie denn wohl, sind ja "voll und fest"]. Eine schmale Taille wie bei einem Cello. Breite, weibliche Hüften. Wohlgeformte Beine." Zum vernarbten Nachtmahr aus der Ulmenstraße wird die arme Candy wegen ihres Rückens, der durch zahlreiche Operationen verunstaltet ist. Einem Bad in Flusssäure geschuldet, zu dem ihr Evan Smoak verholfen hat. Sie mag den Mann nicht (mehr) so besonders.

Bisweilen ist das nur mit viel Toleranz gegenüber sprachlichen Missetaten zu lesen, hangelt sich aber als lauwarme Spannungsware mit Ach und Krach über die Ziellinie.

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