Blindes Eis

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Veröld, 2012, Titel: 'Rof', Seiten: 308, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2017, Seiten: 336, Übersetzt: Helga Augustin

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Jörg Kijanski
Alte und neue Verbrechen wollen aufgeklärt werden

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Aug 2017

Siglufjörður steht unter Quarantäne, ein Ebola-Virus hält die isländische Kleinstadt in Atem. Da das öffentliche Leben nicht mehr stattfindet, hat Dorfpolizist Ari Pór Arason viel Zeit, um sich mit einem rätselhaften Fall zu beschäftigen. Mitte der 1950er Jahre bewohnten zwei Ehepaare und ein Kleinkind ein altes Bauernhaus in Héðinsfjörður, welches damals von jeglicher Zivilisation abgeschnitten war.

Nur über einen beschwerlichen Bergpass war das Gebiet fußläufig erreichbar, Strom und Telefon gab es nicht. Im März 1957 ereignete sich dann ein Drama, bei dem eine der beiden Frauen ums Leben kam.

Angeblich ein Unfall, da sie sich versehentlich Rattengift in den Kaffee schüttete statt des Zuckers, der in einer ähnlichen Dose aufbewahrt wurde. Der damals acht Monate alte Hedinn bittet nun Ari Pór, den Vorfall nochmals zu untersuchen, da ein Foto aufgetaucht ist, auf dem eine weitere, ihm völlig unbekannte Person zu sehen ist.

"Ein Kind? Willst du damit sagen, ein kleines Kind ist verschwunden?"
"Richtig."
"O Gott, das ist ja unglaublich! In Island entführt doch niemand ein Kind..."

In Reykjavik beschäftigt sich derweil die Fernsehjournalistin Irsun mit einer Kindesentführung und einem Unfall mit Fahrerflucht. Snorri Ellertsson wurde überfahren und verstarb noch an der Unfallstelle. Snorris Vater stand einst kurz davor Premierminister zu werden, bevor er sich überraschend aus der Politik zurückzog, und sein Stellvertreter Marteinn Helgason, einst der beste Freund von Snorri, Regierungschef wurde.

Abwechslungs- und temporeich, aber die Auflösungen überzeugen nicht immer

"Blindes Eis" ist nach "Schneebraut" und "Todesnacht" der dritte Teil der so genannten "Dark Iceland"-Serie von Ragnar Jónasson, weitere Bände liegen im Original bereits vor und harren ihrer deutschen Übersetzung. Auf knapp 330 großzügig gedruckten Seiten treiben stolze 50 Kapitel das Tempo voran. Dabei wechseln die Szenarien nicht nur zwischen Ari Pór und Isrun, sondern stellen auch weitere Figuren in den Vordergrund.

Anfangs ist es etwas unübersichtlich, und es dauert einige Zeit, bis dann tatsächlich die eingangs geschilderten Verbrechen stattfinden. Dann geht es jedoch zügig voran, wobei bei es mit den Auflösungen teilweise etwas zu schnell geht. So überführt man den Autofahrer nahezu beiläufig, in dem man in einer Garage unverhofft den Unfallwagen sicherstellt.

"Wir haben ihr Haus durchsucht, aber die wirkliche Überraschung war in der Garage."
"Klingt interessant. War da noch etwas anderes als ein Auto drin?"
"Nein. Das Auto war das Interessante, besonders das Blut an der Kühlerhaube."

Manchmal kann Polizeiarbeit ganz einfach sein. Erwähnenswert ist auch die "Auflösung" des Falles, der über fünf Jahrzehnte zurückliegt. In bester Agatha-Christie-Manier (Hercule Poiriot lässt grüßen) trägt Ari Pór einem erlauchten Kreis seine abschließenden Erkenntnisse vor, wobei es Hedinn und den Lesern überlassen bleibt, deren Plausibilität anzuerkennen oder nicht.

Private Probleme in bester skandinavischer Tradition

Von dem "kriminellen Plot" abgesehen, bietet "Blindes Eis" in bester skandinavischer Krimi-Tradition viele private Probleme, was womöglich den dortigen unwirtlichen klimatischen Verhältnissen geschuldet sein mag. Ari Pór und dessen Chef Tómas hinterfragen aktuell den jeweiligen Stand ihrer Beziehungen, die beide auf wackligen Beinen stehen.

Zudem muss sich Ari Pór womöglich darauf einstellen Vater zu werden, wobei dummerweise nicht seine Freundin in spe die Mutter wäre.

Die Journalistin Isrun wartet derweil auf das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung, da sie an einer bedrohlichen Erbkrankheit leidet, und sie muss zudem für ihre mittlerweile getrennt lebenden Eltern als Übersetzerin fungieren, da eigentlich beide wieder zueinander finden wollen.

Bei allem kriminellen und privaten Durcheinander soll ein weiterer Hauptdarsteller nicht unerwähnt bleiben, denn Ragnar Jónasson setzt die wunderschöne Landschaft des Öfteren gekonnt in Szene.

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