Schneebraut

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Reykjavík: Veröld, 2010, Titel: 'Snjóblinda', Seiten: 286, Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2011, Seiten: 367, Übersetzt: Ursula Giger
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2012, Seiten: 367

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Jörg Kijanski
Kommt recht spät in die Gänge

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2011

Der junge Polizist Ari erhält nach seiner Ausbildung ein festes Jobangebot in dem kleinen Örtchen Siglufjörður im Norden des Landes. Der Ort ist völlig abgelegen und nur durch einen Bergtunnel erreichbar. So kommt es zu einem ersten Streit mit seiner Freundin Kristin, die enttäuscht in Reykjavik zurückbleibt. Doch Ari ist fest entschlossen seinen Weg zu gehen und sich in dem neuen Job zu beweisen. Dumm nur, dass in Siglufjörður die Hauptaufgabe der gerade einmal drei Polizisten darin besteht, liegen gebliebene Fahrzeuge wieder fit zu bekommen. An Heiligabend übernimmt Ari freiwillig den Dienst in der Wache, wohlweislich in der Annahme, dass einmal mehr nur die Zeit totzuschlagen ist. Da erhält er zwei ominöse Anrufe die darauf hindeuten, dass sich eine Frau bedroht fühlt. Ari informiert seinen Chef Tomas, doch der tut das Ganze als Scherz ab.

Einige Tage nach dem Jahreswechsel kommt es dann bei einer Probe des örtlichen Laientheaters zu einem Unfall. Der bekannte Schriftsteller Hrólfur Kristjánsson stürzt in einer Pause die Treppe hinunter. Zuvor soll er schon einiges getrunken haben und so entscheidet Tomas die Ermittlungen einzustellen, obwohl es kurz vor dem Sturz einen Streit zwischen Hrólfur und dem Regisseur des Stücks gegeben haben soll. Als nur fünf Tage später Linda, die Frau eines Mitglieds der Theatergruppe, schwer verletzt vor ihrem Haus im tiefen Schnee aufgefunden wird, ist selbst Tomas endlich klar, dass es nun mit der Ruhe vorbei ist. Zumal sich herausstellt, dass es offenbar Linda war, die an Heiligabend auf der Wache anrief &

Schneebraut ist der zweite Roman von Ragnar Jónasson und spielt in der abgelegenen und nur noch spärlich bewohnten Stadt Siglufjörður im Norden Islands. Wenn Sie den Text bis hierhin aufmerksam gelesen haben ist Ihnen aufgefallen, dass die geografische Lage der Stadt bereits im ersten Satz des Textes erwähnt wurde und genau hierin liegt ein großes Manko bei "Schneebraut". Der Autor ergeht sich in zahlreichen Wiederholungen, denn dass die Stadt Siglufjörður im Norden liegt hat man ja bereits beim ersten Mal verstanden. Es wird leider auch nicht dadurch besser, dass es gegen Ende des Buches heißt, Ari sei "der Mann aus dem Süden". Ebenso oft erfährt man, dass Ari sein Theologiestudium nicht abgeschlossen hat und einige andere Dinge mehr (die nur bedingt interessieren). Man fühlt sich ein wenig wie bei "Täglich grüßt das Murmeltier" in der Endlosschleife. Daher verwundert es nur wenig, dass sich der Plot vor allem zu Beginn zäh in die Länge zieht. Würde man erst bei Seite 100 einsteigen, vermutlich könnte man der weiteren Handlung immer noch ganz gut folgen. Nach einem Drittel des Buches dann endlich ein Mord oder war der Treppensturz des 91-jährigen Mannes doch nur ein tragischer Unfall?

Sprachlich mit einigen Schwächen nimmt die Handlung ab dem zweiten Drittel deutlich an Fahrt auf, wenngleich auch hier der Autor immer wieder auf die Bremse tritt um beispielsweise seitenlang die Lebensläufe einzelner Personen wiederzugeben. Sagen wir mal wohlwollend, dies ist Geschmacksache. So kommt man dann letztendlich auf knapp 370 Seiten, die, allen genannten Schwächen zum Trotz, eine weitgehend kurzweilige Unterhaltung bieten. Die Landschaft steht dabei als eigentlicher Star im Vordergrund. Riesige Schneemassen bringen den Alltag der Menschen weitgehend zum Erliegen und nach einem Erdrutsch ist sogar die einzige Zufahrtsstraße nicht mehr passierbar. Wunderbar, wie der Autor das Leben in Island (und letztlich auch in Skandinavien) zur Winterzeit beschreibt. Gut, ist jetzt nicht zwingend das Hauptthema für einen Krimi, aber trotzdem schön. Die Auflösung des Krimis enthält einige Wendungen, wobei man keine Chance hat das Rätsel selber zu lösen. Die nächsten Romane des 1976 geborenen Autors werden zeigen, in welche Richtung er sich entwickeln wird. Momentan ist er von seinen namhaften Kolleginnen und Kollegen aus Island ein ordentliches Stück entfernt. Zweite Liga, noch.

 

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Letzte Kommentare:
12.12.2014 22:47:37
Jan B.

Für mich ein sehr lesenswerter Krimi! Manche werden ihn vielleicht als etwas altmodisch oder gar zu wenig actiongeladen beurteilen, aber die, die sich für Island und die Isländer interessieren, werden ihn lieben! Vor dem Hintergrund der noch nicht vergessenen Bankenkrise in 2008 und der allzeit gegenwärtigen Landflucht ist es Ragnar Jónasson gelungen, eine authentische Momentaufnahme der völlig abgelegenen Küstenstadt Siglufjörður in einen Kriminalroman voller interessanter Charaktere einzubetten. Der bei der Ermittlung ständig störende Schneefall gehört zum winterlichen Alltag Nord-Islands und darf daher gerne immer wieder ins Buch „hineinschneien“. Ich selbst konnte bei meinem bisher einzigen Besuch Siglufjörðurs aus genau diesen Gründen nur dank einer atemberaubend schönen Berg- und Talfahrt mit dem Motorschlitten vom Nachbarort Ólafsfjörður aus anreisen. Inzwischen verbindet ein neues Tunnelsystem diese beiden Städte. Ob dieses die Landflucht wohl aufhalten kann? Ich habe mir sofort auch Ragnar Jónassons zweiten Krimi („Todesnacht“) besorgt…

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