Ermordung des Glücks

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2017, Seiten: 317, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Menschen fallen aus der Welt

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Aug 2017

Es ist der Abend des 18. November, der die Familie Grabbe in den Abgrund stürzen wird. Lennard, der elfjährige Sohn, kommt nach dem Sport nicht nach Hause. Die Suche der Polizei bleibt erfolglos, denn aufgrund eines starken Unwetters waren kaum Menschen unterwegs, niemand hat den Jungen gesehen. Vierunddreißig Tage später dann die befürchtete Wendung. Lennards Leiche wird in einem Waldstück am Isarkanal entdeckt.

Wie schon so oft bietet der pensionierte Kommissar Jakob Franck an, den Eltern die Todesnachricht zu überbringen. Die Ermittlungen der Polizei laufen auf Hochtouren, bleiben jedoch weiterhin ohne jegliches Ergebnis. Eher zufällig wird zehn Tage nach dem Leichenfund der vermeintliche Tatort, ein Spielplatz unweit des elterlichen Hauses, entdeckt. Aber warum sollte Lennard bei strömenden Regen nicht direkt nach Hause gegangen sein und stattdessen einen Umweg über den Spielplatz gemacht haben? Die Sonderermittlung tritt auf der Stelle und selbst Franck kommt mit seiner speziellen Ermittlungsmethodik, der Gedankenfühligkeit, nicht weiter. Besessen will er den Eltern den Täter benennen, schließlich weckt der Fall dunkle Erinnerungen aus der eigenen Vergangenheit. Derweil fallen Tanja und Stephan Grabbe, die Eltern, aus der Welt...

Mehr menschliche Abgründe und Traurigkeit sind kaum vorstellbar

"Der namenlose Tag", Friedrich Anis erster im Suhrkamp-Verlag erschienener Krimi und gleichzeitig Auftakt der Jakob-Franck-Reihe, wurde unter anderem mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. So wird es die zahlreichen Fans des Ausnahmeautors freuen, dass nun der zweite Fall für den eigentlich im Ruhestand befindlichen Ermittler vorliegt. Auch wenn es kaum möglich schien, die Tragik von Verlust und dessen Konsequenzen noch stärker anzuziehen, gelang Friedrich Ani genau das scheinbar mühelos. Übertrieben könnte man sagen, dass alle skandinavischen Krimis zusammen derartig viel Melancholie nicht vereinen, wie der hier vorliegende Roman. 

Die Fans von Ani wissen (und alle anderen sollten "gewarnt" sein), dass es dem Autor nie nur um den klassischen Krimiplot geht, also um die Klärung der Frage, wer der Mörder gewesen ist. Bei Ani stehen immer die Figuren im Mittelpunkt, denen er sich mit großer Detailverliebtheit und viel Empathie nähert. "Ermordung des Glücks" ist ein wahres Pulverfass an menschlichen Tragödien. Derweil bleibt der kriminelle Spannungsbogen wie gewohnt überschaubar.

"Was soll ich Lennards Mutter sagen, wenn wir uns wieder begegnen? Wie soll ich ihr ins Gesicht sehen? Sie kippt aus der Welt, sie braucht uns bald nicht mehr, niemanden, auch ihren Mann und ihren Bruder und ihre Familie nicht, wir haben sie verstoßen. Wir haben sie mit dem Tod ihres Sohnes allein gelassen, und ihr bleibt nichts, als darin zu versinken. Wir sind nicht mehr zuständig, weil wir keinen Zeugen haben, kein Indiz; Millionen Menschen in der Umgebung, doch keinen Verdächtigen."

Tanja zieht sich komplett zurück, schließt sich im Kinderzimmer ihres Sohnes ein und verweigert nahezu jeglichen Kontakt zu ihrem Mann und der Außenwelt. Nur ihr Bruder Max, der ein dunkles Geheimnis mit sich trägt, kann gelegentlich zu ihr vordringen. Stephan hingegen versucht vergeblich mit seiner Frau zu sprechen, die Trauer um den geliebten Sohn gemeinsam zu bewältigen. Da dies jedoch nicht geht, verliert auch er zunehmend den Boden unter den Füßen. Dass die Ehe der beiden unhaltbar verloren geht scheint unvermeidlich. Auch Alkohol ist selbstredend keine Lösung.

Zu dieser Erkenntnis gelangt auch Jakob Franck, der unermüdlich versucht, den Fall zu lösen. Irgendetwas müssen die Ermittler in den Akten übersehen haben, doch weiterhin gibt es weder Zeugen noch verwertbare Spuren. Franck musste bei seinem dienstlichen Abschied vier ungelöste Mordfälle zurücklassen.

Einen fünften darf es nicht geben; seinem Ehrgeiz fiel schon vor vielen Jahren seine Ehe zum Opfer. Doch je mehr sich Franck in den Fall einbringt, desto mehr wird auch er von einer immensen Abwärtsspirale erfasst. Am Ende gibt es (menschliche) Trümmer soweit das Auge reicht. Was abschließend folgt ist die Erkenntnis, wer für den Tod des Jungen verantwortlich war. Die damit erhoffte Erlösung für die Beteiligten bleibt aus.

Ermordung des Glücks

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Letzte Kommentare:
18.09.2017 18:24:40
holle77

Ich bin begeistert
Ich habe schon etliches von Ani gelesen und war immer sehr angetan von den Süden-Romanen. Der erste Band der Jakob-Franck-Reihe hat mir etwas Schwierigkeiten bereitet, ich fand ihn stellenweise etwas langatmig, aber von "Ermordung des Glücks" bin ich hellauf begeistert. Ich war traurig, als ich das Buch nach zwei Abenden ausgelesen hatte.
Ich mag den ruhigen Erzählstil von Ani und kann mir seine Protagonisten immer gut vorstellen.
Der Ansatz, einen pensionierten Kommissar für ungelöste oder unlösbar scheinende Fälle einzubeziehen, gefällt mir. Jakob Francks beharrliche, aber unaufdringliche Art und die viele Zeit und Geduld, die er bereit ist zu investieren, machen ihn sympathisch.
Die Verdächtigen und Täter sind eher tragische Gestalten als Bösewichte.
Die immer wieder einfließenden philosophischen Gedanken regen mich dazu an, das Buch hin und wieder aus der Hand zu legen und ein bisschen nachzusinnen.

09.09.2017 20:26:34
Miss Marple

Jakob Francks zweite Runde
Eigentlich sollte der ehemalige Kommissar seine Pension genießen, doch ihn lassen die Fälle seiner Kollegen keine Ruhe, zumal er in besonderer Mission von ihnen gerufen wird- er übermittelt den Hinterbliebenen der Opfer eines Verbrechens die traurige Nachricht. So auch im aktuellen Buch von Friedrich Ani. Ist dieser Gang zwar immer schwer, ist er es diesmal umso schwerer, da das Opfer ein kleiner Junge ist, der 11-jährige Lennard Grabbe, der erst vermisst wird und nun Ex-Kommissar Franck den Eltern die Nachricht vom Tod ihres Kindes überbringen muss. Eine Sonderkommission stürzt sich in die Ermittlungen, die Familie in den verzweifelten Versuch, mit dem Verlust fertig zu werden und Jakob Franck verbeißt sich bis zur Erschöpfung in die Suche nach dem Täter. Akribisch liest er wieder und wieder die Vernehmungsprotokolle, befragt nochmals die Zeugen, geht bei Wind und Wetter die Straßen und den Tatort ab und versucht so den Abend des Verschwindens Lennards noch nach Monaten zu rekonstruieren. Nach und nach zieht er die Kreise enger.
In Friedrich Ani Manier bleibt bis zum Schluss für den Leser alles offen, auch wenn wir schon zeitig in ein dunkles Familiengeheimnis eingeweiht werden, welches Franck zwar erahnt, es aber selbst nicht erfassen kann.
Den Leser erwartet ein Krimi jenseits des Mainstreams, findet er doch hier nicht nur etwas Besonderes in der Handlung, sondern auch in Sprache und Stil des Autors. Darin zeigt sich Anis literarischer Anspruch.