Der namenlose Tag

  • Osterwold
  • Erschienen: Januar 2015
  • Hamburg: Osterwold, 2015, Übersetzt: Udo Wachtveitl , Bemerkung: ungekürzte Lesung
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Jörg Kijanski
75°

Krimi-Couch Rezension von Jörg Kijanski Jun 2015

Serienstart mit einem Kommissar im Ruhestand

Etliche Jahre verbrachte Jakob Franck damit, Angehörigen die schreckliche Mitteilung über den Tod eines geliebten Menschen zu überbringen. In aller Regel waren es gewaltsame Fälle, deren Opfer ihn noch heute heimsuchen. Zwei Monate nach seinem Ruhestand erhält er überraschend Besuch von Ludwig Winther, dessen siebzehnjährige Tochter Esther vor rund zwanzig Jahren aus dem Leben schied. Sie erhängte sich in einem Park, alles sprach für einen Suizid und so wurde der Fall schnell zu den Akten gelegt. Winther glaubt, dass seine Tochter ermordet wurde und zwar von einem Nachbarn, dem Zahnarzt Dr. Paul Jordan, der dafür bekannt war, dass er jüngeren Frauen nachstellte. Dieser taucht in den alten polizeilichen Unterlagen nicht auf, aber Francks Neugier ist geweckt und so verspricht er, sich eine Woche lang den Fall näher anzusehen. Dabei stößt Franck auf verstörende Hinweise, denn Winthers Frau Doris brachte sich nur ein Jahr nach dem Tod ihrer Tochter um, in dem sie sich ebenfalls erhängte. Zudem gab es damals Gerüchte, Winther selbst habe ich seiner Tochter unsittlich genähert...

Eigenwilliger, mitunter etwas sperriger Erzählstil

Zunächst liest sich alles nach einem normalen Fall. Ein Selbstmord, an dem es kaum einen Zweifel geben kann. Doch die Fragen stehen im Raum: Warum sollte sich ein siebzehnjähriges Mädchen, dass sein Leben noch vor sich hat, umbringen? Was ist dran an dem Gerücht, dass sich ihr eigener Vater an ihr vergangen hat? War dies womöglich das Motiv für den Selbstmord der Mutter nur ein Jahr später? Welche Rolle spielt der Zahnarzt, der trotz seiner Neigung für jugendliche Mädchen, einen guten Ruf genießt? Und wer ist das kleine Kind, das sich zu Beginn des Romans hinter einem Sofa versteckt und dabei indirekt erleben muss, wie der Vater die Mutter tötet?

Methode der "Gedankenfühligkeit"

Zudem ist man natürlich gespannt wie sich der neue Protagonist, der Ex-Kommissar Jakob Franck, einführen wird? Schließlich hätte Erfolgsautor Friedrich Ani ja auf Nummer sicher gehen und Tabor Süden erneut ins Rennen schicken können. Die neue Hauptfigur ist ein melancholischer Held. Seit vielen Jahren von seiner Ex-Frau getrennt, lebt er allein und erhält immer wieder ungebetenen Besuch von den zahlreichen Toten, die seinen beruflichen Lebensweg bestimmten. Zudem folgt er der Methode der "Gedankenfühligkeit", die ebenso irritiert wie mitunter die Sprache des Autors. Wer einen Krimi mit hohem Tempo lesen möchte ist hier gänzlich falsch. Man möchte nicht unbedingt bis tief in die Nacht weiterlesen, eher das Buch mal zur Seite legen, um das Gelesene zu verarbeiten. Anis Sprache ist sehr eigen und teilweise sperrig, aber gleichwohl ein Erlebnis, sofern man sich darauf einlässt. Aber das war schon immer Anis Markenzeichen: Eine Sprache, die sich nur schwer beschreiben lässt und teils verwinkelt daher kommt.

 

"Was fängst du jetzt mit dem Namen Jordan an?"
"Ich werde mit dem Mann reden."
"Kann ich dir sagen, wie es ausgeht."
"Das weiß ich auch, ich will vorher noch ein paar andere Leute befragen."
"Hast du sonst nichts zu tun? Was treibst du den ganzen Tag? Du siehst blass aus, und mager. Irgendwelche weiblichen Lichtblicke am Horizont?"
"Dieser Fall beschäftigt mich Tag und Nacht."
"Hast du Alzheimer? Du bist pensioniert..."

 

In Der namenlose Tag werden mehrere Personen befragt und so findet Franck letztlich heraus, wie es zu Esthers Tod kommen konnte. Bis es soweit ist, werden, ähnlich dem Häuten einer Zwiebel, Schicht um Schicht freigelegt und dabei der Mikrokosmos der Familie Winther schonungslos offengelegt. So wollte Ludwig Winther, der eine schwere Kindheit in einer kleinbürgerlichen Familie hatte, sicherstellen, dass es seiner Tochter einmal besser gehen würde. Doch in seinem engstirnigen Familienbild gefangen, erkannte er nicht, dass Esther eigene Freiheiten genießen wollte. Unterdessen glaubte seine Frau ihrer Tochter unbesehen, dass ihr Vater ihr nachstellte und verzog sich in ihre eigene Gedankenwelt mit verheerendem Ausgang.

Am Ende wird klar, dass man einfach mal offen miteinander hätte reden müssen. So lebt jeder in seinem Irrglauben und wird Opfer des eigenen Schweigens. Bei Der namenlose Tag kommen alle Ani-Fans auf ihre Kosten und dürfen auf den neuen Ermittler gespannt sein. Als Einstieg in Anis Romane wäre aber wohl ein Fall aus der Süden-Reihe vorzuziehen.

Der namenlose Tag

Friedrich Ani, Osterwold

Der namenlose Tag

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