Korrupt

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • München: btb, 2018, Seiten: 320
  • Kapstadt: Umuzi, 2016, Titel: 'Agents of the state', Originalsprache

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Thomas Gisbertz
Realitätsnaher Thriller aus Südafrika

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Aug 2017

"Korrupt" ist der zweite Band der Kapstadt-Serie, nachdem 2015 bereits mit "Bad Cop" ein sehr vielversprechender Einstieg in die Reihe gelang. Die ehemalige Anwältin Vicki Kahn und der Surfer "Fish" Pescado stehen auch diesmal im Mittelpunkt eines verschachtelten und undurchsichtigen Netzes aus Korruption, Gewalt, Macht und Gier.

Der Roman beginnt mit hohem Tempo und atemberaubender Spannung, als ein Anschlag auf den Exilpolitiker Oberst Abel Kolingba verübt wird. Wie der Leser nach und nach erfährt, wurden die Attentäter nicht nur vom Auftraggeber Kaiser Vula, sondern auch von Regierungsleuten wie Mart Velaze und Hintermännern beobachtet. Verschiedene Parteien scheinen von diesem Anschlag zu profitieren.

Wer aber genau welche Interessen mit diesem Attentat verfolgt, und dass der Oberst schwer verletzt überlebt, bleibt lange unklar. Hieraus zieht der Thriller seine Spannung: Nichts ist, wie es scheint. Das gilt sowohl für den politischen Machtapparat im Allgemeinen, aber ganz besonders für die Agenten und Hintermänner, die teilweise bis zum Schluss im Dunkeln bleiben. Fast sämtliche Figuren werden von persönlichen Interessen und Geldgier angetrieben, wobei sie Mord nur als notwendiges Mittel ansehen.

Teilweise unglaubwürdige Figuren im Agenten-Wirrwar

Ja, der Roman ist thematisch sehr nah am Südafrika der Gegenwart dran. Ja, die Darstellung der Agentenwelt scheint - weil sie oftmals undurchsichtig bleibt - glaubwürdig, aber leider schwächeln die Figuren etwas. Vicki Kahn, ehemalige Juristin und spielsüchtige Online-Pokerin, arbeitet teilweise so dilettantisch, dass man das Gefühl hat, jeder Fan von James Bond wäre in seinem Vorgehen vorsichtiger und weitsichtiger als diese Agentin.

In der Geschichte wird so oft darauf hingewiesen, dass sie keine ausgebildete Agentin ist, dass es selbst der dümmste Leser am Ende verstanden hat. Das dient anscheinend dazu, ihr teilweise plumpes Vorgehen zu erklären: Sie ignoriert Anweisungen ihres Vorgesetzten und bringt mit ihrer unvorsichtigen Art auch Linda Nchaba und ihren Freund "Fish" in Gefahr.

Mancher Leser wird vielleicht meinen, dass Nicol seine Figur bewusst so gezeichnet hat, um sie noch mehr als Spielball der Mächtigen darzustellen. Ich finde aber, dass der Roman hier deutlich an Glaubwürdigkeit einbüßt.

Ein smarter Typ mit kurzen Hosen und markigen Sprüchen

Ähnliches gilt für ihren Geliebten "Fish" Pescado, der als Detektiv stark an Magnum erinnert - ein smarter Typ, der in kurzen Hosen durch seine markigen Sprüche auffällt. Dass dieser sich scheinbar unbehelligt mit zahlreichen Agenten und Hintermännern treffen kann, ohne dass das auffällt oder jemanden interessiert, ist nicht nachvollziehbar.

Der Plot setzt sich wie schon im ersten Teil der Serie "Bad Cop" aus einer Vielzahl von Episoden zusammen, die nicht zwangsläufig miteinander in Verbindung stehen müssen, doch in ihrer Gesamtheit eine Atmosphäre der Unberechenbarkeit und Bedrohung erzeugen. Meines Erachtens weist die Handlung aber zu viele Überraschungen und Wendungen auf, sodass der Leser schnell überfordert ist. Agenten und Hintermänner wechseln derart schnell die Seiten, dass man die Übersicht verliert - besonders, wenn man den Roman nicht in ein bis zwei Tagen ausliest.

Realitätsbezüge zum Südafrika der Gegenwart unübersehbar

Im Präsidenten erkennt man unschwer den bis zum 14. Februar 2018 amtierenden Jacob Zuma. Seit Jahren werden dem 76-Jährigen Korruption, Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch vorgeworfen. Im Dezember 2005 musste sich der ehemalige Präsident zudem gegen den Vorwurf der Vergewaltigung der Tochter eines früheren Genossen wehren. Auch das thematisiert Nicol in seinem Thriller. Immer wieder gelingt es dem Autor, geschickt die Verbindungen Zumas zu der Romanfigur zu knüpfen - mit der einen oder anderen Überraschung. Manchmal fällt es dem Leser schwer, überhaupt noch zwischen Fiktivem und Nichtfiktivem zu unterscheiden.

Nicol rechnet knallhart mit seinem Südafrika ab: Figuren wie der Präsidentensohn Zama werden fast schon so überzeichnet dargestellt, dass man als Leser nur hoffen kann, dass diese Person nicht real ist. Der Autor zeichnet mit ihm ein düsteres Zukunftsszenario: Stirbt der eine Despot, steht der nächste mit noch größerer Brutalität und Menschenverachtung bereit.

Menschen-verachtender Präsident am Pranger

Auch wenn Südafrikas Präsident, während er auf einem Video Zeuge eines grausamen Überfalls auf eine seiner Goldminen in der Zentralafrikanischen Republik wird, mehr darum bemüht ist, die richtigen Snacks für alle bereitzustellen, lässt Nicol die Leser durch seinen Zynismus und seinen Sarkasmus am Guten in jedem Menschen zweifeln.

Der Präsident residiert in einem Luxuspalast, vertreibt sich die Zeit mit Tennis, Schwimmen und Frauen. Nebenbei plündert er die Goldminen der Zentralafrikanischen Republik aus und macht dabei vor Korruption und Gewalt nicht halt. Damit er sich dabei nicht die Finger schmutzig machen muss, setzt er seinen unnützen Sohn Zama, der nebenbei einen Mädchenhandel betreibt, zusammen mit Agent Kaiser Vula als "Problemlöser" ein. Es gibt in diesem politischen Wirrwarr keine einzige Figur, die menschliche Züge aufweist.

Guter Politthriller mit deutlicher Kritik an südafrikanischen Verhältnissen

Mike Nicol zeigt uns ein durch und durch korruptes, gewaltbereites Land mit wenig Hoffnung für die Zukunft. Der Thriller überzeugt mit einer beängstigend realistischen Darstellung der politischen Verhältnisse in Südafrika. Der Autor ist stilistisch sicherlich eine Klasse für sich.

Aber davon zu sprechen, dass dies einer "der besten Kriminalromane aller Zeiten" (The Times) bzw. "Weltklasse" (Elle) sei oder - wie es die FAZ nennt - "Gnadenlos gut!", ist man weit entfernt. Dafür ist die Handlung teilweise zu verflochten, Handlungsstränge nicht konsequent genug zu Ende erzählt und die Hauptfiguren Vicki und "Fish" zu eindimensional und einfach dargestellt.

Südafrika-Kenner und Liebhaber von Deon Meyer, Roger Smith und Malla Nunn werden mit Begeisterung zugreifen und nicht enttäuscht werden. Wer aber hofft, einen reinen Agententhriller zu lesen, der mehr durch Action überzeugt, sollte doch lieber Robert Ludlum oder John le Carré lesen.

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