Echo der Toten

Erschienen: Januar 2018

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Ullstein, 2018, Seiten: 384, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Nach Kriegsende gibt es viele Arten von Trümmern

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2019

Januar 1947. Kälte und Hunger haben die Menschen in Köln fest im Griff. Für die junge Friederike Matthée droht jedoch noch größeres Ungemach, denn sie lebt mit ihrer zunehmend desorientierten Mutter in einem Zimmer, das sie nur ihrem Beruf bei der uniformierten weiblichen Polizei zu verdanken hat. Ihre Vorgesetzte, Kriminalkommissarin Gesine Langen, hat ihr bereits einen Rausschmiss angedroht, nachdem der Polizeiassistenten-Anwärterin bei einer Razzia ein grober Fehler unterläuft.

So ist ihre letzte Chance eine Mitarbeit in einem Mordfall in der Nähe von Kaltenberg in der Eifel. Richard Davies, Leutnant bei der Royal Military Police, soll den Mord an dem bekannten Schrott- und Altwarenhändler Jupp Küppers aufklären. Der wurde in einem abgelegenen Schuppen erschlagen, ein sechsjähriger Junge ist der einzige Zeuge, aber er weigert sich zu reden. Die Chance für Friederike, der sich der Junge anvertraut. 

Wenige Tage später wird ein Pfarrer in der Nähe von Kloster Steinfeld ermordet. Schnell steht fest, dass der Pfarrer und Küppers alte Jugendfreunde sind. An einen Zufall mag Davies nicht glauben und bittet erneut um die Mithilfe von Friederike…

Jeder hat sein Päckchen zu tragen

Bislang war Beate Sauer vor allem Fans von historischen Romanen bekannt. Mit „Echo der Toten“ folgt nun der Auftakt einer zeithistorischen Krimireihe, die nach Kriegsende im zerstörten Köln und dessen Umgebung spielt. Die Lage der Menschen, welche von Hunger und Kälte geprägt ist, aber auch die Unsicherheiten nach dem Krieg sind allgegenwärtig.

Davies hasst die Deutschen und fragt sich daher oft, wie die Menschen noch vor wenigen Jahren zu ihrem Land standen? Inzwischen kann jeder wissen, was sich ereignet hat; dass unter anderem Millionen Juden ermordet wurden. Nicht selten werden aus Tätern und Mitläufern neuerdings Verdrängungsweltmeister, während vor allem in der ländlichen Eifel die Vorbehalte gegen ostdeutsche Landsleute zunehmen. Die von ihren Mitbürgern so genannten „Pollacken“ flohen 1945 vor der einrückenden russischen Armee, so wie Friederike und ihre Mutter.

Friederike und Davies haben zunächst ein distanziert-dienstliches Verhältnis zueinander, was auch daran liegt, dass beide ein dunkles Geheimnis mit sich herumtragen. Diese zu entschlüsseln ist fast noch spannender als die Aufklärung der Mordfälle, die recht enttäuschend ausfällt: Ebenso plötzlich wie im Ergebnis unerwartet, wobei letzteres nicht ganz stimmt mangels Alternativen.

Fazit:

Wer sich für die Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland interessiert, der erfährt hier interessante Einblicke vor allem in die eher unbekannte Arbeit der weiblichen Kriminalpolizei (WKP) sowie der uniformierten weiblichen Polizei (WP). Die Ermittlungsarbeit steht meist im Vordergrund, aber auch Einblicke in das Leben der beiden Protagonisten sind enthalten, wobei die Autorin ihren Lesern immer nur stückweise kleine Bröckchen zuwirft.

Als Kriminalroman eher Mittelmaß, als historische Zeitreise durchaus lesenswert. Zumal nun auch – nach Berlin (Harald Gilbers), Dresden (Frank Goldammer) und Hamburg (Cay Rademacher) – Köln in der unmittelbaren Nachkriegszeit beleuchtet wird. Das hätte allerdings ein wenig intensiver geschehen dürfen.

Echo der Toten

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Letzte Kommentare:
19.03.2018 07:41:16
wampy

Buchmeinung zu Beate Sauer – Echo der Toten

„Meine Meinung:
Dieses Buch überzeugt durch die düstere Atmosphäre, die in diesem kalten Winter über Köln und der Eifel liegt. Die Menschen sind noch durch den Krieg gezeichnet und die Versorgungslage ist ziemlich schlecht. So blüht der Schwarzmarkt, auf dem es fast alles zu kaufen gibt. Die beiden Hauptfiguren sind durch ihre Vergangenheit gezeichnet und haben Ecken und Kanten. Richard Davies ist gebürtiger Deutscher, der auf Seiten der Engländer gekämpft hat. Er muß feststellen, dass auch ehemalige Nazis einen Weg in die neue Verwaltung gefunden haben, aber auch, dass Militärangehörige auf dem Schwarzmarkt Geld machen wollen. Friederike Matthee ist ein Flüchtling aus Ostpreußen, die fast alles bei der Flucht verloren hat. Zudem gibt es massive Probleme bei der Eingliederung der Flüchtlinge. Dies betrifft auch den Jungen, der Augenzeuge eines Mordes in der Eifel geworden ist. Eindrucksvoll wird die schwierige Lage der Flüchtlinge gezeichnet, die meist am Rande der Gesellschaft einen Platz zu finden versuchen. Frau Matthee ist aus der Not heraus Hilfspolizistin geworden und kämpft verzweifelt um ihren Arbeitsplatz, der ihr auch eine Wohnung und einen schmalen Verdienst bringt. Herr Davies und Frau Matthee müssen notgedrungen bei einem Mordfall zusammen arbeiten. Am Anfang ist ihre Beziehung von Mißtrauen und Vorsicht geprägt, verbessert sich aber im Laufe der Geschichte. Die Beschreibung der vorsichtigen Annäherung der beiden Hauptfiguren ist eine Stärke des Buches. Es liegen dunkle Schatten der Vergangenheit über den Figuren und jeder versucht so gut es geht damit zu Recht zu kommen. Frau Matthee und Herr Davies sind keine uneingeschränkten Sympathieträger, aber sie sind Kämpfer, die versuchen, ihre Stärken auszuspielen. Sie sind durch ihre Vergangenheit gezeichnet und im Laufe der Geschichte erfährt der Leser Details dazu.
Manchmal rückt der Kriminalfall in den Hintergrund und der Fokus liegt deutlich auf der Entwicklung der Figuren. Die Autorin hat viele Themen in den Roman gepackt und aus meiner Sicht dabei etwas überzogen. Vieles wird angerissen und angedeutet und dann fallen gelassen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Hingegen ist die atmosphärische Zeichnung der Nachkriegszeit sehr gelungen und der Leser hat den Eindruck, direkt vor Ort zu sein.

Fazit:
Ein historischer Kriminalroman mit mehr Stärken als Schwächen. Es werden zu viele Themen angerissen, die dann nicht ausdiskutiert werden können. Sehr überzeugend ist die dichte Atmosphäre und die Entwicklung der beiden Hauptfiguren. So vergebe ich vier von fünf Sternen (80 von 100 Punkten) und spreche eine klare Leseempfehlung aus.

04.02.2018 21:21:59
oberchaot

Friederike Matthée ist mehr aus praktischen Gründen als aus Überzeugung bei der Weiblichen Polizei in Köln. Ihre Chefin ist nicht sehr begeistert, und so muss sich Friederike noch einmal beweisen, damit sie nicht entlassen wird. Dazu hat sie bald Gelegenheit. Richard Davies von der britischen Royal Military Police muss einen Mord an einem Altwarenhändler aufklären. Da ein Junge diesen Mord beobachtet hat, aber mit niemandem darüber spricht, ist nun die Hilfe von Friederike gefragt, welche sehr gut mit Kindern und Jugendlichen auskommt. Sie bringt diesen Jungen tatsächlich zum Sprechen, und gemeinsam mit Richard versucht nun Friederike den Fall zu lösen.
Mir gefällt das Buch deswegen, da ich mich für die Vergangenheit interessiere. Es wird ziemlich genau beschrieben, wie es sich wohl zugetragen haben muss und unter welchen Nöten die Bevölkerung damals zu leiden hatte. Das ist für mich kaum vorstellbar. Auch gefallen mir die beiden Hauptcharakteren. Friederike kommt sehr sympathisch zu mir rüber, und auch Richard empfinde ich als liebenswürdig. Von beiden weiss man, dass sie einen ziemlich schweren Rucksack zu tragen haben. Für mich sehr informativ war das Nachwort. Da habe ich erfahren, wie die Autorin auf ihre Ideen kommt, was stimmt und was fiktiv ist, aber auch ein paar Informationen über den Polizeiaufbau in dieser Zeit. Ich kann das Buch wärmstens weiterempfehlen und hoffe, dass es noch weitere Fälle für Friederike gibt.

22.01.2018 16:49:34
Sagota

"Echo der Toten" von Beate Sauer erschien (TB, broschiert) im Ullstein-Verlag, 2018.Die Autorin, bereits durch viele historische Romane bekannt, legt hier ihren ersten - hoffentlich nicht letzten und für mich sehr gelungenen historischen Kriminalroman vor.

Januar 1947:

Friederike Mathée, mit ihrer Mutter aus Ostpreußen geflüchtet, ist noch nicht lange bei der "Weiblichen Polizei" in Köln und ist trotz aller Beengtheit froh, ein Dach über ihrem Kopf und eine Arbeit zu haben: Gesine Langen, ihre Vorgesetzte, hält sie für zu zart besaitet und zweifelt an ihren Fähigkeiten als Polizistin, als jedoch die Royal Military Police, konkret Richard Davies, Verstärkung anfordert, wendet sich das Blatt: Friederike kann gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen und spricht Englisch: Gute Voraussetzungen, um als Unterstützung für Davies in der Eifel und im Umland von Köln Ermittlungen in einem Mordfall aufzunehmen, der an einem bekannten Schwarzmarkthändler verübt wurde: Jupp Küppers.
Zur Aufklärung des Mordfalles kommt noch Zeugenschutz hinzu: Ein kleiner Junge, wie Friederike mit seiner Mutter aus Ostpreußen geflohen, hat die Tat aus Zufall beobachtet. Wer hatte ein Motiv, Küppers zu töten und was hat es mit dem "Goldenen Militärverdienstkreuz" aus dem 1. Weltkrieg auf sich, das bei Küppers gefunden wurde?

Meine Meinung:

Von Beginn an schafft die Autorin Spannung, die durch sehr authentische Schilderungen und atmosphärische Dichte diesen Krimi aus der frühen Nachkriegszeit, als Deutschland in Schutt und Asche lag, auszeichnet: Der Leser wird ins Jahr 1947 katapultiert, in dem die Bevölkerung hungert und durch den harten Winter friert, die Alliierten das Land in Besatzungszonen aufgeteilt hatten, Entnazifizierungsprogramme laufen und es Lebensmittel nur auf Karten gibt (sofern etwas Essbares im Laden vorhanden). Demzufolge blüht der Schwarzmarkthandel und alte Seilschaften belassen Mitarbeiter in ihren Positionen, die sie auch bereits während der Zeit des NS-Regimes innehatten...

Zentrale Themen sind hier die Aufarbeitung (bzw. das vereinzelte Festhalten) der Ideologie des Nationalsozialismus, Antisemitismus, der Holocaust, Flucht, Vertreibung und Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen in Kriegszeiten, denen Frauen ausgesetzt waren. Die (noch unbewaffnete) deutsche Polizei arbeitet mit der RMP der Briten zusammen und Davies und Friedericke spüren, dass die antijüdische Gesinnung mancher Personen, die befragt werden, sich nicht geändert hat... Beide Ermittler werden sehr glaubhaft dargestellt und tragen schwer an all dem Erlebten: Beate Sauer beschreibt beide sympathischen, aber auch traumatisierten Charaktere sehr einfühlsam; ebenso fand ich die Beschreibung der damaligen polizeilichen Ermittlungsarbeit (Notizblock, Abtippen von Protokollen etc.) sehr spannend, detailreich und authentisch, was auch für zahlreiche Nebenfiguren zutrifft, von denen man sich als Leser ein Bild machen kann (z.B. die britische Offiziersgattin). Hier handelt es sich zum Einen um einen Kriminalfall, zum anderen aber auch - und das ist das für mich Wesentliche - um ein Stück Zeitgeschichte, das in diesem Roman zum Leben erweckt wird: Es wird nichts verschwiegen, was in der NS-Zeit an Gräueltaten verübt wurde und die Auseinandersetzung damit ist immer präsent, spürbar. Letzteres hat mich (ein Nachkriegskind, das gottlob erst 11 Jahre nach Kriegsende geboren wurde) sehr berührt und betroffen gemacht, aber auch zum Nachdenken angeregt - besonders, wenn man bedenkt, wie der Rechtspopulismus und die größte Flüchtlingswelle seit dem 2. Weltkrieg, die Europa in diesen Tagen "stemmen" sollte, die Menschen teilweise wieder in alte reaktionäre Ecken zu ziehen versucht.

Fazit:

Ein spannender, stimmiger, sehr authentischer und rundum gelungener Nachkriegskrimi um den ersten Fall von Friederike Mathée und Richard Davies, nach dessen Lektüre man sich nur wünscht, dass es noch weitere Fälle geben wird: Ich würde mit Sicherheit wieder zugreifen und vergebe die volle Punktzahl, 5* und eine ganz klare Leseempfehlung!

14.01.2018 14:47:01
-LENA-

Der Roman spielt in den Zeiten des Jahrhundertwinters 1946/47, passend zum Cover, der beide Ermittler in einer tiefverschneiten Landschaft zeigt.
Im Januar 47 geschieht ein Mord in der Eifel. Die Spuren führen nach Köln . Die britische Military Police wird eingeschaltet, denn es geht um Schwarzmarktgeschäfte.
Der kleine Flüchtlingsjunge Peter gilt als einziger Zeuge, doch er spricht nicht.
Friederike Matthée gehört zu der Einheit der weiblichen Polizei in Köln und ermittelt gemeinsam mit dem Briten Richard Davies.
Gelingt es den Beiden Peter zum Sprechen zu bringen? Welches Motiv steckt hinter dem Mord? Was ergeben die Nachforschungen in der Eifel? Gibt es in den Verwaltungen noch Verbindungen aus der Nazizeit? Was bedeuten die Displaced Persons- Lager ?

Knapp zwei Jahre nach Ende des Krieges steht das Rheinland unter britischer Besatzung. Menschen leben sehr beengt in Wohnungen, sofern es diese noch gibt. Beschlagnahmte Villen werden von Briten bewohnt. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert nur streckenweise und man starrt beim Vorbeifahren auf Ruinen. Dazu kommt die große Kälte und die rationierte Lebensmittelversorgung. Verwaltungen arbeiten noch eingeschränkt und stehen unter Beobachtung. Diese Situation für die Bevölkerung kann man auf jede Stadt in Deutschland übertragen. Diese Nachkriegszeit schildert die Autorin eindrucksvoll und oft ertappt man sich bei den Gedanken: welches Glück man hatte in Friedenszeiten geboren worden zu sein.

Nach und nach erfährt man mehr über traumatischen Erlebnisse die beiden Protagonisten , die sich zu Beginn sehr distanziert begegnen. Friederike, die neu in diesen Beruf und noch unsicher ist. Richard, der mit Menschen zusammen arbeiten muß und sich ständig fragt; welche Rolle hatten sie in der Vergangenheit. Man kann sich gut vorstellen wie schwierig es ist das Erlebte zu verarbeiten. Im Vordergrund stehen die Ermittlungen zu dem Mordfall und das Umfeld des Mordopfers zu erkunden. Lange ist unklar, welcher Grund wirklich ausschlaggebend war.

Beate Sauer ist es gelungen einen spannenden, atmosphärischen, flüssig zu lesenden Krimi in einem zerstörten Nachkriegsdeutschland zu schreiben. Empfehlenswert.

05.01.2018 15:44:40
leseratte1310

Im Winter 1947 wird ein Schwarzmarkthändler in der Eifel ermordet. Dieses Verbrechen soll Richard Davies von der britischen Military Police aufklären. Es gibt einen Zeugen, doch der sechsjährige Junge will nicht reden. Davies erhält Unterstützung von Friederike Matthée, die der Weiblichen Polizei von Köln angehört. Da sie genau wie der Junge aus Ostpreußen kommt, findet sie einen Zugang zu dem traumatisierten Jungen. Aber auch Friederike selbst hat zu viel Schreckliches erlebt.
Der Winter 1947 macht das Leben noch schwerer als es in der Nachkriegszeit ohnehin schon ist. Friederike hat den Job bei der Polizei nur angenommen, um nach der Flucht nicht ins Auffanglager zu kommen. Es ist nicht das was sie gewollt hat und es wird ihr auch sehr schwer gemacht, aber somit ist das Auskommen für sie und ihre Mutter gesichert. Doch je länger sie mit diesem Fall zu tun hat, umso mehr gefällt ihr die Arbeit und sie zieht die richtigen Schlüsse.Auch Richard hat eine Vorgeschichte. Er ist den Deutschen gegenüber sehr misstrauisch, da er nicht einschätzen kann, wer ein Nazi war und wer nicht. Teilweise ist das sogar verständlich, denn niemand will etwas gewusst haben, geschweige denn dazu gehört haben. Zwangsarbeiter, die noch da sind, und Flüchtlinge haben es nicht leicht.Bei ihren Ermittlungen haben Friederike und Richard es mit Schwarzmarkthändlern und Nazi-Seilschaften zu tun. Je näher sie der Lösung kommen, umso gefährlicher wird es für sie.Der Autorin ist es gut gelungen, die bedrückende Atmosphäre jener Zeit einzufangen, denn die Not ist groß im Winter 1947. Auch die verschiedenen Charaktere sind sehr gut und authentisch beschrieben. Nach und nach erfährt man, welche Dämonen unserer Protagonisten umtreiben. Dafür gerät meines Erachtens der Kriminalfall ein wenig ins Hintertreffen.Mir hat das Buch gut gefallen.