Das Mädchen aus dem Norden

Erschienen: Januar 2017

Bibliographische Angaben

  • Warschau: Muza, 2014, Titel: 'Pochlaniacz', Originalsprache
  • Köln: RandomHouse Audio, 2017, Seiten: 2, Übersetzt: Nicole Engeln, Martin Bross , Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Andreas Kurth
Junkies, Schlagersternchen und ein Elefant am Ostsee-Strand

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jan 2017

Sasza ZaBuska ist eine ehemalige polnische Polizistin, die nach Problemen mit ihrer Alkoholsucht den Dienst quittiert hat und zum Studium nach England ging. Nun kehrt sie als ausgebildete Profilerin mit ihrer kleinen Tochter in ihre Heimat zurück, um in Danzig zu leben. Familie und ehemalige Kollegen beäugen sie äußerst misstrauisch, einzig ihre Mutter freut sich über ihre Rückkehr.

Sasza will für sich und ihre sechsjährige Tochter einen Neustart gestalten, und nimmt einen ungewöhnlichen Auftrag als Profilerin von einem Nachtclub-Besitzer an. Sie soll den Geschäftspartner des Mannes überprüfen, aber nach ihrem Besuch in dem Club gibt es eine nächtliche Schießerei, der Mit-Besitzer wird erschossen, seine Managerin schwer verletzt. Die Polizei steht vor schwierigen Ermittlungen, und Sasza wirkt im Hintergrund an der Aufklärung des Mordes mit. Motive und Beziehungsgeflechte reichen weit in die Vergangenheit zurück - und Sasza muss richtig tief graben.

Polnische Profilerin ist ein kluge und sympathische Person

Das Mädchen aus dem Norden von Katarzyna Bonda war mein erster polnischer Kriminalroman. Mehr als gewöhnungsbedürftig waren bei der Lektüre die Namen und ihre jeweilige Schreibweise, zumal die Autorin ein ziemlich großes Personal-Tableau aufbietet. Aber eine hilfreiche Namensliste am Ende des Buchs sorgt dafür, dass man einigermaßen den Überblick behalten und die einzelnen Figuren einordnen kann. Es dauert auch einige Zeit, bis man die Bedeutung der zahlreichen Figuren für den Fortgang der Handlung richtig einschätzt.

Sasza ZaBuska ist die zentrale Protagonistin in dem rasanten Thriller. Sie wirkt keinesfalls geheimnisvoll, aber viele ihrer Eigenschaften und Erlebnisse aus der Vergangenheit werden dem Leser nur langsam und stückweise enthüllt. Sie hat ein spezielles Verhältnis zu ihrem Dozenten in England, der sie gerne da behalten hätte. Aber sie will mit ihrer geliebten Tochter in ihrer Heimat leben, gegen alle Widerstände von Familie oder ehemaligen Kollegen. Die Profilerin ist ein kluge und sympathische Person, die beim Leser mit vielen ihrer Charakter-Eigenschaften punktet.

Nebenfiguren spielen teilweise eine recht undurchsichtige Rolle

Die interessanten Nebenfiguren sind teilweise in ihrer Bedeutung für die Geschichte schwer einzuordnen. Da ist beispielsweise der langjährige Polizist Robert Duchnowski, den Sasza von früher kennt. Er ermittelt ebenfalls in dem so genannten Nadel-Fall, spielt aber - angesichts seiner bewegten Vergangenheit - zuweilen eine undurchsichtige Rolle. Duchnowski steht Sasza zunächst ablehnend gegenüber, später sucht er die Zusammenarbeit mit der jungen Profilerin. Er ist ein Polizist der alten Schule, erkennt aber irgendwann den Wert ihrer Arbeit für seine Ermittlungen.

Wichtig sind auch die Protagonisten, die bereits vor 20 Jahren eine Rolle gespielt haben, so etwa die junge Monika Mazurkiewicz, die große Liebe eines der StaroD-Brüder. Die Zwillinge Marcin und Wojteks StaroD rücken im Zuge der Recherchen immer mehr ins Zentrum, ihre tatsächliche Bedeutung wird aber nur schrittweise erläutert, und erst im dynamischen Finale vollständig geklärt. Überhaupt gibt es ständig ungeklärte Fragen, die für allerlei Rätsel sorgen. Bonda versteht es gut, so den Spannungsbogen hochzuhalten.

Netz des Elefanten reicht weit in Ämter und Behörden hinein

Besonders die Anfangsgeschichte, die 20 Jahre vor der eigentlichen Erzählung spielt, sorgt für ein großes Rätsel, das nur langsam gelöst wird. Eine zentrale Rolle spielt schon damals der "Elefant", ein Gangster-Boss, der jeweils nur kurz in Erscheinung tritt, aber stets im Hintergrund präsent ist. Die Geschichte dreht sich immer wieder um das vom Elefanten beherrschte kriminelle Netz - das weit in Behörden und Ämter hinein reicht. Kristallisationspunkt ist der Danziger Stadtteil "Heubude", wo vor vielen Jahren alles begann.

Katarzyna Bonda gelingt es, mit Wendungen und Überraschungen den Leser zu fesseln. Durch die komplizierten Verwicklungen steigt der Spannungsbogen stetig an, und Das Mädchen aus dem Norden ist ein Buch, das die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert, um nicht interessante Nuancen oder Nebenaspekte, die später wichtig werden, zu verpassen. An den Erzählstil von Bonda gewöhnt man sich im Laufe der Lektüre, ein polnischer Krimi hat eben so seine Eigenarten. Man muss sich als Leser darauf einlassen, aber das lohnt sich auf jeden Fall. Auf den 650 Seiten voller Spannung, mit einem raffinierten Plot und immer neuen Wendungen, wurde ich jedenfalls perfekt unterhalten.

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