Die Straße ins Dunkel

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • London: C & R Crime, 2015, Titel: 'The Serpentine Road', Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Polaris, 2016, Seiten: 400, Übersetzt: Jürgen Bürger

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Jörg Kijanski
Neuer Star des Südafrika-Thrillers?

Rezension von Jörg Kijanski Aug 2016

Januar 1994. Freie Wahlen, eine Regierung der schwarzen Mehrheit, das Ende der Apartheid. So hat es Nelson Mandela versprochen, doch die APLA , der bewaffnete Arm des Pan African Congress, hat - wenige Wochen vor den Wahlen - erneut mit einem Anschlag zugeschlagen. Major Kobus Nel gehört zu den zahlreichen Weißen, die sich mit dem anstehenden Wechsel nicht abfinden wollen, er fürchtet gar den Untergang seines Landes, vor allem aber seinen eigenen. So kommt es bei einem Einsatz unter seiner Leitung zu einem Massaker an einer schwarzen Familie. Colonel Vaughn de Vries soll den vermeintlichen Tatort sichern und wird somit indirekt Zeuge des Geschehens...

 

"Das, was wir tun, verlangt einen simplen Glauben: Der Zweck heiligt immer die Mittel."
"Das ist für viele Menschen eine sehr beängstigende Perspektive."
"Aber nicht für Sie?"
"Philosophie scheint mir eine äußerst subjektive Angelegenheit zu sein."

 

April 2015. In einer vornehmen Wohngegend oberhalb von Kapstadt an den Hängen des Tafelberges, wird Taryn Holt in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Ans Bett gefesselt und mit fünf Schüssen niedergestreckt bietet sich den Polizisten ein grausamer Anblick. Colonel Vaughn de Vries vom SAPS, dem South African Police Service, übernimmt die Ermittlungen. Doch der Fall entpuppt sich zunächst als äußerst schwierig, da der Tatort nahezu keine Spuren hergibt. Am Tag vor ihrem Tod eröffnete Holt, Erbin eines milliardenschweren Unternehmens, eine umstrittene Kunstausstellung. Es kam zu Protesten, eine Schaufensterscheibe wurde eingeworfen. Zudem stellt sich heraus, dass Holt eine Beziehung mit Trevor Bhekifa hatte, der dabei ist, eine neue Partei als Konkurrenz zur allmächtigen ANC aufzubauen. Trevors Vater hingegen war eine der führenden Lichtgestalten des ANC, gilt noch immer als höchst einflussreich. Dann taucht plötzlich der vermeintliche Mörder auf, allerdings als Leiche ...

Reise in ein noch immer zerrissenes Land

Mit seinem Debütroman zu dieser Serie Die Unschuld stirbt, das Böse lebt sorgte Paul Mendelson bereits für Aufsehen. Der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund, zeigt sein geliebtes Land, in dem der gebürtige Brite zeitweise lebt, gänzlich ungeschminkt. Die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung scheint durch die Machtübernahme des ANC vor einundzwanzig Jahren überwunden. Aber gibt es stattdessen jetzt eine Unterdrückung der weißen Bevölkerung? Viele von ihnen mussten ihre Arbeitsplätze abgeben, leben nun ihrerseits am Rande der Gesellschaft. Auch an der Polizei ging der Wechsel nicht spurlos vorüber. General Sempiwe Thulani macht keinen Hehl daraus, dass er seinen Ermittler Colonel de Vries nicht mag, womit er damit keineswegs alleine steht. Auch Warrant Officer Don February hat mit seinem Chef gelegentlich Probleme, denn dieser kann seine (einst) rassistisch geprägte Grundhaltung nicht immer unterdrücken.

 

"Er ist ein zorniger Mann, ungeduldig, intolerant, von Natur aus rassistisch, ohne jeden Respekt für Dienstgrade oder Frauen oder den Herrn."

 

Ein Rassist als Held? Nein, denn Vaughn de Vries ist kein Held und schon gar keine Sympathiefigur. Er ist ein Dickschädel, der mit Hierarchien noch nie etwas anfangen konnte und dem es vor allem um den Ruf der SAPS geht. Er will Gerechtigkeit für seine Opfer, hier für Taryn Holt, doch gelegentlich kommen auch bei ihm, zwei Jahrzehnte nach dem Machtwechsel, noch die alten reaktionären Denkmuster zum Vorschein. Nicht selten stößt er vor allem farbigen Gesprächspartnern vor den Kopf und kann sich daher glücklich schätzen, dass sein Partner hier besonders viel Einfühlungsvermögen besitzt, um dies auszugleichen.

 

"Du warst schon immer ein Verschwörungstheoretiker, Vaughn."
"Wenn man in diesem Land Verschwörungstheoretiker ist, berücksichtigt man ganz einfach die Wahrscheinlichkeiten. Ich hatte schon zu oft recht."

 

Nein, die Figur des Vaughn de Vries, ist nicht sympathisch, aber authentisch und gerade deshalb ein Erlebnis. Wer die aktuelle Situation in Südafrika, einem nach wie vor innerlich stark zerrissenem Land, verstehen will, ist mit der Lektüre des vorliegenden Romans allemal besser dran als mit politischer Schönmalerei getreu dem Motto "Es kann nicht sein, was nicht sein darf". Selbstredend gibt es zahlreiche Aussprüche von de Vries und anderer Figuren, die verstörend und unsäglich sind. Allerdings zeigt sich, dass es auch auf der anderen Seite viele Personen gibt, denen es mehr um Machterhalt und den eigenen Vorteil, denn um ein demokratisches Land und Gerechtigkeit für alle geht. So kommt de Vries letztlich einer groß angelegten Verschwörung aus höchsten Kreisen auf die Spur, die ihn bald selbst in arge Bedrängnis bringt. Und als wäre dies nicht schlimm genug, werden auch noch die an dem Massaker aus 1994 beteiligten Polizisten nach und nach ermordet.

Großartiger Südafrika-Thriller und eine klare Ansage an Altmeister Deon Meyer.

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