Die Unschuld stirbt, das Böse lebt

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Rowohlt Polaris, 2016, Titel: 'Die Unschuld stirbt, das Böse lebt', Seiten: 480, Übersetzt: Jürgen Bürger
  • London: Constable & Robinson, 2014, Titel: 'The first Rule of Survival', Originalsprache

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Andreas Kurth
Wenn die Nachbarn nicht so genau hinschauen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2016

Mitarbeiter eines Bauernmarktes in der Nähe von Kapstadt finden zwei in Plastikfolien eingewickelte Kinderleichen in einem Müllcontainer. Colonel Vaughn de Vries vom South African Police Service (SAPS) ist schnell am Fundort, um diesen ungewöhnlichen Fall zu übernehmen. Es stellt sich heraus, dass es sich bei den Toten um zwei der drei 2007 entführten weißen Polizistensöhne handelt, nach denen so lange erfolglos gesucht wurde. Die schier unendlichen Ermittlungen sind für de Vries ein berufliches Trauma, deshalb setzt er jetzt alles daran, den dritten Jungen noch lebend zu finden.

Indizien führen ihn zu einem Weingut, dessen Besitzer sich in Widersprüche verwickelt. Doch dem erfahrenen Polizisten wird schnell klar, dass er nicht nur einen Einzeltäter suchen muss. Aber im von Korruption verseuchten SAPS gibt es offensichtlich mehr Bremser für seine Ermittlungen, als de Vries auch nur erahnen kann.

Ein kritischer Blick auf den Polizeiapparat

Die Zahl der Kriminalromane und Thriller, deren Schauplatz Südafrika ist, hat in den vergangenen Jahren rapide zugenommen. Deon Meyer, Malla Nunn oder Roger Smith - um hier nur einige zu nennen - haben auch in Deutschland bereits eine enorme Popularität errungen. Paul Mendelson ist zwar Brite, lebt aber in London und Südafrika, man darf also davon ausgehen, dass ihm die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse bestens vertraut sind. Und wie bei vielen seiner Autoren-Kollegen ist auch sein Buch nicht einfach nur ein Kriminalroman, sondern durchaus eine Art Reflektion der gesellschaftlichen Verhältnisse im "neuen" Südafrika, also nach dem Ende der Arpartheid, wobei sich Mendelsons kritischer Blick vor allem auf den Polizeiapparat richtet.

Weißer Polizist aus der alten Zeit soll kaltgestellt werden

Die Machtkämpfe und Intrigen zeigen nämlich deutlich, dass auch gut zwei Jahrzehnte nach dem Ende der "weißen Herrschaft" noch keineswegs alles normal ist. Und so ist auch die bemerkenswerte Erkenntnis einiger Protagonisten, dass das neue Südafrika zuweilen die Polizei des alten Südafrika braucht, keineswegs rassistisch zu verstehen.

Für jeden Polizisten ist es normal, dass es im Laufe seiner Dienstzeit einen Kriminalfall gibt, den er nicht lösen kann, und der ihn im Regelfall noch sehr lange beschäftigt. Für Vaughn De Vries ist das der Fall mit den drei entführten Polizisten-Söhnen. Er spürt jedoch, dass seine Vorgesetzten diesen speziellen Fall aus verschiedenen Gründen schnell zu den Akten legen wollen. Oder sie wollen die Vorgänge eiskalt nutzen, um ihn, den weißen Polizisten aus der alten Zeit, endgültig kalt zu stellen.

Der schwierige Fall hat auch eine politische Dimension

Dem Leser wird in diesem Roman ein Verbrechen dargeboten, dessen unfassbare Dimension sich erst nach und nach komplett zeigt. Die Ermittlungen in diesem sensiblen Fall haben auch eine politische Dimension, verbunden mit den internen Kämpfen und Intrigen im Polizeiapparat ergibt sich eine explosive Mischung. Die Polizisten erfahren durch die Obduktion der Leichen, dass die zwei toten Kinder jahrelang in dunklen Räumen gefangen waren. Man hat sie systematisch sexuell missbraucht und irgendwann aus unbekannten Gründen erschossen.

De Vries und sein Kollege Don February ermitteln fieberhaft, denn das dritte Entführungsopfer von damals könnte durchaus noch leben. Die zähen und wendungsreichen Ermittlungen, die ständigen Querschüsse aus dem Polizeiapparat, und nicht zuletzt die persönlichen Befindlichkeiten von Vaughn de Vries - Paul Mendelson nutzt diese Gemengelage, um einen großen Spannungsbogen aufzubauen.

Dieser Thriller ist Spannungsliteratur der besten Sorte

Paul Mendelson wechselt zwischen zwei Zeitebenen hin und her, vermittelt dem Leser durch die Rückblicke auf die damaligen Ermittlungen einen guten Eindruck von der Brisanz der Ereignisse. Die Orientierung wird durch die Angabe von Jahreszahlen erleichtert, was ich stets außerordentlich hilfreich finde. Neben de Vries und February tritt noch ein ehemaliger britischer Geheimagent auf, dessen Rolle erst im Finale eine ganz entscheidende wird. Mehr sei hier aus dramaturgischen Gründen nicht verraten, aber das Ende des Romans ist ebenso ungewöhnlich wie gewöhnungsbedürftig.

Der erste Band der neuen Reihe um Vaughn De Vries ist Spannungsliteratur der besten Sorte. Mit "The Serpentine Road" liegt der zweite Band bereits im Original vor. Wenn der Autor dort ähnlich spannendes Lese-Kino bietet, wird er auch in Deutschland wieder viele Krimi-Fans begeistern.

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