Blau ist die Nacht

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • London: Faber and Faber, 2014, Titel: 'Blue is the Night', Originalsprache
  • München: dtv, 2016, Seiten: 272, Übersetzt: Gregor Runge

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Jörg Kijanski
Das Böse hat zu viele Gesichter

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2016

17. April 1949. Mary McGowan wird in ihrer Wohnung brutal attackiert. Wenig später erliegt sie ihren Verletzungen. Zuvor kann sie ihren Mörder benennen. Robert Taylor, ein Maler, wird umgehend festgenommen. Richter Lancelot Curran will ihn hängen sehen, sein engster Berater Harry Ferguson genau dies verhindern. Taylor ist Protestant, McGowan war Katholikin, der Ort des Geschehens ist Belfast. Sollte Taylor hängen, droht ein Aufstand.

 

"In dieser Angelegenheit hat sowieso der Pöbel das Sagen. Der Pöbel hat immer das Sagen."
"Richter und Geschworene etwa nicht?"
"Du bist ja ein richtiger Komiker, Harry. Wusste ich gar nicht. Dein Sinn für Humor ist mir bis jetzt entgangen. Was glaubst du wohl, warum hier bewaffnete Männer stehen? Weil der Pöbel Taylor an den Kragen will? Die würden ihn doch hier auf Händen raustragen, wenn sie könnten. Und das weißt du. Und Curran weiß das auch. Wenn er es auf einen Schuldspruch abgesehen hat, kann er genauso gut einpacken."

 

12. November 1952. Patricia, die neunzehnjährige Tochter von Richter Curran, wird in ihrer Grundstückseinfahrt ermordet aufgefunden. 37 Messerstiche, nirgendwo Blut, Curran behindert die Ermittlungen. Ein Freund ihres Bruders wird verhaftet. Schnell liegt ein Geständnis vor. Doch der vermeintliche Mörder wird wenig später freigelassen, der Fall nie aufgeklärt. Kurz nach dem Verbrechen wird Patricias Mutter Doris in die Nervenheilanstalt von Holywell eingeliefert.

 

"Das Mädchen wurde zwischen den Bäumen neben der Zufahrt gefunden."
"Die ganze Nacht über sind die Einsatzkräfte da rumgetrampelt. Polizeiliche Fahndungsarbeit."
"Selbstverständlich alles sehr professionell."
"Wenn der Plan war, alle Spuren zu beseitigen, wäre das gründlicher kaum möglich gewesen."

 

1961. Eine junge Frau wird ermordet. Parallelen zum Mord an Patricia sind vorhanden. Curran will den Fall und den mutmaßlichen Mörder, Robert McGladdery, hängen sehen. Ferguson will verhindern, dass Curran den Prozess leitet und herausfinden, wer Patricia umgebracht hat. Eine Suche führt nach Holywell...

Halb Fiktion, halb Fallstudien und Gerichtskrimi. Ungemein packend!

Blau ist die Nacht von Eoin McNamee ist ein brillanter Noir aus Nordirland. Der "Werbung" auf dem Buchrücken ist ausnahmsweise nichts hinzuzufügen. Doch dann wäre die Rezension schon zu Ende, also etwas ausführlicher. Zunächst ist festzuhalten, dass McNamee ein ruhiger Erzähler ist. Gewalt kommt vor, aber unterschwellig. Wichtiger ist das Setting, sind die Dialoge, die teils an Geheimdienstthriller erinnern, und die Schieflage einer ganzen Stadt, in der Korruption sowie das Böse schlechthin engste Nachbarn sind. McNamee erzählt aus großer Distanz, lässt den Leser kaum an seine Figuren heran, lediglich Ferguson wird greifbar. Doch Ferguson ist ein gerissener Hund, ein ebenso einflussreicher wie unangenehmer Machtmensch, der von Angst getrieben wird. Bei einer Verurteilung von Taylor könnte die Stadt in Flammen aufgehen, daher muss der Mörder freigesprochen werden. Kaum jemand sieht dies im protestantischen Belfast anders. Mit äußerster Gerissenheit versucht Ferguson seine Interessen durchzusetzen. Er weiß, wen er treten kann und wann er buckeln muss.

 

"Es kommt nicht auf das Blatt an, Harry. Es kommt darauf an, wie man spielt."

 

Die Familie Curran wird ebenfalls eingehend vorgestellt. Der Richter, ein süchtiger Spieler, der alles seiner Karriere unterordnet. Doris, seine Frau, die in einer Irrenanstalt aufwuchs und nach dem Mord an ihrer Tochter in einer anderen untergebracht wird. Sie leidet an verschiedenen Manien, spricht mit Verstorbenen und wechselt ihre Persönlichkeit. Patricia ist in der Pubertät, rebellisch und hat ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden. Ihr Bruder Desmond wird später als Priester nach Afrika auswandern.

 

"Diese Stadt ist am Ende, Ferguson, die Leute werden toben wegen der Sache."
"Deshalb will ich den Freispruch."
"Ach ja. Und wer übernimmt die Anlage?"
"Der Attorney General."
"Lance Curran übernimmt die Anklage? Was für ein Spiel treiben Sie, Ferguson? Lance ist ihr Mann. Wieso fallen Sie ihm in den Rücken?"

 

Die Handlung springt im Wesentlichen zwischen den Jahren 1949 (Gerichtsverhandlung gegen Taylor), 1952 (Mord an Patricia) und 1961 (Fergusons Recherchen). Die verschiedenen Szenewechsel mit zahlreichen Rückblenden und Versätzen sind anfangs ein bisschen irritierend, man kommt aber schnell in die Handlung rein und kann sich deren Faszination kaum entziehen. Wird Taylor verurteilt? Wird der Mörder von Patricia endlich gefunden? Kann Curran als Richter im Fall McGladdery verhindert werden? Alles ist plötzlich denkbar. Jack the Ripper ...

Sprachlich ein Genuss, inhaltlich bedrückend, wie (und warum) Ferguson versucht, das Recht zu beugen. Ein Erfolg ist wahrscheinlich. Was am Ende des Romans alles ans Tageslicht befördert wurde, lässt einen fassungslos zurück. So viel Boshaftigkeit, Intrigen, Niedertracht und Ohnmacht gab es selten. Alle machen mit, alle sind verdächtig. Weit und breit ist niemand zu sehen, der den ersten Stein werfen darf. Ein Noir der Extraklasse!

Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten und so ist zumindest vorhersehbar, wie der Fall McGladdery endet: Am Galgen. Er war der letzte Mann in Nordirland, der am 20. Dezember 1961 auf diese Weise sein Leben verlor. An seiner Schuld gab und gibt es Zweifel, seine Geschichte erzählt Eoin McNamee in seinem Roman Requiem (Originaltitel "Blue Orchid", 2012).

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