Blutapfel

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Polaris, 2015, Seiten: 480, Originalsprache

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Andreas Kurth
Wenn der Nachbar die Bäume im Vorgarten beschneidet

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2015

Für Außenstehende ist Oliver Wiebusch ein unauffälliger Mann, ein freundlicher Nachbar halt, der sich um seine Mitmenschen kümmert. Die Polizei steht daher vor einem schwierigen Rätsel, als er mitten im Hamburger Elbtunnel in seinem Auto erschossen wird. Hauptkommissar Adam Danowski und seine Kollegen finden zunächst kein Motiv für die Tat, vom Mörder keine Spur.

In der unscheinbaren Vorort-Siedlung südlich der Elbe, in der das Mord-Opfer gewohnt hat, stehen Blutapfel-Bäume auf nahezu allen Grundstücken. Oliver Wiebusch war nach den Aussagen seiner Nachbarn freundlich und hilfsbereit, half beim Beschneiden der Apfelbäume, wechselte die Autoreifen und vieles mehr. Die Polizisten durchleuchten nicht nur das private Umfeld, sondern auch den beruflichen Hintergrund des Mord-Opfers. Während einige seiner Kollegen von einer Verwechslung ausgehend, und in Richtung Rivalität zwischen kriminellen Banden ermitteln, will sich Danowski nicht mit einer solchen Lösung zufrieden geben. Es dauert lange, bis er gemeinsam mit Kollegen die überaus ungewöhnlichen Verhaltensweisen des Oliver Wiebusch durchschaut und so der Lösung des Falls langsam näher kommt.
Prolog hat eine eher zwiespältige Wirkung

Mit Blutapfel hat Till Raether jetzt den zweiten Fall seines ungewöhnlichen Ermittlers Adam Danowski vorgelegt. Rückblenden und Erklärungen zum ersten Buch der Reihe sorgen dafür, dass man dem Hamburger Ermittler mit seinen ziemlich speziellen Befindlichkeiten problemlos folgen kann, ohne das erste Buch gelesen zu haben.
Über den Prolog kann man übrigens geteilter Meinung sein. Einerseits ist es ein Rätsel, warum dort die Geheimdienst-Mitarbeiterin Tracy Harris vorgestellt wird, die mal eben einen Gefangenen beim Verhör umlegt. Andererseits wird auf der Rückseite des Buches bereits verraten, dass sich ein amerikanischer Geheimdienst für den Kriminalfall in Hamburg interessiert. Als Harris also wieder in der Handlung auftaucht, ist dem Leser ihre Rolle einigermaßen klar. Das hätte man in meinen Augen besser lösen können, der Spannung tut es am Ende allerdings keinen Abbruch.

Vollblut-Polizist steckt in innerer Zwickmühle

Insgesamt ist der Plot von Till Raether nämlich recht geschickt aufgebaut. Die Amerikanerin taucht als Managerin eines Unternehmens auf, das Schulterkameras vertreibt, die bei einem Polizeieinsatz in Hamburg getestet werden sollen. Den Ermittlern bleiben die möglichen Hintergründe lange verborgen, aber als Leser ist man einen Schritt voraus.

Während Danowski und seine Kollegen einigen Irrtümern unterliegen, fragt man sich, wie die Sache insgesamt weitergehen wird. Der Protagonist wird dabei auch durchaus von seiner privaten Seite präsentiert, wohldosiert, als nachdenklicher Familienmensch. Danowskis Frau ist Pädagogin, und hat einen beruflichen Aufstieg vor sich. Deshalb überlegt der erfahrene Ermittler mehr als ernsthaft, ob er sich auf eine Teilzeitstelle versetzen lassen soll.
Der innere Zwiespalt des Vollblut-Polizisten und seine Diskussionen mit seiner Ehefrau werden realistisch und authentisch dargestellt. Mehr Zeit für die Familie, ein Reihenhaus statt einer Wohnung – und doch der leise Neid auf die Beförderung eines Kollegen, mit der Danowski selbst gerechnet hatte. Sein Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten wirkt daher glaubwürdig, und als Leser wünscht man ihm den Erfolg in diesem Fall, damit er seine privaten und beruflichen Ziele leichter und ruhiger angehen kann.

Fummelei am Pferdeschwanz und andere Macken

Und dann gibt es da noch Nebengeschichten und nette "running gags", die von Till Raether gut in die Handlung eingebettet worden sind und das Buch noch lesenswerter machen. So haben Danowskis Kollegen manche Eigenart, über die man trotz aller Spannung schmunzeln kann. Seine Vorschriften-getreue Kollegin Meta Jurkschat fummelt ständig an ihrem Pferdeschwanz herum. Schon die Schilderung dieser Zwangshandlung hat mich beim Lesen förmlich irre gemacht – Danowski muss das ertragen, was ihm zuweilen verständlicherweise schwer fällt.

Ein Protagonist der besonderen Art ist Danowskis früherer Partner Andreas Finzel. Finzi, wie er von seinen Kollegen genannt wird, ist nach schwerem Alkoholmissbrauch traumatisiert und lebt in einem Pflegeheim. Er erinnert sich daran, dass er keinen Rückfall in den Alkoholismus hatte, sondern dass jemand versucht hat, ihn zu töten. Allerdings glaubt ihm niemand – bis Danowski die Sache schließlich überprüft. Finzi wird von seinem Kollegen aus dem Heim geholt – und bringt ganz neuen Schwung in die Ermittlungen.

Interessant fand ich auch Trickster, eine merkwürdige Figur, die wie Wiebusch das skurrile Hobby Urban Exploring pflegt. Die Beschreibung dieser mehr als merkwürdigen Freizeitbeschäftigung war überaus interessant – und brachte die Ermittlungen auch noch gut voran. Raether hat einige spannende Nebenaspekte, Wendungen und Sackgassen eingebaut. Es gab immer wieder neue Tätervermutungen – und ein wirklich überraschendes Finale. Der Autor und sein Protagonist haben noch so einiges an Potenzial zu bieten.

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