Blood On Snow. Der Auftrag

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2015, Übersetzt: Sascha Rotermund, Bemerkung: ungekürzte Lesung

Couch-Wertung:

80°
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Andreas Kurth
Romantik ist nichts für Auftragsmörder

Rezension von Andreas Kurth Jun 2015

Wenn man als Zuhälter, Drogendealer oder Dieb ungeeignet ist, wird man halt Auftragsmörder. Olav Johansen bezeichnet sich selbst allerdings als Expedient, wenn er im Auftrag seines Chefs Daniel Hoffmann tötet, expediert er jemanden. So ungeeignet er für andere kriminelle Jobs offenbar ist, als Killer scheint er außerordentlich talentiert zu sein. Er sieht das Ganze nicht als persönliche Angelegenheit, bleibt dabei völlig ruhig und erfüllt seine Aufgabe.

Deshalb überträgt ihm sein Chef schließlich eine wirklich ungewöhnliche Aufgabe - Olav soll dessen Frau Corina Hoffmann töten, weil sie einen Liebhaber hat. Damit kommt er seinem Chef ziemlich nahe - zu nahe, wie sich zeigt. Olav beobachtet sein vermeintliches Opfer mehrere Tage lang, und verliebt sich in die überaus attraktive Frau. An ihrer Stelle erschießt er deshalb den Liebhaber. Zu seinem Entsetzen stellt sich allerdings heraus, dass es sich um Hoffmanns einzigen Sohn gehandelt hat. Olav wird nun selbst zum Gejagten, und versucht in seiner Not, sich mit dem größten Konkurrenten von Hoffmann zu verbünden. Es kommt zu einigen Komplikationen und einem brutalen Finale.

Schmales Werk ist der Auftakt einer dreiteiligen Reihe

Wer die Harry Hole-Romane von Jo Nesbø kennt, wird sich hier die Augen reiben. Nicht mal 200 Seiten hat der notorische Vielschreiber bei diesem neuen Werk zu Papier gebracht - knapp ein Drittel seiner üblichen 600-Seiten-Schinken. Vielen Lesern und Rezensenten sind derart schmale Werke eher suspekt, nach dem Motto: Da kann nicht viel Inhalt drinstehen. Der norwegische Bestseller-Autor muss sich um derlei Engstirnigkeit wohl kaum kümmern, sein Name dürfte schon dafür sorgen, dass dieses Werk ausreichende Beachtung findet.

Blood on snow - Der Auftrag soll dabei der Auftakt einer dreiteiligen Reihe sein, das Buch Das Versteck ist bereits für Februar 2016 angekündigt. Aus seinem jüngsten Roman Der Sohn kennt man es schon - hier ist kein Polizist die zentrale Figur, sondern ein Krimineller. Nesbø hatte dort seinen Protagonisten als mindestens ambivalente Figur gezeichnet, der man trotz ihrer kriminellen Taten verstörenderweise ein gewisses Verständnis entgegen brachte.

Diese Perspektive ist keinesfalls neu in der Spannungsliteratur, einige belesene Rezensenten-Kollegen haben schon reichlich Vorbilder dafür gefunden und auch ausführlich dargelegt, welchen Stilrichtungen der Autor seine Huldigungen zukommen lässt. Derartige Stil- und Genrevergleiche sind für Literatur-Wissenschaftler und andere Experten sicherlich hochspannend, aber ich werde mich in dieser Hinsicht gepflegt zurückhalten.

Manche Fehler lassen sich nicht mehr korrigieren

Die neue Geschichte ist in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt - Heroin wird langsam zu einem größeren Problem für die norwegische Hauptstadt. Jo Nesbø hat seinem Protagonisten Olav Johansen eine Mission verordnet, die diesem erhebliche Bauchschmerzen bereitet. Der Killer verstrickt sich in seiner tragischen Liebe zum befohlenen Opfer und begeht einen extremen Fehler, der sich nun mal nicht korrigieren lässt. Den einzigen Sohn seines Auftraggebers zu erschießen führt unweigerlich dazu, selbst zur Zielscheibe zu werden.

Der Roman bezieht einen Großteil seiner Spannung aus der Frage, wie Johansen damit umgeht, und wie er versucht, aus dieser schier ausweglosen Klemme heraus zu kommen. Da zwei Gruppen von Kriminellen um die Vorherrschaft im Drogengeschäft ringen, liegt es nahe, dass sich der Killer an den Rivalen von Hoffmann wendet - und damit kommt ordentlich Dynamik in die Geschichte. Mehr wird hier zum weiteren Fortgang des Geschehens nicht verraten.

Für die heutige Zeit ein eigenwilliges Stück Kriminalliteratur

Die ganze Geschichte wirkt außerordentlich konstruiert, aber das ist von Nesbø offenbar so gewollt. Und wie in Der Sohn lässt der Autor seinen Verbrecher in dessen Naivität eine gehörige Faszination ausstrahlen. Die Mär vom Killer mit romantischem Herz wird im Zuge der Handlung allerdings entlarvt, denn es zeigt sich, dass Johansen im Grunde seines Wesens eher gefühlskalt ist. Das wird vor allem deutlich, als er sich daran erinnert, wie brutal und gefühllos er einst seinen Vater ermordet hat.

Und dennoch, der Killer liest viel, schreibt eigene Versionen von geschätzten Büchern, und nutzt diese literarischen Ausflüge teilweise zur Rechtfertigung des eigenen Handelns. Johansen ist ein interessanter Protagonist - schätzen muss man ihn nicht. Das war bei "Der Sohn" in meinen Augen noch ganz anders.

Überhaupt ist Jo Nesbø in diesem Buch viele neue Wege gegangen. Wer die Harry-Hole-Reihe mit großem Genuss gelesen hat, wird hier bei der Lektüre sehr überrascht sein. Diese Art von Kriminalliteratur ist in der Gegenwart als durchaus eigenwillig zu bezeichnen. Aber es lohnt sich nicht nur für Fans der Altmeister und der gewürdigten Stilrichtungen, dieses Buch zu lesen. Wer sich darauf einlässt, wird auf eine ganz spezielle Weise unterhalten. Mir hat es gefallen, und ich freue mich auch schon auf den nächsten Teil der kleinen Reihe.

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