Die Suche nach Tony Veitch

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: Pantheon Books, 1983, Titel: 'The papers of Tony Veitch', Originalsprache
  • München: Antje Kunstmann, 2015, Seiten: 320, Übersetzt: Conny Lösch

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Jürgen Priester
<em>EINE</em> Welt oder keine

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2015

William Angus McIlvanney, 1936 in Kilmarnock (Schottland) geboren, gilt in Krimi-Kreisen als Vater des "Tartan Noir"; die britischen Medien bezeichnen ihn sogar als "Godfather of Tartan Noir". Dieser Ehrentitel geht auf drei Kriminalromane zurück, die McIlvanney 1977. 1983 und 1991 schrieb. Sie werden im englischen Sprachraum unter The Laidlaw Trilogy subsumiert, benannt nach dem Titelhelden Jack Laidlaw, einem Detektive Inspector der Kriminalpolizei in Glasgow. Schottlands Bestseller-Autor Ian Rankin schrieb einmal, dass er ohne die Romane McIlvanneys nie Krimiautor geworden wäre und dass sie ihm die Inspiration zu der Figur des John Rebus gegeben haben. Die Trilogie war über Jahre in Vergessenheit geraten, bis ein junger britischer Verleger die Rechte erwarb und die Romane wiederveröffentlichte. Für die deutschen Ausgaben zeichnet der Verlag Antje Kunstmann verantwortlich, und die allseits hochgeschätzte Conny Lösch konnte als Übersetzerin gewonnen werden. Die Suche nach Tony Veitch ist der zweite Teil der Trilogie, der, wie schon der erste, die Wertschätzung der fachkundigen Jury der KrimiZeit-Bestenliste fand.

William McIlvanney ist ein Poet und Conny Lösch eine Poetin. Viel zu selten ist uns Lesern bewusst, welch fantastische Leistung eine gute Übersetzung ist. Der größte Teil der Kriminalliteratur erscheint in Fremdsprachen – hauptsächlich in Englisch, aber auch in den skandinavischen Sprachen. Eine Übertragung ins Deutsche bedeutet ja nicht, Wort für Wort und Satz für Satz zu übersetzen, sondern es müssen genau die richtigen Worte gefunden werden, um die Feinheiten des Originals adäquat wiederzugeben. Das ist Conny Lösch hervorragend gelungen und macht diesen Roman zu einem sprachlichen Genuss. Aber McIlvanney ist nicht nur ein Poet, der mit erstaunlichen Aphorismen und Metaphern zu überzeugen weiß, sondern auch ein Philosoph, der seine Mitmenschen liebt und an das Gute in ihnen glaubt. Diese philanthropische Weltsicht manifestiert sich in den Gedanken und Handlungen des Helden Jack Laidlaw.

Glasgow – Anfang der 1980er Jahre. Die einstige Handels- und Industriemetropole befindet sich auf einem absterbenden Ast. Arbeitslosigkeit verbunden mit relativer Armut prägt ganze Stadtviertel. Kleinkriminalität blüht allerorten. Zwei konkurrierende Verbrecherbanden liegen miteinander im Clinch, weil ein Ganove namens Paddy Collins abgestochen wurde. Beide Seiten sind nun auf der Suche nach einem gewissen Tony Veitch. Der soll was wissen oder gesehen haben oder sogar selbst in den Mord involviert sein. Nicht genaues weiß man nicht. Der Student aus wohlhabenden Verhältnissen ist abgetaucht.

Detective Inspector Laidlaw ist auch auf der Suche, aber (noch) nicht nach Tony Veitch, das kommt erst später. Laidlaw sucht den Mörder des Penners Eck Adamson. Dieser wurde vergiftet, kann aber auf dem Sterbebett Laidlaw noch Hinweise zuflüstern.
Glasgow ist zwar die drittgrößte Stadt Großbritanniens, aber die Unterwelt scheint (wenigstens in den 1980ern) ein intimer Haufen zu sein. Da kennt jeder jeden. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass zwei Morde in kurzen Abständen miteinander verbunden sind. Als Tony Veitch endlich aufgestöbert ist, ist für einige ein Kapitel beendet. Für Jack Laidlaw stellt sich eine neue Aufgabe.

Krimifans wird Die Suche nach Tony Veitch nicht vom Hocker hauen. Da sind wir gegenwärtig anderes gewöhnt. Aber man sollte William McIlvanney auch nicht als Krimiautor, der auf Spannung und Action setzt, definieren, sondern als einen Romancier, der die Zeit einer wirtschaftlichen Depression und eine Stadt der Arbeiter und Underdogs aus dem Blickwinkel eines Polizisten beschreibt. Das Umfeld von Gumshoe Jack Laidlaw ist so rau und unwirtlich wie das Wetter in diesen nördlichen Regionen. Jack versucht, ein wenig Menschlichkeit und Würde in diese triste Welt zu bringen. "Eine Welt oder keine" ist seine Maxime, die man so interpretieren kann, dass es, wenn ein Individuum sich nicht als Teil der gesamten Menschheit versteht, keine Zukunft für die Welt geben kann. Dem Helden ist durchaus bewusst, dass das Ideal eines solidarischen Miteinanders jenseits nationaler, ethnischer oder sozialer Schranken nichts mit der (seiner) Realität zu tun hat. Seit Urzeiten lebt die Menschheit nach dem animalischen Motto: "Only the Strong Survive". Das gilt natürlich auch für die Glasgower Unterwelt, in der Laidlaw sich bewegt. Nichtsdestotrotz hält er die Fahne der moralischen Verantwortung hoch und setzt sich für die Ärmsten der Armen ein. Sehr anrührend.

Der Rezensent hat den Roman genussvoll gelesen, nicht allein wegen der schönen Sprache. Dieser Jack Laidlaw ist ein faszinierender Mann, hat so eine Ausstrahlung wie Yanis Varoufakis – gebildet, eloquent, kompetent und immer mit dem Herzen bei denen, um die sich sonst keiner kümmert. Auch wenn, wie erwähnt, die Krimihandlung für heutige Verhältnisse ein wenig altbacken wirkt, wird man mit geistreichen Dialogen und Gedanken entschädigt. Im Herbst erscheint mit Fremde Treue der dritte Teil der Trilogie, auf den man sich freuen darf. Wie man liest, sitzt William McIlvanney momentan an einer Fortsetzung.

Die Suche nach Tony Veitch

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