Killer Instinct

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Harpenden: No Exit Press, 2013, Titel: 'The Dead', Originalsprache
  • München: Knaur, 2015, Seiten: 384, Übersetzt: Karl-Heinz Ebnet

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Michael Drewniok
Gangsterboss im Mahlwerk der (Un-) Gerechtigkeit

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2015

Eigentlich könnte David Blake zufrieden sein. Vom gewaltsam geendeten Schwiegervater hat er dessen gut organisierte Gangsterbande geerbt, die im nordenglischen Newcastle das Rotlichtmilieu dominiert, und daraus die "Gallowgate Leisure Group" geformt, eine scheinbar legale und sogar steuerlich geförderte Unternehmensgruppe, die das Geld aus dem Drogenhandel der Bande wäscht. Buchhalter Henry Baxter ist ein wirtschaftskriminelles Genie, das die Beute unter den Augen der Finanzbehörden auf den Cayman-Inseln verschwinden lässt, wo Legalität Nebensache ist. Polizei und Justiz werden gut geschmiert, für Unruhe sorgen hin und wieder die Aktivitäten der "Serious Organised Crime Agency" (SOCA), die dem organisierten Verbrechen ein Ende machen soll.

Der Waffenstillstand wird gebrochen, als Gemma, die Tochter eines hochrangigen Polizeibeamten, ermordet wird. Der untröstliche Vater macht Blake verantwortlich, denn gegen diesen hatte er intensiv ermittelt. Die wütende Polizei setzt die Bande unter Druck. Seine Unschuld kann Blake nur beweisen, indem er selbst den tatsächlichen Täter ermittelt und den Behörden ausliefert. Das muss rasch geschehen, denn Blakes stets misstrauischen Partner hassen jegliches Aufsehen, das schlecht fürs kapitalkriminelle Geschäft ist.

Zu allem Überfluss wird Buchhalter Baxter als Kinderschänder und Mörder verhaftet. Blake würde ihn liebend gern im Knast verrotten lassen, doch der schlaue Baxter hat sich abgesichert: An das Millionenvermögen auf den Caymans kommt man nur mit seiner Unterstützung heran. Der wütende Blake soll ihn aus dem Gefängnis holen und sagt stimmt in seiner Not zu, obwohl die erdrückenden Beweise einen Freispruch unmöglich erscheinen lassen. Da seine Gattin ihn mit bohrenden Fragen nach dem Verbleib ihres Vaters löchert, ist auch Blakes Privatleben in Aufruhr, denn er hatte Bobby Mahoney persönlich ins Jenseits befördert ...

Modernes Verbrechen ist harte Arbeit

Grundsätzlich wurden bzw. werden kriminelle Taten von denen begangen, die sich jenseits mühsamer Alltagsarbeit auf Kosten leichtgläubiger Zeitgenossen ein angenehmes Leben machen wollen. Es war stets ein kurzer Weg zur Erkenntnis, dass dieser Weg nur bedingt gangbarer und der Mensch auch als potenzielles Opfer schlau genug ist, mit Zeitgenossen zu rechnen, die ihn um die Früchte seiner Arbeit erleichtern wollen. Deshalb steht eine misstrauische Ordnungsmacht bereit, die allzu unternehmungslustigen Gaunern gern das Handwerk legt. Letztlich muss der Kriminelle feststellen, dass es jenseits der Legalität nicht wirklich einfacher ist, Karriere zu machen und unrechtmäßig erworbenes Gut dauerhaft zu behalten.

In der Tat stellt vor allem das organisierte Verbrechen ein Spiegelbild der legalen Unternehmenswelt dar. Wen wundert's, da hierarchische Prozesse und Probleme unabhängig von Recht & Gesetz existieren. Konkurrenzkämpfe, feindliche Übernahmen, finanzielle Engpässe, Mobbing: Worüber der normale Arbeitgeber stöhnt, ist auch der Mafia wohlbekannt. Der kapitale Unterschied zur "normalen" Arbeitswelt besteht darin, dass Vertragsbrüche innerhalb des kriminellen Kosmos' mit Körperstrafen quittiert werden. Auf Solidarität sollte auch ein Gangsterboss lieber nicht zählen. Er hält seine Position nur, solange er seine Untergebenen und Partner regelmäßig bezahlt oder schmiert. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass sich in diesem Milieu die wahre, verzögerungsfrei funktionierende Demokratie durchgesetzt hat.

David Blake ist jedenfalls kein glücklicher Anführer. Praktisch täglich stehen Entscheidungen an, die keine Fehler dulden. Blake unterscheidet sich kaum von einem "echten" Manager, doch sorgen die illegalen Zweige seines "Unternehmens" für zusätzlichen Stress. Folter und Mord stellen auch für Mitglieder der ‚Führungsetage' übliche Konsequenzen dar. Mit härtesten Bandagen wird um Absatzgebiete und Reviergrenzen gekämpft. Hinzu kommt der Ärger über die legale Konkurrenz, die im Bund mit Politikern und der Justiz völlig ungeschoren betrügt, was Autor Linskey für bissige Seitenhiebe auf moralarme aber (nicht nur im Welt-Fußball) längst gängige Machenschaften nutzt.

Dienstjubiläen sind selten

Kein Wunder also, dass David Blake genug hat vom nur oberflächlich glanzvollen Dasein eines Gangsterkönigs. Zu oft ist er in den vergangenen Jahren nicht nur dem Gesetz, sondern auch dem Sensenmann gerade noch von der Schippe gesprungen. Allmählich gehen Blake die Ideen aus, mit dem er jenem Schicksal, das u. a. seinen unglücklichen Vorgänger getroffen hat, weiterhin entgehen kann. Wieder einmal zeigt sich, dass es einfacher ist, den Gipfel zu erreichen, als ihn gegen jene zu verteidigen, die ihn ebenfalls stürmen wollen.

Gern würde Blake, der gerade Vater geworden ist, eine ruhigere Kugel schieben. Ausgerechnet er wird zum Opfer eine Globalisierung, die auch das organisierte Verbrechen erfasst hat. Obwohl Blakes Bande in Newcastle ihren "Firmensitz" hat, greifen Geschäftsbeziehungen weit über Englands Grenzen hinaus. Der Nahe Osten, der Balkan und diverse Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind Produzenten jener Drogen, auf die Blake für den Tageshandel angewiesen ist. Er wurde dadurch zum Partner von Kriminellen, für die exzessive Gewalt alltäglich ist. Nichtsdestotrotz muss Blake sich regelmäßig mit ihnen treffen und kann nur hoffen, nicht unwissentlich auf einen Schlips getreten zu sein. Von klassischer "Noir"-Romantik will Linskey definitiv nichts wissen!

Inzwischen ist es Blake müde, mit immer neuen Kugeln zu jonglieren. Doch für Kriminelle in seiner Position ist es unmöglich zu kündigen, "sich zur Ruhe setzen" in seinem Metier eine Umschreibung dafür, als Leiche im Fundament einer Brücke zu enden. Gesicherter Wohlstand ist für Blake kein Ersatz mehr für Seelenruhe, die ihm auch privat versagt bleibt, weil Gattin Sarah Fragen stellt, auf die Blake lieber keine Antworten geben möchte.

Mitgefühl mit einem Mörder

In der Beschreibung jenes Parallelmilieus, in dem Blake lebt und handelt, liegt die eigentliche Glanzleistung des Schriftstellers Howard Linskey. Er hat ein Händchen für die manchmal sarkastische Darstellung von Alltagsroutinen, die offensichtlich auch Verbrechern zu schaffen machen. David Blake ist nicht Tony Soprano, aber beide bewegen sich in ungemein ähnlichen Welten. Obwohl Blake erst recht kein Robin Hood ist, ertappt man sich manchmal dabei, ein wenig Mitleid für ihn zu empfinden.

Dies gilt erst recht, nachdem sich im dritten Teil der Blake-Trilogie wirklich alles gegen den "Helden" zu verschwören scheint. Fassungslos muss er erleben, wie die Stützpfeiler seines Lebens nacheinander einstürzen. Irgendwann ist der Leser überzeugt: Dieses Mal wird es Blake erwischen - ein Eindruck, den Linskey geschickt zu schüren weiß. Selbst ein smarter Gangsterboss, der ganz im 21. Jahrhundert angekommen ist, dürfte eigentlich überfordert sein, wenn ihn nicht nur vertierte Ostblock-Schlächter, sondern auch ein übergeschnappter russischer Oligarch, der sich mit dem Diktator Putin und seinen Geheimdienst-Schergen direkt anlegt und dafür ein Terroristen-Netzwerk aufbaut, in die Zange nehmen.

Aber Blake ist hart im Nehmen und listiger, als seine Gegner ihm zugestehen mögen. Wie er sich aus den Fallen befreit und dabei nicht selten jene gegeneinander ausspielt, die ihn fest an ihren Haken wähnten, ist ebenso spannend wie geschickt eingefädelt. Noch spannender wäre das freilich, würde Linskey nicht gar so systematisch dabei vorgehen: Er lässt Blake ein Problem nach dem anderen lösen, während diejenigen Kontrahenten, um die er sich gerade nicht kümmert, ihn freundlicherweise in Ruhe lassen. Auf diese Weise mildert sich der Eindruck eines Vielfrontenkampfes, den Blake im Wettlauf mit der Zeit ausfechten muss.

Alles geht einmal zu Ende

Zudem leidet die Glaubwürdigkeit des Geschehens - bisher ein Pfund, mit dem Linskey zu wuchern wusste - unter einem durchaus spektakulären aber nur bedingt glaubwürdigen Finale, das recht abrupt einsetzt und für das Blake England verlässt. Dort spielte die Handlung bisher, und dort hätte Linskey sie auflösen sollen. Wie ihm das gelingen sollte, wusste er offensichtlich nicht. Er trat deshalb buchstäblich die Flucht nach vorn an und gab dabei sicheren Boden preis.

Dabei blieb er immerhin seinem Sarkasmus treu. Vielleicht ist es sowieso unmöglich, die russische Realität der Gegenwart überzeugend zu schildern; geradezu märchen- bzw. alptraumhaft greifen dort Politik, Wirtschaft und Verbrechen ineinander. In diesem Chaos kann ein kühler Kopf wie Blake wohl tatsächlich die Chance finden, seinem Gangster-Dasein zu entwischen. Deshalb sei Linskey ein Happy-End verziehen, das den Ausstieg ein wenig zu idyllisch verklärt. Vielleicht kehrt der Autor irgendwann zu Blake zurück, den sicherlich bald neue Probleme plagen dürften.

Zunächst wendet Linskey dem Gangster-Thriller jedoch den Rücken zu und widmet sich in einer neuen Trilogie dem klassischen englischen Krimi - ein Weg, auf dem ihm seine Leser bereitwillig und neugierig folgen dürften.

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