Es bleibt in der Familie

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Kopenhagen: Politikens Forlagshus, 2010, Titel: 'Den skaldede detectiv', Originalsprache
  • Zürich: Atrium, 2015, Seiten: 480, Übersetzt: Ulrich Sonnenberg

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Jörg Kijanski
Ansprechender Plot mit (zu) viel Zeit für die Charaktere

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2015

Die Familie des erfolgreichen Politikers Thomas Harskov hatte es in der Vergangenheit nicht leicht. Ihre beiden Kinder Rolf und Gry starben unter denkwürdigen Umständen, doch in beiden Fällen sprach alles für einen Selbstmord. Auffällig war allerdings, dass beide jeweils exakt 27 Tage nach ihrem 16. Geburtstag starben. Kann es einen derartigen Zufall geben? Die Eltern glauben dies nicht, sondern gehen davon aus, dass ihre Kinder ermordet wurden und bitten den Privatdetektiv Dan Sommerdahl dies zu überprüfen.

 

"Meine einzige Bedingung ist, dass du bis zum 4. Juli fertig sein musst. Du hast zweieinhalb Monate Zeit."
"Bis zum 4. Juli? Was passiert an diesem Tag?"
"Wir befürchten, man wird an diesem unser drittes Kind ermorden."

 

Dan Sommerdahl übernimmt die Ermittlungen und schon bald kommen ihm die beiden vermeintlichen Selbstmorde komisch vor. Doch außer einigen Mutmaßungen und Arbeitshypothesen kann er zunächst nichts vorweisen. Gleichzeitig ist er aufgrund seiner privaten Lebensverhältnisse abgelenkt, denn nach der Trennung von seiner Frau Marianne hat er seit einigen Monaten ein nicht einfaches Verhältnis mit der jungen Schauspielerin Kirstine Nyland, die ständig von einem geistig etwas zurückgebliebenen, aber letztlich harmlosen Stalker verfolgt wird. Nachdem Sommerdahl zahlreiche Personen aus dem Umfeld der Familie Harskov befragt hat und weiter auf der Stelle tritt geschieht plötzlich ein Mord, so dass sich auch sein alter Freund, Polizeikommissar Flemming Torp, in die Ermittlungen einschaltet...

Der "Detektiv mit der Glatze" in seinem vierten Fall

In Dänemark ist Anna Grue sehr erfolgreich, bei uns wird sie erst langsam durch ein größeres Publikum entdeckt. Ihr Protagonist, der kahlköpfige Dan Sommerdahl, verdient sich sein Einkommen mit einer Werbeagentur und wenn er freie Zeit hat spielt er gerne Detektiv. Durch seine Glatze, seine bisherigen Ermittlungserfolge und durch seine Beziehung zu der attraktiven und berühmten Schauspielerin Kirstine Nyland, hat es auch Dan zu einer gewissen Bekanntheit gebracht; nicht nur in Christianssund, wo die Fälle überwiegend spielen. Dabei sind seine Ermittlungsmethoden recht gewöhnungsbedürftig, denn wie man gerade im vorliegenden Fall derart schnell von zwei Mordfällen ausgehen kann, bleibt für die Leser erst einmal unverständlich.

 

"So könnte es durchaus gewesen sein, dachte Dan – und schon einen Augenblick später ging ihm durch den Kopf, dass es sich unmöglich so zugetragen haben konnte. [...] In Dans Kopf überschlugen sich die Hypothesen. Jedes Mal, wenn er meinte, eine interessante Spur gefunden zu haben, löste sie sich ebenso schnell wieder auf, wie er sie gefunden zu haben glaubte."

 

Besonders beachtenswert ist an dem vorstehenden Zitat, dass dieses erst auf den Seiten 372 und 373 (!) zu finden ist, also rund hundert Seiten vor Ende der Geschichte. Bis dahin irrt der Protagonist durch die Handlung, stellt Vermutungen hier und dort an, befragt alle möglichen Verdächtigen, die meisten mehrfach, und erreicht letztlich eine Verhaftung. Doch schnell merkt Dan, dass es den Falschen erwischt haben muss und prompt versucht er sich selbst zu widerlegen. Dies kostet wertvolle Zeit und zieht zudem die Handlung in die Länge, was nicht weiter tragisch ist, denn die eine oder andere Blindspur trägt ja durchaus zur Spannung bei. Allerdings hat der Roman auch ohnedies schon etliche Längen, da sich die Autorin sehr intensiv mit dem Privatleben ihrer Haupt- und einiger Nebenfiguren beschäftigt, was zumindest in dieser Detailtiefe nicht zwingend notwendig erscheint. Hundert Seiten weniger hätten für eine straffere Erzählweise und dadurch für ein höheres Lesetempo gesorgt, aber dies ist natürlich Geschmacksache. So kann man sich alternativ seitenlang mit dem Privatleben des Protagonisten beschäftigen oder den Aktivitäten von Kirstines Stalkers folgen.

Insgesamt ist Es bleibt in der Familie dennoch ein gelungener Roman, der allerdings eher das weibliche Publikum ansprechen dürfte (viel Gefühl, keinerlei Action). Dans "Arbeitsmethoden" führen zu zahlreichen Wendungen mit einer interessanten Auflösung. Denn am Ende gilt es nur die eine Frage zu klären, warum die beiden Kinder genau 27 Tage nach ihrem 16. Geburtstag sterben mussten?

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