Die Saat des Bösen

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • Venedig: Marsilio, 2012, Titel: 'Alle radici del male', Originalsprache
  • München: C. Bertelsmann, 2014, Seiten: 640, Übersetzt: Anja Nattefort

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Jörg Kijanski
Düster, beklemmend, mit gewaltiger Sogkraft.

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Nov 2014

Im ersten Commissario-Balisteri-Thriller Du bist das Böse lernten wir einen der denkwürdigsten Protagonisten des Genres kennen, der 1982 als junger Commissario die Ermittlungen seines ersten Falles, die Ermordung der jungen Elisa Sordi, ordentlich in den Sand setzte (erst rund zwanzig Jahre später sollte er den Mord aufklären). Michele Balistreri war ein menschliches Frack, nur Whisky, Poker und allen willigen Frauen zugeneigt. Sein Beruf und sein Heimatland Italien waren ihm verhasst; als früherer Faschist, der nur mit Hilfe seines einflussreichen Bruders Alberto in den Polizeidienst aufgenommen wurde, kann er mit der "italienischen Demokratie" nichts anfangen.

Die Saat des Bösen, der zweite Teil der als Trilogie angelegten Reihe, beginnt im Mai 1962 und stellt uns zunächst sehr ausführlich den jungen Michele vor, der im wohlbehüteten Elternhaus in Sidi el-Masri nahe Tripolis aufwächst. In seinen Kinder- und Jugendjahren hat Michele nur drei Freunde. Die Nachbarssöhne Ahmed und Karim al-Bakri, deren Vater Mohammed ein enger Vertrauter und Mitarbeiter von Micheles Vater Salvatore ist, dem einflussreichsten Italiener in Tripolis. Dann gibt es noch den schüchternen Nico Gerace, dessen Mutter mit Salvatore entfernt verwandt ist. Die vier Jungen sind unzertrennlich und nach einigen Abenteuern, die teilweise auch mit roher Gewalt verbunden sind, besiegeln sie ihre Freundschaft mit einem Blutschwur. Die Freundschaft erhält jedoch einen ersten Riss als Nadia, die Schwester von Ahmed und Karim, im August 1969 brutal ermordet wird. Ein alter, halbblinder Schafhirte wird verhaftet und am nächsten Tag tot in seiner Zelle aufgefunden. Während sich Mohammed und Salvatore mit der offiziellen Lösung zufrieden geben, ist Michele geradezu besessen, den wahren Mörder zu finden. Mehr und mehr kommt es zum Bruch mit seinem Vater, der zudem noch ganz eigene Interessen verfolgt. Gemeinsam mit ein paar zwielichtigen Partnern bereitet er den Sturz des lybischen Königs vor. Dahinter stehen brutale wirtschaftliche Interessen, die der gutgläubige italienische Außenminister unterstützt.

 

In Rom erhielt Außenminister Aldo Moro von seinem Sekretär eine kurze Mitteilung. Zufrieden las er die Übersetzung der Rede des unbekannten jungen Mannes, der das neue Libyen anführte. Und mit noch größerem Interesse las er eine Notiz des Sid, des Nachrichtendienstes.
"Er heißt Muammar al-Gaddafi. Absolut gemäßigt, keine anti-italienische Gesinnung. Kein fanatischer Muslim."

 

Doch der Staatsstreich verändert nicht nur Libyen, sondern auch Micheles Leben grundlegend, denn am Tag von Gaddafis Machtübernahme stürzt Micheles Mutter von einem Felsen ins Meer. An einen Unfall glaubt ihr Sohn keine Sekunde, doch die Zahl der Verdächtigen ist lang.

Die Saat des Bösen ist ein furioser zweiter Teil der Trilogie.

Roberto Costantini beschreibt sehr eindringlich die Lebensverhältnisse in Libyen, in denen die Italiener zunächst über Jahrzehnte das Sagen haben. Sie haben das Land aufgebaut und zivilisiert, sagen Micheles Großvater und Mutter. Sie haben das Land überfallen und unterworfen, sind reine Faschisten, sagt Micheles Vater. Michele glaubt jedoch seiner Mutter und wird selbst zum Faschisten. Dies war aus dem ersten Teil der Reihe bekannt, aber hier erfahren wir nun die Hintergründe. Zunächst muss man sich aber bedenklich lange durch die Jugendjahre von Michele arbeiten, bevor dann nach knapp 150 Seiten die junge Nadia ermordet aufgefunden wird; ein Mord, der bereits vor (!) dem Prolog angedeutet wird. Ebenso langwierig wie die Jugendjahre Micheles werden auch die sich verändernden politischen Machtverhältnisse in Libyen beschrieben, wobei langwierig nicht langweilig bedeuten muss, denn Costantinis Schreibstil hat durchaus eine gewisse Sogkraft. Gleichwohl hätten für die "Jugendzeit" Micheles hundert Seiten weniger auch gereicht und das Tempo spürbar erhöht.

 

Italien wollte einfach nicht zur Kenntnis nehmen, was meine Mutter Italia immer gesagt hatte: Die Gauner, die mit gezogener Waffe klauen und töten, sind nur die minderbegabten Söhne der großen Verbrecher, die mit dem Hirn klauen und töten.

 

Der Protagonist ist ein "Arschloch", der Thriller überzeugt trotzdem.

Nach 360 Seiten wechselt das Szenario in die Gegenwart, sprich ins Jahr 1982, womit wir wieder bei Elisa Sordi sind. Für die misslungene Ermittlung übernimmt Micheles schwer kranker Vorgesetzter Teodori die Verantwortung, bittet Michele aber als Gegenleistung, auf seine Tochter Claudia aufzupassen, was bei der widerspenstigen Achtzehnjährigen nicht einfach erscheint. Doch der frustrierte Michele hat andere Sorgen, denn eine junge argentinische Studentin wird in seinem Revier ermordet. Statt zu ermitteln, amüsiert sich Michele aber lieber mit zahlreichen Frauen und erst als etliche Wochen später eine Verbindung zwischen zwei Todesfällen der Gegenwart und dem Mord an Nadia al-Bakri erkennbar wird, nimmt Michele seine eigentliche Arbeit endlich ernst. Dabei trifft er viele "alte Bekannte" und natürlich bleibt ein Wiedersehen mit seinem ebenso verhassten wie einflussreichen Vater nicht aus.

 

"Dann ist ja alles erledigt, Commissario. Gratuliere."
Als ich meinen Verdacht äußerte, dass der Selbstmord inszeniert sein könnte, gratulierte er mir erneut, um mir zu verstehen zu geben, dass ich Gespenster sah.

 

Die Saat des Bösen ist ein dunkler, gewalttätiger Ausflug in ein wenig schön erscheinendes Italien mit einem unsympathischen Helden, der nur gelegentlich durch seine Starrköpfigkeit gegenüber Autoritäten zu punkten vermag. Ein ehemaliger Faschist der Frauen verachtet und der, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, ein "Arschloch" ist. Wen einige Längen im Erzählstrang nicht stören, die "Italienisch-lybische Geschichte" kennen lernen möchte, der sollte diesem gewöhnungsbedürftigen Commissario eine Chance geben. Zahlreiche Scharaden und etliche kluge Finten des Autors lassen diese düstere Geschichte zu einem besonderen Thrillererlebnis werden. Den Vorgänger Du bist das Böse sollte man jedoch kennen!

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