Regengötter

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2009, Titel: 'Rain Gods', Originalsprache
  • München: Heyne, 2014, Seiten: 672, Übersetzt: Daniel Müller

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Jürgen Priester
Don't shoot the Sheriff

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2014

Lange, lange haben wir gewartet und gehofft. Gut zwölf Jahre waren seit der letzten Übersetzung eines James-Lee-Burke-Romans vergangen. Zwischenzeitliche Anfragen beim Autor wurden nur vage beantwortet. Dann, im vergangenen Sommer wurde bekannt und bestätigt, dass Ende Oktober ein neuer (älterer) James Lee Burke in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Regengötter, das Burke 2008 (Rain Gods, 2009) schrieb, ist die Wiederbelebung seiner ersten Serienfigur Hackberry Holland (Lay down my sword and shield, 1971). Regengötter erscheint in der Hardcore-Reihe des Heyne-Verlags. An dieser Stelle sei ein großes Dankeschön gerichtet an den ehemaligen Krimi-Couch-Rezensenten Stefan Heidsiek, dessen unermüdliches Engagement maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Burkes Romane wieder übersetzt werden.

Dave Robicheaux und Co.

James Lee Burke, 1936 in Houston, Texas geboren, zählt seit Jahrzehnten zu den besten Krimi-Autoren Amerikas. Am erfolgreichsten in den USA (1987- heute) und am bekanntesten bei uns in Deutschland dürfte seine Dave-Robicheaux-Reihe sein. Leider endete die Übertragung dieser Romane ins Deutsche, kurz bevor in Mitteleuropa der große Krimi-Boom begann. So sind Burkes Name und sein Werk nur wenigen bekannt, zumal die deutschen Ausgaben größtenteils vergriffen und nur schwer (teuer) aufzutreiben sind. Es wundert also nicht, dass sich im Vorspann des Leseexemplars von Regengötter die Creme der deutschen (und internationalen) Krimi-Szene ein Stelldichein gibt, um dem Meister gebührend zu huldigen. Den durchweg lobenden Statements ist nichts hinzuzufügen. Zu bemerken wäre, dass sich dieses Meinungsbild auf Burkes Schaffen allgemein und nicht speziell auf den vorliegenden Roman bezieht.

Wie zu erwarten war, schaffte Regengötter gleich den Einstieg auf Platz 3 der KrimiZeit-Bestenliste im November. Rezensionen von Stefan Heidsiek und Thomas Wörtche sind des Lobes voll. Ohne Frage ist Regengötter ein großer Roman über die amerikanische Gegenwart abseits der Metropolen mit pittoresken Landschaften und skurrilen Charakteren. Dem reinen Krimileser wird es ein bisschen an Spannung mangeln.

Wenn man wie der Rezensent in den 1960/70er Jahren aufgewachsen ist, konnte man durch die unzähligen Western und Western-Serien, die im Kino und Fernsehen liefen, den Eindruck bekommen, dass das Amt eines Sheriffs eine ureigene amerikanische Erfindung sei. Doch die ersten Sheriffs gab es in England im 17. Jahrhundert, wo auch der Name (Mittelenglisch: shire-reeve) gebildet wurde. Sheriffs waren damals nicht nur Gesetzeshüter, sondern auch Verwaltungsbeamte und Steuereintreiber. In den USA der Gegenwart ist der Sheriff der Leiter der Polizeidienststelle eines der über 3000 Countys. Er wird turnusgemäß von der Bevölkerung gewählt, es gibt kein Pensionsalter.

Ein 70-jähriger Sheriff

So gesehen verwundert es nicht weiter, dass der Held des Romans Sheriff Hackberry Holland etwa Mitte/Ende Siebzig ist, aber wacker seinen Mann steht. Er blickt auf ein bewegtes Leben mit vielen Höhen und Tiefen zurück. Schon mit Anfang Zwanzig gerät er im Koreakrieg in Gefangenschaft und wird nachhaltig traumatisiert. Eine Flucht in Alkohol und Sex bringt kein Vergessen. Er wird Rechtsanwalt, versucht sich als Politiker und zu guter Letzt hofft er, als Sheriff im südwestlichen Texas eine ruhige Kugel schieben zu können. Das texanische Grenzgebiet zu Mexiko ist zwar nur dünn besiedelt, aber alles andere als eine friedliche Gegend. Drogenhandel und illegale Grenzübertritte gehören hier zum Tagesgeschäft. Doch diese Delikte fallen meist nicht in die Zuständigkeit eines Sheriffs. Darum kümmern sich die Agenten von DEA, ICE oder FBI. So auch, als hinter der Kirche eines öden Kaffs nahe der Grenze neun Leichen gefunden werden.

"Am Ende eines brennend heißen Julitages" betritt ein junger Mann, offensichtlich alkoholisiert, eine Telefonzelle in Chapala Crossing und meldet der Notrufzentrale, er habe Schüsse an der alten Kirche gehört. Auf nähere Angaben lässt der Mann sich nicht ein. Vierundzwanzig Stunden später, kurz nach Einsetzen der Dämmerung, untersucht Sheriff Hackberry Holland das Gelände. Er stößt auf ein Massengrab, notdürftig mit einer Planierraupe zugeschüttet. Die Leiber der neun blutjungen Thailänderinnen, illegal eingewandert, wie man später herausfindet, sind durch Garben einer Schnellfeuerwaffe völlig zerfetzt. In ihren Gedärmen findet man eine beachtliche Anzahl von Plastiksäckchen, mit Heroin befüllt. Das Massengrab berührt den alten Haudegen zutiefst, erinnert es ihn doch an Kriegszeiten. Er macht den Fall zu seiner persönlichen Angelegenheit, zumal der junge Anrufer, dessen Identität schnell aufgedeckt wird, ein psychisch und physisch gezeichneter Exsoldat des letzten Irak-Krieges ist – ein Leidensgenosse, vermutet Hack.

Jeder gegen jeden

Pete Flores, so heißt der Mann, ist mit seiner Freundin auf der Flucht, nicht nur vor den Ermittlern, sondern auch vor den Hintermännern des Massakers, die ihn als Mitwisser beseitigen wollen. Hinter den Kulissen hat ein Hauen und Stechen begonnen. Da kämpft offenbar jeder gegen jeden. Mitten unter ihnen, quasi als Schlüsselfigur, befindet sich der Auftragskiller Jack Collins, auch "Preacher" genannt, weil er immer einen Bibelspruch auf den Lippen hat. "Ein religiöser Spinner", sagen die einen, "eine gnadenlose Mordmaschine" die anderen, doch dieser Mann zeigt noch weitere Facetten. Auf jeden Fall ist er dem wackeren Sheriff ein gefährlicher Gegenspieler.

Jack Collins, der Preacher – unberechenbar, labil, gestört, tödlich. Ist er das personifizierte Böse, dem Hackberry Holland schon in Korea ins Auge schaute, oder ist er das Produkt seiner Lebensumstände?

 

"Er stand für Zerstörung und Tod durch irrationale Kräfte, für Hass und Leiden,
die ohne Grund, Motivation oder Sinn auf hilflose Menschen niedergingen.
Die Täter waren immer dieselben: Menschen, die von Geburt an das Zeichen
des Bösen trugen und die Welt mit ihrem Selbsthass überziehen wollten."

 

Dieses Zitat bezieht sich zwar auf ein anderes Ereignis in der Geschichte, passt aber gut zu den Geschehnissen um Jack Collins. Wenn man die Welt betrachtet mit all ihren Konflikten und Kriegen, möchte man dem zustimmen und an das Ur-Böse glauben. Es kostet Zeit, zu durchschauen, dass der Wahnsinn dieser Welt Methode hat, dass eine Strategie dahinter steckt. Es ist nicht Hass oder Selbsthass, sondern Hybris, die die Welt an den Abgrund drängt. Also vielleicht doch das Böse?

Landschaftsmaler, Dramaturg und Menschenkenner

Wer James Lee Burke noch nicht kennt, dem kann Regengötter als guter Einstieg in sein Werk dienen. Es ist ein in sich abgeschlossener Roman, der alles präsentiert, was den Autor auszeichnet - den grandiosen Landschaftsmaler, den versierten Dramaturgen, den erfahrenen Menschenkenner, den unbequemen Kritiker. Regengötter richtet sich in erster Linie an ein amerikanisches Publikum. Burke hält seinen Landsleuten den Spiegel vor, zeigt, wie sehr der "American Way of Life" das Land menschlich ins Negative verkehrte seit der Zeit, als die Bevölkerung noch an Regengötter glaubte.

Dem Rezensenten hat es ein wenig an Spannung gefehlt. Burke begeht einige "taktische Fouls", wie man im Sport sagen würde, die den Konfrontationen die Schärfe nehmen und zu überraschenden Wendungen führen, aber gleichzeitig schleicht sich dadurch ein parodistischer Unterton ein, der nicht jedermanns Sache sein dürfte. Aber das sind nur Marginalien, die den überragenden Gesamteindruck kaum schmälern.

Regengötter

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Letzte Kommentare:
27.04.2018 22:46:29
M.Reinsch

Fazit: Ein Moderner Western (eher Krimi als Thriller) Mit Clint Eastwood oder Tommy Lee Jones in der Hauptrolle als Film sehr gut vorstellbar. Hard Boiled in Wort und Tat…
Als Sheriff Hackberry Holland die Leichen von 9 asiatischen Frauen entdeckt, beginnt eine Jagd nach einem psychopathischen Killer, an die sich nicht nur das FBI und andere Geheimdienste anschließen…
Nach seinen erfolgreichen Romanen um Sheriff Robincheau und den Strafverteidiger Holland, tritt nun der Cousin des Letzteren auf die Bühne. Sein Protagonist lässt für mich alle bekannten Ermittler in den Schatten treten: Ein fast 80 jähriger, knochiger, aber noch agiler, Koreakrieg-Veteran, der sich der Wahrheit verschrieben, ein Verhältnis mit seinem Chef-Deputy und eine furchterregende Nemesis hat. Jede Figur, und vor allem Jack Collins, sind sehr detailliert angelegt und man erfährt einiges über die Gründe ihres Verhaltens. So gibt es eigentlich kein Schwarz/Weiß sondern nur viele Grauschattierungen. Gerade die sehr expliziten Personenbeschreibungen und Handlungsabläufe, hauchen dem Roman viel Leben ein. Dazu kommen unglaublich einfühlsame Landschaftsbeschreibungen, die dem Leser das Gefühl geben, selbst Vorort zu sein. Sicher ist das manchmal etwas langatmig, aber der wunderbare Schreibstil lässt einen gerne darüber hin weg sehen. Sehr auffällig ist auch das starke Glaubensbekenntnis, das fast alle wichtigen Figuren mit sich herum tragen (wobei es jeder Protagonist auf andere Weise interpretiert und auslebt). Die Sprache ist meist rau und manchmal obszön, passt aber fast immer zum Geschehen und ist somit tolerabel. Der ganze Roman liest sich wie ein in die Moderne umgesetzter Western (inklusive „Shoot out“), um den einsamen Gesetzeshüter, der sich einen Teil des Gesetzes so hinbiegt, wie er es für richtig hält.
Fazit: Ein Moderner Western (eher Krimi als Thriller) Mit Clint Eastwood oder Tommy Lee Jones in der Hauptrolle als Film sehr gut vorstellbar. Hard Boiled in Wort und Tat

15.06.2015 15:33:54
Krimi-Mietze

"Regengötter" von James Lee Burke

Ja, ich habe mir dieses Buch hier auf der "Krimi-Couch" empfehlen lassen und ich bin sehr froh darüber!

Dieses Buch hatte alles, was es braucht, um mich zu begeistern: Spannung, bildgewaltige Sprache, Ironie, psychologisch ausgefeilte Charaktere mit Stärken und Schwächen, überraschende Wendungen - kurzum: ich war begeistert.

Danke allen, die sich dafür eingesetzt haben, daß dieser großartige Autor wieder auf dem deutschen Buchmarkt zu haben ist.
Ich freue mich sehr auf die nächsten Bücher und empfehle James Lee Burke weiter.

22.04.2015 14:11:14
Alexi1000

Burke ist an mir (sträflicherweise) jahrelang vorbei gegangen.

Nachdem Regengötter jetzt im Heyne Harcore erschienen ist, und vorher schon viel Wirbel hier auf der Couch drum gemacht wurde, hab ich voller Neugier zugeschlagen und wurde nicht enttäuscht.

Ein sehr zugängliche Schreibweise, tolle Charaktere, vor allem das sehr bildliche Beschreiben der Landschaften ist mir sehr positiv bei Burke aufgefallen, so kann das "Kopfkino" richtig schön arbeiten.

Die Geschichte wird spannend erzählt, und kein Satz wirkt "zuviel"...

...ich freue mich sehr auf weitere Veröffentlichungen:

90°

11.03.2015 09:16:29
Torsten

Mir scheint, dass diese Rezension ähnlich wie die erwähnten Aussagen der Autorenkollegen im Vorspann des Leseexemplars ist:
"Zu bemerken wäre, dass sich dieses Meinungsbild auf Burkes Schaffen allgemein und nicht speziell auf den vorliegenden Roman bezieht. "
Für dieses Roman jedenfalls kann ich mich der hohen Wertung von 86Grad nicht annähernd anschliessen - ganz im Gegenteil, ich bin mehr als enttäuscht.
Denn da hat der Rezensent recht: "Dem reinen Krimileser wird es ein bisschen an Spannung mangeln."
Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern ganz eklatant.
Es ist zwar unbestritten, dass Burke sehr wort- und bildgewaltige Landschaftsbeschreibungen kann, aber in der unendlichen Abfolge wie sie in diesem Buch aneinandergereiht werden, beginnt das doch recht schnell zu langweilen. Zum xten Mal zu lesen in welchen Farben Staubwolken und Sonnenaufgänge vor Horizonten und Bergen erschienen ist schlicht ermüdend - von den 572 Seiten des Buches werden damit gefühlte 500 alleine gefüllt.
Über diese Beschreibungen ist der Plot doch arg ins Hintertreffen geraten - und dann noch äusserst verwirrend und verschlungen, nahezu vollständig den ebenso verwirrenden und verschlungenen Handlungen und Beweggründen Preachers untergeordnet.
Fast scheint mir, als ob Burke selbst den Überblick verloren hat, oder aber die tatsächlichen konkreten Abläufe für gar nicht so wichtig erachtet hat. Zum Beispiel ist anfangs im Zusammenhang mit der Hinrichtung der Frauen auch von einem "Kojoten" (also wohl einem von Rooneys Schleppern) die Rede, welcher umgebracht und auf Regierungsland verscharrt wurde - niemals wieder ist davon die Rede.
Manchmal geht auch die bildhafte Beschreibung alles Möglichen mit ihm durch - wenn er z.B. Augen als "wie Obsidian funkelnd" beschreibt, die genau einen Satz vorher noch geschlossen sind.
Ein spannender Thriller oder Krimi ist das also wahrlich nicht.
Auch wenn die Beschreibungen von Landschaft, Lebenssituation und Individuen in diesem Fleck der USA sicher grundsätzlich reizvoll und auch gut dargestellt sind, so ist auch das insgesamt viel zu sehr in die Länge gezogen.

14.02.2015 12:53:01
Gernot

Das Buch ist schon schlecht verarbeitet .
Alle Bücher die ich gesehen habe , haben eine leichte Rundung im Buchrücken und eine leichte Leserille .
Der Inhalt hat mir auch nicht so zugesagt und kommt bei weitem nicht an seine früheren Bücher ran .
Der Protagonist bleibt blass und die Handlung langweilig , außerdem ist nicht alles wie schon hier in der Rezi angedeutet voll nachvollziehbar .
Daher mein Fazit : Man sollte besser seine früheren Bücher lesen .

10.02.2015 21:48:03
Dieter Deginus

Vieles kann ich unterstreichen was ich in den vorherigen Rezensionen gelesen habe, nur ein einziges Wort vermisse ich, Spannung und das ist das was man von einem Thriller erwarten darf. Für mich ist das Buch ein guter Roman. Auch für dieses Buch gilt, eine gute Story sollte ein Autor auf gut 400 Seiten erzählt haben.

04.01.2015 12:58:31
Heino Bosselmann

Famoser Steppenkrimi!

Mindestens von Cormac McCarthy und Don Wilson wissen wir, dass die staubige Tristesse des texanisch-mexikanischen Grenzgebiets offenbar so etwas wie die Region einer Anthropologie des Bösen ist. Gewissermaßen erscheint jeder Reiter dort als apokalyptischer. Seit den brutalen Indianerkriegen mit resp. Gegen die Comanchen trat das Unheimliche, Perverse, Brutale mindestens literarisch nicht mehr ab.

Und auch James Lee Burke spielt hier das Lied vom Tod sehr schön in Moll. Bei diesem Band – eindrucksvoll voluminös, gleichwohl auf keiner Seite langweilig oder gar unliterarisch – geht es, ebenso wie in anderen Werken dieser Art „Milieu-Literatur“, viel weniger um die gedankliche Anspannung des Detektivischen, denn eigentlich ist alles aufgeklärt, sondern vielmehr um die reine Fahndung innerhalb einer eindrucksvollen Stagnation des düster Tragischen.

Ein gealterter Sheriff, selbst vom Korea-Krieg traumatisiert, geläuterter Sünder, trockener Alkoholiker, klärt einen Massenmord an asiatischen Prostituierten weniger auf, als dass ihm alles damit Zusammenhängende, nun ja, existentiell widerfährt, ebenso wie ihm in Gestalt des „Preachers“ ein psychopathologischer Gegenspieler ersteht, einer dieser religiös erweckten Durchgedrehten, die sich für Gottes Werkzeug halten und die dortzulande in ihrem Wahn offenbar nicht selten sind. - Die übrige Personage besteht aus filmreif gezeichneten Ganoven und Mafiose, allesamt sehr beschädigte Hackfressen, die alles wagen, weil sie nichts zu verlieren haben. Herausragend allerdings die Gestalt eines jüdischen Betreibers von Nacktbar und Escort-Service, der rasant über sich und seine anfängliche Degeneriertheit herauswächst und durchaus zum Helden wird.

Zu den guten zählt ein ungleiches Paar: Er, Pete Flores, beschädigt wie alle anderen Kerle des Romans, Irak-Veteran, selbstverständlich traumatisiert und suchtkrank, sie, seine schicke und fitte Freundin Vikki, zwar ebenfalls mittellos, aber jung, gesund und vor allem ein Talent der Country-Musik. Beide, völlig zum Scheitern verurteilt scheinend, haben kraft ihrer eigenwilligen, nahezu unverständlichen Liebe schließlich Glück.

Und der Sheriff, dieser gebrochene Held und Don Quichote der Trockensteppe? Er wird für seine biographische Nachreifung endlich belohnt. Wiederum mit der Liebe, die ja wohl von jeher die große Kontrahentin des Bösen sein soll, wie man immer wieder so hört.

Vom Cover her sieht der Band nach der Kiloware des Trivialen aus, aber es handelt sich um großartige Literatur, stärker als Don Wilson, knapp unterm Level des großen Cormac McCarthy.

23.12.2014 19:55:06
mumu

Ich bin zufällig über Regengötter gestolpert, als ich DR Kultur gehört bzw. angesehen habe. Die rezession hat mich neugierig gemacht. Als ich dann die möglichkeit hatte, die leseprobe des verlages zu lesen, war ich vom ersten Moment begeistert. Was ich sehr faszinierend finde, ist die mischung aus charakterstudie, verkappter liebesgeschichte, rückschau auf die vergangenheit der personen, landschaftsberschreibungen, die brutalität der handelnden personen und den vielen erstaunlichen wendungen der Geschichte. Ich hatte vor diesem buch noch nie von dem autor gehört oder etwas gelesen. Inzwischen lese ich Feast days of fools und bin wieder begeistert. Diese bücher sind echte pageturner.

28.10.2014 10:38:44
Annette Traks

Sheriff Hackberry Holland ist 70 Jahre alt und hat ein schweres Schicksal hinter sich:
In nordkoreanischer Kriegsgefangenschaft wurde er einst schwer gefoltert; nach der Entlassung folgte der private „Absturz“ mit Alkohol-Exzessen und Bordellbesuchen. Seine Frau ließ sich scheiden, Hackberry verachtete sich selbst, litt lange unter Depressionen, schwor schließlich dem alten Leben ab, engagierte sich politisch und heiratete wieder. Nach dem Tod seiner 2. Frau zog er in eine texanische Kleinstadt nahe der mexikanischen Grenze, wo er seitdem die örtliche Polizeidienststelle leitet.

Eines Tages geht dort der anonyme Anruf eines Mannes ein, der behauptet, in der vergangenen Nacht hinter einer verlassenen Kirche Schüsse gehört zu haben.
Hackberry geht dem Hinweis nach und findet an der genannten Stelle die Leichen von neun Asiatinnen – sie wurden mit einem Maschinengewehr hingerichtet, verscharrt und notdürftig mit einem Bulldozer plattgewalzt.
Es stellt sich heraus, dass es sich um illegale Einwanderinnen handelt, die in ihren Körpern Drogen geschmuggelt hatten und außerdem in Texas als Prostituierte arbeiten sollten.
Isaac Clawson von der Einwanderungs- und Zollfahndungsbehörde wird informiert, verhält sich jedoch extrem unkooperativ und unleidlich – er verkraftet den Mord an seiner Tochter nicht und befindet sich auf einem persönlichen Rachefeldzug.

Es gelingt dem Sheriff-Büro, den anonymen Anrufer und Tatzeugen – möglicherweise sogar Beteiligten - als Pete Flores zu identifizieren. Doch der ist mit seiner Freundin Vikki inzwischen auf der Flucht vor den Tätern untergetaucht.
Zu ihnen gehört u.a. Jack Collins, genannt „Preacher“: ein unberechenbarer Psychopath, der von einigen auch „die linke Hand Gottes“ genannt wird.
Auf der Suche nach Pete Flores und den vor nichts zurückschreckenden Drahtziehern des Verbrechens geraten der hartgesottene Hackberry Holland und sein Deputy Sheriff Pam Tibbs selbst in tödliche Gefahr. Aber auch bei den nach Mafia-Manier operierenden Tätern scheint die Devise „jeder gegen jeden“ zu gelten, um die eigene Haut zu retten.

Resümee:
Ein temporeicher, vielschichtiger Thriller der besonderen Art!
Schon in den ersten Kapiteln fällt die sorgfältige, sehr individuelle Ausarbeitung der unterschiedlichen Charaktere auf:
Egal, ob es sich um solche handelt, die ihre Prinzipien haben, die sie konsequent vertreten und dafür auch bereit sind, negative Konsequenzen – gegebenenfalls sogar den Tod - in Kauf zu nehmen oder um solche, die reine Befehlsempfänger und Mitläufer sind ... stets werden nicht nur ihre Gedanken und die Beweggründe ihrer Taten präzise beschrieben, sondern auch deren Ausführung. Dabei treten emotionale Konflikte und moralische Widersprüchlichkeiten deutlich zutage – ganz besonders in der facettenreichen Person „Preachers“.

Bei aller Hochspannung und allem Tempo ist es sehr wohltuend, dass es auch ruhige Passagen gibt, denn von Anfang an nimmt die Natur einen breiten Raum ein: Die sehr eindrucksvoll beschriebenen – manchmal fast schon „gemalten“ - Schauplätze entstehen sehr plastisch vor dem geistigen Auge des Lesers.

Beides – die lebendigen Charaktere und die so anschaulich gezeichnete Kulisse - lässt eine äußerst realistische Szenerie entstehen.

Das Besondere dieses Thrillers besteht für mich außerdem darin, dass man viel über die spezielle Situation des texanisch-mexikanischen Grenzgebietes erfährt.

Warum lautet der Titel des Buches „Regengötter“?
Die Antwort gibt Danny Boy Lorca, nachdem er mit dem Fuß eine Zeichnung total verwischt hat und Sheriff Hackberry Holland ihn nach dem Grund dafür fragt: „Das war einer von den alten Regengöttern. Als das hier noch ein riesiges Tal voller Maispflanzen war, lebten viele von denen hier. Aber die Regengötter haben uns den Rücken gekehrt und werden auch nicht wieder zurückkommen. (…) Warum sollten sie? Wir glauben doch eh nicht mehr an sie.“ (Seite 291)

23.10.2014 20:11:47
Banon

James Lee Burke hat mit "Regengötter" ein ziemlich umfangreiches Buch vorgelegt, dass als Thriller mehr zu bieten hat, als es das Genre sonst tut.
Natürlich gibt es einen komplexen Hauptstrang, doch belässt es der Autor nicht bei einer stark handlungsorientierten Spannungserzählung. Neben nahezu plastischen Landschafts- und Wetterbeschreibungen nimmt er sich vorallem Zeit für sein Personal. Er beschreibt die Gedanken- und Gefühlswert seiner Protagonisten ungewöhnlich intensiv und entwickelt damit ein anderes Leseerlebnis.

Sicherlich nichts für jene Leser, die eine schnelle Abfolge des Geschehens suchen. Ruhige und spannungsgeladene Passagen wechseln sich ab. Das alles macht das Buch interessanter und vielschichtiger als viele andere Thriller. Mitunter hat mich der Roman an "Kein Land für alte Männer" von Cormac McCarthy erinnert.

"Regengötter" bietet gute Unterhaltung mit genauer Charakterzeichnung der Figuren. Das Buch hat meiner Meinung nach ein paar Seiten zuviel. Etwas weniger hätte der Spannung des Buches gut getan. Denn was James Lee Burke zu erzählen hat, hat Hand und Fuß!