Ein stiller Mörder

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Warschau: Nowy Świat, 2008, Titel: 'Cichy zabojca', Originalsprache
  • Münster; Berlin: Prospero, 2012, Seiten: 204, Übersetzt: Barbara Samborska

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Matthias Kühn
Wenn es dunkel wird: Warsaw by night

Buch-Rezension von Matthias Kühn Aug 2013

Anna Hwierut ist Kommissarin, Anfang dreißig, attraktiv, blond – und völlig überfordert. Als "Mutter eines pubertierenden Teenies" erzieht sie ihren Sohn Kuba allein, als Polizistin steht sie zwischen allen Stühlen. Zu starr und in der wenig rühmlichen Vergangenheit der polnischen Polizei wurzelnd sind die festgefahrenen Hierarchien ihrer Dienststelle; dabei war es Annas Ziel gewesen, nach Warschau zu kommen, in eine pulsierende Großstadt mit Nachtleben und tollen Verlockungen, die ihr Leben aufregend machen sollten und die traumatischen Ereignisse der Vergangenheit weit nach hinten in ihrem Kopf schieben. Aber mit einem Kind am Bein bleibt das Nachtleben eben meistens außen vor, und die Vergangenheit, ach ja, die trägt man eben immer mit sich herum.

Zur Polizei kam Anna, Tochter eines Polizisten, eher unfreiwillig:

 

Sie war Polizistin geworden, weil Kuba "zu früh" auf die Welt gekommen war, oder eher nicht auf sich warten ließ. Sie hatte davon geträumt, Archäologie zu studieren. Aber sie war mit ihrem Kind allein geblieben – ihr Vater hatte ihr dann eine Beschäftigung im Copy-Shop eines Kommissariats verschafft, das es längst nicht mehr gab. Aus Langeweile hatte sie Starfotos aus der deutschen "Bravo" kopiert. Später ging dann alles seinen Gang.

 

So landete sie also praktisch aus klassischer Familientradition bei der Polizei; dabei hat sie eigentlich seit ihren Kindheitstagen, als das Kriegsrecht in Polen zahlreiche Illusionen lahmlegte, eine Uniformphobie. Jetzt fühlt sie sich gefangen in ihrer Welt: zu alt – oder besser: zu erwachsen – für die Disco, zu jung für die vielen Gewohnheiten, die sich bereits in ihr Leben geschlichen haben. Sie sitzt oft allein zuhause, hört Musik von Kasia Nosowska bis Amy Winehouse (darf eine Polizistin "Junkie-Musik" hören? fragt sie sich) – und kämpft mit ihrem Alltag. Ein eher lapidares Verhältnis mit einem Kollegen befriedigt gelegentlich ihre Bedürfnisse nach Sex, nicht aber nach Nähe.

Anna ist also äußerst stark mit sich selbst beschäftigt: Mit den kleinen Problemen wie beispielsweise einer gesperrten Scheckkarte. Wie bitte soll sie sich da auch noch auf die Fälle konzentrieren, die sie zu bearbeiten hat? Die gehen ihr unter die Haut: Ein komischer Geiger, ein Jugendlicher mit suizidalen Tendenzen, der einen alten Mann ermordet haben könnte – und dann noch Nonnen, Nachbarn und störrische Kollegen.

Die Autorin bettet die Selbstbezogenheit ihrer Protagonistin wunderbar ein – in die Fälle, in das alles andere als attraktiv geschilderte Warschau, das selbst eine Hauptrolle spielt, in Vergangenheit und Gegenwart der Kommissarin. Die Prosa ist assoziativ, bilderreich und impulsiv, die Handlung wird ständig durch Gedankenströme unterbrochen. Ein Satz aus dem 18. Kapitel, der nahezu überall stehen könnte, kommt zwar ohne Bildhaftigkeit aus, zeigt das aber dennoch gut:

 

Einen kleinen Moment ließ sie ihren Gedanken freien Lauf, während sie tatsächlich immer noch um ein bestimmtes Thema kreisten.

 

So entsteht durch Nebensächlichkeiten und kleine Beobachtungen eine oft beklemmende, düstere Atmosphäre. Viele der Gedanken kreisen um Selbstmord und Tod, um verpfuschtes Leben und letzte Chancen. Isabela Szolc führt ihre Kommissarin mit viel Sympathie durch die Geschichte, in der allen Ebenen eine gleichwertige Bedeutung zukommt: Das Vorsprechen in der Schule als Mutter eines rebellierenden Sohnes ebenso wie die Diskussionen mit der Pathologin Luiza, die laufenden Ermittlungen oder Einschübe über Serienmörder oder Sexualität.

Das Sprunghafte, Gedankenbasierte, das die Basis dieses Romans stellt, hält die Autorin gekonnt durch, ohne jemals in Beliebigkeit zu fallen. Sie verlangt ihrem Publikum damit natürlich einiges ab: Es ist nicht immer leicht, der Geschichte und dem Geschehen zu folgen, einfach nebenbei lässt sich Ein stiller Mörder nicht lesen. Das Buch fordert also ordentlich Konzentration, aber gerade deutsche Leser können so auch einiges über den polnischen Alltag erfahren, der derart ungeschminkt sicher in keinem Reiseführer auftaucht. Gegen Ende wartet dann übrigens eine klug gesetzte Spannung.

Zu verdanken haben wir dieses kleine Juwel dem Prospero-Verlag, der mit seiner Reihe polnischer Krimis so langsam in Fahrt kommt. Und natürlich Barbara Samborska, der eine bildstarke, lebendige Übersetzung gelungen ist.

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