Total Cheops

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 1995, Titel: 'Total Kheops', Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2000, Seiten: 250, Übersetzt: Katarina Grän und Ronald Voullié

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Lars Schafft
Eine romantische, harte, südländische Ballade

Buch-Rezension von Lars Schafft Aug 2003

Nach Jahren freiwilligem Exil kehrt Ugo zurück nach Marseille. Manu, Ugos Jugendfreund, wurde umgebracht und Ugo hat nur eins im Sinn: Rache. Dass er dabei auch Lole, frühe Liebe Ugos und mittlerweile mit Manu liiert, über den Weg läuft, setzt eine Kettenreaktion in Gang. Denn auch Ugo wird umgebracht, mit Kugeln durchsiebt auf offener Straße.

Mittendrin steht Fabio Montale, der - als es ob es im Melting Pot Marseille als Polizist nicht genug zu tun gäbe - sich nun auch noch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen muss. Denn Ugo, Manu, Lole und er waren in ihrer Jugend eine schlagkräftige Clique, eine Bande, die vor Überfällen nicht zurückschreckte, sich aber auch die Zeit mit Büchern vertrieb.

Ein Mensch auf der Suche nach sich selbst und seiner Zukunft

Es kam damals wie es kommen musste. Ein Überfall lief schief und schon hatten die vier einen Toten am Hals. Jeder zog daraus seine Konsequenzen, der eine flüchtete auf eine Reise in die entlegensten Gebiete der Welt, der andere rutschte tiefer in die Kriminalität ab, ein anderer wechselte die Seiten und wurde Polizist - Montale, der Ich-Erzähler. Ein Einzelgänger, hart nach außen, scheu vor zu intimen Kontakten, ein Mensch auf der Suche nach sich selbst und seiner Zukunft.

Mit Manus Tod, Ugos Rückkehr und Mord hat Montale also einiges zu klären, privat wie beruflich. Und dabei gerät er in eine gefährliche Melange, in denen die rechtsgerichtete Front National eine ebenso wichtige Rolle spielen soll wie die Mafia. Und Marseille droht dabei weiter im Chaos zu versinken.

Ein genüsslich zu lesender südländischer Krimi-Cocktail

Total Cheops hat alles, was zu einem guten Krimi gehört: eine spannende Handlung, eine ebenso gut durchdachte wie letztendlich banale Lösung, interessante, vielschichtige, vom Leben gekennzeichnete und vom Autor hervorragend akzentuierte Figuren. Dazu eine Prise Liebe und Sex, ein Schuß Mafia und fertig ist ein genüsslich zu lesender südländischer Krimi-Cocktail.

Aber Total Cheops ist mehr, weit mehr als ein guter Krimi. Es ist zum einen eine Hommage an die Stadt Marseille (obwohl Autor Jean-Claude Izzo dabei jegliche Romantik abstritt). Wohlgemerkt: Die Hommage zielt allein auf Marseille selbst, auf seine Ab- und Eigenarten. Frankreich bzw. die französische Gesellschaft stellt Izzo hingegen an den Pranger, hält ihr den Spiegel vor. Und was sie und der Leser dort erkennt, ist beängstigend. Intoleranz gegenüber Fremden, ob nach Couleur oder Gesinnung. Gettobildung. Rohe, sinnlose Gewalt. Eine ermattete Polizei, die schon die Kontrolle über manche Viertel verloren zu haben scheint. Das Erstarken der Front National.

Hoffnung, Freundschaft, Sehnsucht, Illusion

Zum anderen ist es aber auch eine wunderbare Geschichte über Hoffnungen, Freundschaft, Sehnsucht und vor allem: Illusion. Denn nicht jede (körperliche) Zuneigung ist Liebe, nicht jede Cliquenbildung Garantie für eine Jahrzehnte währende Freundschaft, Frankreich für Übersiedler aus Nordafrika kein Paradies mehr.

Dass Jean-Claude Izzo diese Probleme und Fragestellungen in einem Kriminalroman thematisiert, ist schon lange nichts ungewöhnliches mehr. Spätestens seit den Schweden Sjöwall/Wahlöö wird der Krimi zur Gesellschaftskritik benutzt, auch Bestseller-Autoren wie Mankell oder Leon greifen diesen Punkt auf. Doch wirkt Brunetti im Vergleich zu Montale wie ein braver Onkel, Wallander in seiner Lethargie gar wie eine Schlafpille.

Scharf beobachtet, augenöffnend, schmutzig und durchdringend deutlich

Deswegen ist Total Cheops alles andere als ein "schöner" Krimi. Er ist scharf beobachtet, ungemein augenöffnend, schmutzig und durchdringend deutlich. Er zieht den Leser einem gewaltigen Strudel gleich hinunter in die Abgründe der mordernen französischen Gesellschaft; in die sich abzeichnende Auswegslosigkeit, in die Desillusion. Doch Izzo ist eben doch ein Romantiker. Denn am Ende siegt - überhaupt nicht in dieses Bild passend - die Liebe. Und das ist das einzige, was ich an diesem Roman wirklich zu bemängeln habe.

Anmerkung zur Ausgabe des Unionsverlags:

So gut die metro-Reihe des Unionsverlags auch sein mag, der Klappentext ist ein Schuss in den Ofen. Total Cheops rappen die "Kids" nicht, sie hören es. Außerdem hat es eine viel negativere Bedeutung, als dass es "mal wieder drunter und drüber" geht. Fabio Montale daran als "nicht ganz unschuldig" zu bezeichnen ist genau so eine Übertreibung wie die Behauptung, dass er "ein großes Herz für all die verschiedenen Bewohner hat".

Fabio Montale ist an den Zuständen in Marseille insofern beteiligt, dass er ermittelt. Mehr nicht - eher ist er ein Spielball mafiöser Machenschaften denn Drahtzieher eines Chaos. Und ein großes Herz? Naja, gestehen wir dem durchaus sympathischen Polizisten zumindest ein Gewissen zu. Mehr nicht. Oder war da noch etwas mit Marie-Lou, dem Vater Leilas, Gérard, ...?

Hervorragend gelungen hingegen sind die Anmerkungen zu Total Cheops: Thomas Wörtche erläutert den Autor und sein Buch, es gibt sehr informative Worterklärungen und ein Kapitel "Izzo über Izzo". Das wünscht sich der wissbegierige Leser.

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