Bilanz des Todes

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Kein & Aber, 2013, Seiten: 288, Originalsprache

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Jürgen Priester
Ein Held wider Willen zieht Bilanz

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jan 2013

Mit Bilanz des Todes schließt Lukas Erler seine "Ölspur-Trilogie" um den schwedisch-deutschen Neuro-Psychologen Thomas Nyström ab. Der Held wider Willen muss den Ereignissen, die in den Vorgänger-Bänden Ölspur und Mörderische Fracht sein Leben auf den Kopf stellten und ihn mehr als einmal in tödliche Gefahr brachten, Tribut zollen. Im Wattenmeer verletzt und gefesselt auf einem Stuhl zu sitzen und der herannahenden Flut entgegenzusehen, kann einen Menschen schon mürbe machen. Auch wenn seitdem ein Jahr vergangen ist, kann Nyström sich nicht in die Routine des Alltags einfinden. Seine Kollegen und Vorgesetzte am Max-Planck-Institut in München machen sich ernsthaft Sorgen um seine geistige Gesundheit. Völlig apathisch versieht er seinen Dienst. Als ein unbekannter Mann zur konsiliarischen Untersuchung ins Institut gebracht wird, ahnt niemand, dass Thomas Nyström in ein weiteres gefährliches Abenteuer hineingezogen wird.

Einer Angestellten der Bahnhofsmission im Münchener Hauptbahnhof fällt ein verloren und ramponiert wirkender Mann auf. Bei einer Tasse Kaffee stellt sie fest, dass er Deutsch mit einem niederländischen Akzent spricht, gebildet zu sein scheint, zu seiner Person aber keinerlei Angaben machen kann. Die hinzugezogene Polizei weist ihn zu einem Check-up in die Psychiatrische Ambulanz ein. Von dort gelangt er mit Verdacht einer Dissoziativen Fugue an das neuro-psychologische Institut.

Nach einer freiwilligen erkennungsdienstlichen Behandlung stellt sich heraus, dass der Mann, Jean-Philipp Morrell, von der belgischen Polizei gesucht wird. Er steht in dringendem Verdacht, seine Familie erschossen zu haben. Als Nyström mitkriegt, wer der Arbeitgeber des Mannes ist, fällt er aus allen Wolken. Seine Lethargie ist wie weggeblasen.

Morrell arbeitete für die "International Maritime Solid Solution Ltd", das ist ausgerechnet die Anwalts- und Beratungsfirma, mit deren Mitarbeitern Nyström in der Vergangenheit mehrmals aneinander geraten ist. Einen von ihnen, den feinen Yves Morisaitte, ein Mann fürs Grobe, könnte man als Nyströms Todfeind betrachten, war er doch für die Ermordung von Nyströms damaliger Lebensgefährtin verantwortlich. Über Morrell hofft nun der Psychologe noch einmal an den verhassten Morisaitte heranzukommen und vielleicht den drei Jahre dauernden Kriegszustand endgültig zu beenden. Er schließt sich der Überführung des Tatverdächtigen nach Belgien an. Schon kurz nach ihrem Eintreffen kommt es zu einem tödlichen Eklat.

Parallel zu dieser Geschichte entwickelt sich im arktischen Eismeer ein Drama ganz anderer Art. Telefonisch hat Thomas Nyström erfahren, dass sein Freund, der Meeresbiologe Volker Meiners verschwunden ist. Nicht er allein, sondern das ganze Schiff, auf dem er sich befand. Meiners hatte auf dem privaten Forschungsschiff eines Multimillionärs angeheuert. Die Reise sollte an den Polarkreis führen, um dort Daten zum Zustand der Polkappen zu sammeln. Unvermittelt riss der Funkkontakt zum Schiff ab, weder mit Radar noch via Satellit ist das Schiff zu orten. Einfach verschwunden – nicht der erste Fall dieser Art, wie Nyström weiß. Das macht ihm mächtig Kopfzerbrechen.

Autor Lukas Erler arbeitet wieder mit zwei Handlungssträngen, wobei er das Polarkreis-Abenteuer ein bisschen stiefväterlich behandelt. Das Rätsel um das verschwundene Forschungsschiff steht zu lange im Raum und wird dann noch von den turbulenten Ereignissen in Belgien in den Hintergrund gedrängt. Dass des Rätsels Lösung eine erstaunliche Neuentwicklung in der nautischen Technik und die geheimen Wege der Ölsucher offenbart, ist schon interessant, aber krimitechnisch ist da kein Blumentopf mit zu gewinnen.

Allein Nyströms Konfrontation mit seinem Erzfeind Morisaitte und seiner ominösen Organisation bringt hier die Spannung, die wir aus den beiden Vorgängerromanen kennen.

Es liegt in der Natur der Ich-Perspektive, dass der Held auch seine letzte Auseinandersetzung überlebt und sich dann eine verdiente Auszeit gönnt.

Vielleicht zusammenfassend ein paar Worte zur gesamten Trilogie. Obwohl jeder einzelne Band in sich stimmig ist, sollte man die Trilogie von vorne beginnen. Thomas Nyström ist nicht der Held, an dem alle Anfeindungen psychischer oder physischer Natur so einfach abprallen. Er macht Veränderungen und Entwicklungen durch. Er wächst, wenn er gefordert wird, über sich hinaus, wird aber nie zu einem Über-Helden. Das macht ihn sympathisch und als Leser hat man schnell eine empathische Verbindung zu ihm. Wenn er leidet, dann leidet man mit. Wenn er in Todesgefahr steckt, ist man ebenso gefangen. Das macht die kritischen Situationen so realistisch und die Spannung ist hautnah erfahrbar.

In meiner Rezension zu Mörderische Fracht schrieb ich, dass Lukas Erler sprachlich und erzählerisch immer auf den Punkt kommt. Er schwafelt nicht herum, um gekünsteltes Volumen zu erzeugen und meidet Fachsimpelei, wenn er die Themen anspricht, die ihn bewegen. Dazu gehören der globale, maritime Frachtverkehr mit allen Risiken für Mensch und Umwelt, die schmutzigen Geschäfte der Ölindustrie und der aktuelle Streit um die arktischen Ölvorkommen. Themen, die an sich schon spannend sind, über die aber selten in den Medien berichtet wird, präsentiert Lukas Erler in seinen temporeichen und actiongeladenen Plots.

Man darf gespannt darauf sein, was Lukas Erler so als Nächstes plant.

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