Tote Dichter lügen nicht

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Paris: La table ronde, 2011, Titel: 'La commissaire n'aime point les vers', Seiten: 209, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2012, Seiten: 317, Übersetzt: Norma Cassau

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Andreas Kurth
Solide Unterhaltung mit chaotischer Heldin

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2012

Kommissarin Viviane Lancier hat einen neuen Assistenten. Sie findet den jungen Lieutenant Augustin Monot zwar knackig, aber dass er ihr einen scheinbar überflüssigen Fall verschafft nimmt sie ihm übel. Er stolpert nämlich gewissermaßen über ein Mordopfer, und so muss sich die Kommissarin mit dem Vorfall herumschlagen – dabei hat sie aktuell ganz andere Sorgen. Der getötete Obdachlose sah dem Dichter Victor Hugo verblüffend ähnlich, und hatte einen entsprechenden Spitznamen. Noch rätselhafter wird der Fall durch die Kopie eines Sonetts in seiner Tasche, das Experten für ein bislang unbekanntes Werk von Baudelaire halten. Monot, ursprünglich Literaturwissenschaftler, ist von der Angelegenheit höchst fasziniert, aber Verwicklungen mit der Presse, einer Hellseherin, einem Schriftgutachter und einem undurchsichtigen Sammler verleiden seiner Chefin die ganze Sache. Als es weitere Morde gibt schaltet sich die Politik in den Fall ein – und für Viviane Lancier wird es wirklich brenzlig. Sie ist weiter uninspiriert, aber Monot riskiert Leib und Leben, um den Fall aufzuklären – und reißt seine Chefin schließlich mit.

Tote Dichter lügen nicht ist der erste Roman von Georges Flipo in deutscher Übersetzung. Der Autor zeigt darin, dass er eine Geschichte spannend und gut lesbar erzählen kann. Und vor allem präsentiert er seinen Lesern Protagonisten, die so ihre Eigenarten haben. Da ist die Kommissarin, die mit ihrer Leibesfülle höchst unzufrieden ist, und von einer Diät zur nächsten flattert. Zwischendurch wird beruflicher Frust immer wieder mit diätischen Entgleisungen kompensiert – durchaus amüsant und unterhaltsam. Im Beruf ist sie dagegen eher zurückhaltend, ihr Männer-Team verunsichert sie zuweilen, aber der knackige junge Monot hält sie doch irgendwie auf Trab. Auf jeden Fall ist sie äußerst sprunghaft, einzig in Sachen Selbstmitleid und Diät-Fanatismus zeigt sie eine bemerkenswerte Konstanz. Gegenüber ihrem Team zeigt sie sich häufig unleidlich, also ein Vorgesetzte, die man lieber auf Distanz hält.

Der Lieutenant ist dagegen eifrig bemüht, seiner Chefin zu gefallen – streng beruflich gesehen. Er will bei der Polizei Fuß fassen und sich bewähren, und überrascht durch einige unkonventionelle Ermittlungsansätze. Sein vorauseilender Gehorsam ist zuweilen etwas nervig, aber irgendwie kommt er beim Leser als überaus sympathisches Kerlchen an. Er zeigt große Eloquenz bei Pressekonferenzen, und sein hoher Einsatz beeindruckt die Kommissarin immer wieder. Damit bügelt er auch seine unvermeidbaren Anfänger-Pannen aus.

Man fragt sich allerdings, wer in diesem Roman eigentlich der Haupt-Protagonist ist. Die Kommissarin wirkt in ihren Bemühungen eher planlos, sie wird von den Medien unter Beschuss genommen, und ihre privaten Befindlichkeiten werden etwas zu sehr ausgebreitet. Immerhin ist die Geschichte insgesamt so originell, dass diese Schwächen einigermaßen kompensiert beziehungsweise überspielt werden.

Die überaus zahlreichen Verdächtigen sorgen immerhin für reichlich Abwechslung, die höchst unterschiedlichen Verstrickungen in die Historie des angeblichen Sonetts von Baudelaires sorgen doch für reichlich Spannung. Leser und Ermittler tappen lange Zeit völlig im Dunkeln, da sich etliche Spuren und Verdächtigungen immer wieder in Luft auflösen.

Georges Flipo bietet in seinem Roman solide Unterhaltung, aber einige Schwächen sollte der Autor unbedingt noch abstellen. Der gute Plot hätte etwas sorgfältiger ausgearbeitet werden müssen, und die Kommissarin muss ein klareres Profil bekommen. Erst die weiteren Romane, die es demnächst in Deutschland beim gleichen Verlag geben soll, werden darüber entscheiden, ob sich der Franzose über den Durchschnitt erheben kann. Ansonsten werden seine Bücher beim Leser kaum nachhaltig in Erinnerung bleiben.

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Letzte Kommentare:
14.04.2013 20:59:21
Peter Kniest

Der Autor hat sich offensichtlich am Stil der großartigen Fred Vargas orientiert. Der krampfartige
Versuch, seine Akteure originell wirken zu lassen, scheitert grandios. Eine unattraktive, arrogante und
zickige Kommissarin mit einem vertrottelten, aber intelligenten Assistenten: Quasi Personen, die einem im normalen Leben auf den Geist gehen wuerden.
Schon nach kurzer Zeit ist man beide leid. Einige Autoren schaffen es, durch ihre bildhafte Sprache Landschaften und Personen lebendig werden zu lassen, oder zu mindestens eine gewisse Spannung zu erzeugen, was man als Krimileser auch erwarten kann. Auch hier bleibt der Autor farblos und talentfrei. Gähnende Langeweile und jegliches Fehlen von bildhafter Ausdrucksweise.
Das einzige französische in diesem Krimi ist der Renault der Kommissarin, ansonsten koennte die Handlung auch in Wuppertal oder Kassel spielen. So macht das Lesen keinen Spaß!

27.12.2012 22:23:53
Krimitante

eines der schlechstesten bücher die ich gelesen habe. ein eindeutigeres oxfam-exemplar gab es selten. nervige, klaumaukige protagonisten, mehr überflüssiges privatleben als ermittlung, einen fall gibt es kaum. um das ganze noch haarsträubender zu machen zu machen muss auch noch baudelaire herhalten. ich habe das buch mit der frage "was sollte das denn?" schnellstens entsorgt.

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