Herrgottschrofen

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2013, Seiten: 304, Originalsprache

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Andreas Kurth
Alte Knochen und bayrische Spezl-Wirtschaft

Buch-Rezension von Andreas Kurth Aug 2012

Karl-Heinz Hartinger, für seine Freunde nur Gonzo, ist ein Pressefotograf mit reichlich Biss. 20 Jahre war er Polizeireporter in München, jetzt hat er sich in seine Heimat Garmisch-Partenkirchen zurückgezogen, und lebt von gelegentlichen Aufträgen der Lokalzeitung. Während seiner Jogging-Runde will es der Zufall, dass Gonzo dabei ist, als Knochen bei einer Probebohrung für einen Tunnel gefunden werden. Der Vorfall wird von den Behörden herunter gespielt, Hartinger wird daraufhin misstrauisch und beginnt zu recherchieren. Nicht zum ersten Mal gerät er dabei selbst in das Visier der Polizei, aber einige Maßnahmen gegen den umtriebigen Fotoreporter werden auch von politischer Seite gesteuert. Aus der Untersuchungshaft entlassen geht Hartinger mit neuem Schwung an seine Ermittlungen, aber bis zu dynamischen Finale der Geschichte hat er noch einige Überraschungen und brenzlige Situationen zu überstehen.

Marc Ritter hat mit Herrgotschrofen den zweiten Band seiner "Gonzo-Hartinger-Reihe" vorgelegt. Nach dem Auftaktroman Josefibichl folgte zunächst mit Kreuzzug ein fulminanter Polit-Thriller, mit dem der Autor demonstrierte, dass er nicht nur seine Heimat Garmisch-Partenkirchen hervorragend kennt, sondern auch ein kenntnisreicher Beobachter der bayrischen und deutschen Politik ist. Das kommt ihm auch bei seinem neuen Buch zugute, denn es geht in der spannenden Geschichte unter anderem um die bayrische Spezl-Mentalität in Politik, Medien, Verwaltung und Wirtschaft. Angesichts der aktuellen Debatte um den Steuersünder Uli Hoeneß und die schwache Ausstattung der Steuerfahndung im Freistaat bekommt das Buch neben dem Unterhaltungsaspekt eine – wahrscheinlich durchaus gewollte – zusätzliche Bedeutung. Die speziellen Verbindungen zwischen dem Bau- und Abfallunternehmer, dem Bürgermeister und dem Ministerpräsidenten – um nur einige aus der Amigo-Riege zu nennen – wirken jedenfalls realistischer als so manche Szenarien in hochgehandelten Polit-Thrillern.

Karl-Heinz Hartinger ist ein Journalist mit reichlich Biss und Spürnase, ein bayrisches Schlitzohr und ein Mensch mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Also ein wirklich sympathische Figur, was allerdings nicht jeder Leser so sehen muss. Gonzo braucht am Beginn so einige Zeit, bis er in die richtige Spur kommt, aber der Autor versteht es, mit launigen und authentischen Dialogen und so manchen Überraschungen den Leser zu fesseln. Marc Ritter hat einen flüssigen und gut lesbaren Erzählstil, er versteht es hervorragend, den Leser mitfiebern zu lassen. Dazu trägt auch bei, dass man in der Regel etwas besser informiert ist als der Protagonist. Dennoch wird der Leser über die möglichen Lösungen der Rätsel und des Falles insgesamt lange im Unklaren gehalten, was die Spannung zusätzlich nach oben schraubt.

Im Grunde hat Marc Ritter zwei große Themen in seinen Roman eingebaut. Es geht um zunächst unerklärlich scheinende Morde, und um die politischen Machenschaften im Dunstkreis von Ministerpräsident und Bürgermeister. Das Verflechten dieser beiden Themenkreise macht den Roman zu einem faszinierenden Buch, mit dem man nicht nur gut unterhalten, sondern auch vortrefflich informiert wird. Viele dieser geschilderten Verstrickungen zwischen Wirtschaft und Politik – nicht nur im Freistaat Bayern – sind so oder so ähnlich in den Medien immer mal wieder kommuniziert worden, Ritter hat das Thema nahezu perfekt mit seiner Kriminalgeschichte verbunden.

Neben Gonzo Hartinger gibt es einige Nebenfiguren, die überaus ambivalente Charaktere sind. Hartinger bildet jedoch die Verbindung zwischen den verschiedenen Personenkreisen, und seine zwischen Tollpatschigkeit und Verbissenheit wechselnde Art macht nicht nur ihn als Figur liebenswert, sondern sorgt auch immer wieder für den zuweilen überraschenden Fortgang der Geschichte. Aus der großen Zahl bayrischer Regionalkrimis ragt Marc Ritter mit seinem Roman durchaus heraus, denn die Mischung zwischen Polit-Thriller und Kriminalgeschichte, Provinz und Landeshauptstadt, gibt dem Buch eine besondere Note. Gonzo Hartinger hat in jedem Fall noch reichlich Potenzial für weitere höchst unterhaltsame Kriminalfälle.

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Letzte Kommentare:
20.10.2014 08:48:39
rolandreis

Herrgottschrofen" ist ein Regionalkrimi, der in Garmisch Partenkirchen spielt. Mittlerweile gibt es ja für jede Region Deutschlands eigene Ermittlerteams. Der Journalist Gonzo Hartinger ist sicherlich eine Hauptfigur mit Profil und Charaktertiefe, der sich dem lokalen Filz entgegenstellt. In Summe ist es eine interessante, komplexe Story mit viel Lokalkolorit und originellen Charakteren, die sich jedoch ein wenig zu viel mit dem lokalpolitischen Machtgerangel beschäftigt und hierdurch teilweise die Spannung aus der Story nimmt.

13.02.2013 23:51:49
Stefan Koch

Besonders gelungen ist die politische Satire auf die (ober-)bayerischen Machthaber. Dabei sind auch die einzelnen Charaktere gut beschrieben. Marc Ritter kennt sich in Garmisch-Partenkirchen gut aus, das merkt man. Man erfährt viele Details über Deutschlands bedeutendsten Fremdenverkehrsort. Die Story selbst hat mich nicht überwältigt, aber doch interessiert.