Die Corleones

  • Der Audioverlag
  • Erschienen: Januar 2012
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  • München: Der Audioverlag, 2012, Übersetzt: Stephan Benson
Die Corleones
Die Corleones
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Jürgen Priester
75°1001

Krimi-Couch Rezension vonJan 2012

Familienbande

Im Nachhinein ist es müßig, darüber zu spekulieren, ob Mario Puzos Roman Der Pate (The Godfather) den Weltruhm erlangt hätte, wenn es die grandiose Verfilmung unter der Regie von Francis Ford Coppola nicht gegeben hätte. Das Drehbuch zum Film schrieben Coppola und Puzo gemeinsam. Die meisten werden, wie der Rezensent auch, zuerst den Film gesehen und dann unter dem starken Eindruck der Leinwandbilder das Buch gelesen haben. Auch heute noch, Jahrzehnte später tauchen, bei einem kurzen Blick ins Buch automatisch die Gesichter von Marlon Brando als Vito Corleone oder von Al Pacino als Michael Corleone auf. Es war und ist eine beeindruckende Inszenierung. Der Film spielte der Filmgesellschaft, der Paramount, Gewinne im dreistelligen Millionenbereich ein und es war klar, dass Fortsetzungen nicht lange auf sich warten ließen. Die Drehbücher zu Der Pate II und Der Pate III stammten wieder federführend aus der Hand von Mario Puzo, hatten aber inhaltlich kaum noch Bezug zum Originalroman.

Mario Puzo schrieb bis zu seinem Tod im Jahre 1999 noch etliche Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher. In seinem Nachlass befand sich unter anderem ein unvollendetes Drehbuch zu einem vierten Teil von Der Pate, der als Vorgeschichte zum Hauptwerk konzipiert war. Der amerikanische Schriftsteller Edward Falco hatte sich des Fragmentes angenommen und daraus entstand der hier vorliegende Roman Die Corleones.

Der Roman spielt Mitte/Ende der 1930er Jahre in New York. Amerika litt zu dieser Zeit unter den Auswirkungen der "Großen Depression", die am "Black Thursday" (bei uns wegen der Zeitverschiebung als "Schwarzer Freitag" bekannt) im Oktober 1929 mit einem Börsencrash begann und sich mehr als ein Jahrzehnt negativ auf das wirtschaftliche und soziale Leben auswirkte. Auch für das Organisierte Verbrechen wurde es damals eng. Die Prohibition war 1933 beendet worden und der lukrative Handel mit schwarzgebranntem Alkohol, einst eine sprudelnde Geldquelle für viele Mafiosi, lag nun trocken. Einige "Familien" gleich welcher Nationalität mussten sich umorientieren und ihre Einflusssphäre sichern oder gar ausbauen. Es kam zu richtungsweisenden Verteilungskämpfen.

Don Vito, der Chef des Corleone-Clans, damals in den Vierzigern, also voll in Saft und Kraft, hatte mit einem legalen Olivenöl-Handel ein Standbein, mit dem er nach außen hin und innerhalb seiner leiblichen Familie den Schein eines seriösen Geschäftsmannes wahren konnte. Sein Spielbein nutzte er aber für eine ganze Reihe illegaler Aktivitäten wie Sportwetten, Glücksspiele und Schutzgelderpressungen. Bei den Auseinandersetzungen der Familien-Clans verfolgte er seine eigene Strategie und die hieß Abwarten und "Strega" trinken, bis die Unternehmungslust seiner Söhne, die einigen Bossen auf die Füße getreten waren, ihn zwangen, Farbe zu bekennen. Geschickt verstand Vito es, die einzelnen Gruppen gegeneinander auszuspielen und somit seine Führungsrolle zu manifestieren.

Die Corleones bietet denen, die Der Pate schon gelesen haben (und das werden die meisten sein), substanziell nicht viel Neues. Man trifft auf bekannte Personen, Jahre jünger halt, deren Eigenheiten und Charakterzüge schon so angelegt sind, wie sie sich in Puzos Roman ausprägen werden. Ed Falco folgt den Vorgaben Puzos und verzichtet auf eigenständige Überraschungsmomente wie den Sinneswandel einer Person. Sonny Corleone, Vitos ältester Sohn, ist schon als Achtzehn-jähriger genauso impulsiv, loyal und auf die Anerkennung seines Vaters fixiert, wie er es später auch sein wird. Wie auch ein Luca Brasi, dessen Wechsel vom kleinen selbständigen Bandenchef zu einem Mitglied der Corleone-Familie hier in der Vorgeschichte beschrieben wird, schon ein gewissenloser, unberechenbarer Psychopath ist.

Keine Überraschungen und auch nicht sonderlich viel Spannung, denn der informierte Leser weiß ja, wer die Auseinandersetzungen unbeschadet überlebt. Ed Falco versteht sich wohl eher als Chronist, dem die Zukunft seiner Protagonisten vorgegeben ist. Fast schon romantisierend konzentriert er sich auf das harmonische Zusammenleben der Familie Corleone – mal abgesehen vom jugendlichen Aufbegehren aufmüpfiger Söhne. Auch die Streitigkeiten unter den einzelnen Mafia-Clans, die eigentlich einen Bandenkrieg darstellen sollten, wirken wie ein familiäres Kräftemessen, auch wenn es manchmal ziemlich brutal zur Sache geht. Von der Wirkung der Mafia auf Opfer ihres Gewaltregimes fehlt jede Spur, da war Mario Puzo im "Paten" schon realitätsnaher.

Als Mario Puzo Ende der 1960er Jahre seinen Roman Der Pate schrieb, hat er sicherlich nicht daran gedacht, dass es Jahrzehnte später einmal eine Vorgeschichte geben würde. Puzo hat seinen "Paten" so konzipiert, dass im dritten Buch des Romans der Werdegang Vito Corleones ausführlich geschildert wird, sodass es keiner Vorgeschichte bedarf.

So gesehen ist Die Corleones eher als eigenständiger Roman zu betrachten, über eine Mafia-Familie im New York der 1930er Jahre, die zufällig Corleone heißt, deren Vita fortgeschrieben wird.

Wer sich ein wenig mit der historischen Mafia beschäftigt hat, wird feststellen, das Edward Falco sich für ein geschöntes Bild der Mafia entschieden hat. Einige kritische Szenen, besonders die gewaltstrotzenden, wirken denn auch mehr wie aufgesetzte Schaueffekte, als dass sie für die Handlung essenziell wären. Was bleibt, ist ein Spannungsroman mit Unterhaltungswert, aber wenig Bezug zur Realität, den man lesen kann, aber nicht gelesen haben muss.

Die Corleones

Mario Puzo, Der Audioverlag

Die Corleones

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