Der Insider

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • London: Sphere, 2011, Titel: 'The wreckage', Seiten: 448, Originalsprache
  • München: Der Hörverlag, 2012, Seiten: 6, Übersetzt: Johannes Steck

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Jürgen Priester
Die Spur des Geldes

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jan 2012

Nun ist er doch da (9. April 2012) – der neue Robotham. Im vergangenen Jahr kursierten zeitweilig Gerüchte, dass The Wreckage in Deutschland nicht erscheinen solle. Zu politisch, deshalb schwerer verkäuflich? Was auch immer. Nach dem grandiosen Erfolg der Taschenbuchausgabe von Dein Wille Geschehe hat sich der Goldmann-Verlag eines Besseren besonnen und präsentiert mit Der Insider die nun 6. Folge der lockeren Reihe um den Psychologie-Professor Joe O`Laughlin und den Detective a.D. Vincent Ruiz.

Hinsichtlich des Buchformates hat sich der Verlag für einen Kompromiss zwischen Taschenbuch und Hardcover entschieden und veröffentlicht den Thriller als großformatiges broschiertes Taschenbuch, da die Verkaufszahlen der letzten beiden Romane in gebundener Form wohl zu wünschen übrig ließen. Der Insider als deutscher Titel ist mal wieder nicht so glücklich gewählt. Im Roman taucht zwar eine Person auf, die man als Insider bezeichnen könnte, doch die fristet ihr Dasein hauptsächlich als Leiche. "Der Trümmerhaufen" wäre hier die korrekte Übersetzung von The Wreckage und einen solchen hinterließen die Amerikaner nach dem Abzug ihrer Truppen aus dem Irak, wo auch einer der beiden Haupthandlungsstränge des Romans beginnt.

Der amerikanische Journalist Luca Terracini lebt und arbeitet schon eine ganze Weile in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Ein "alter Hase" sozusagen, der über weitreichende Kontakte verfügt. Neben seinen Informanten bei Polizei und Behörden stützt sich seine Arbeit auf ein kleines Team Einheimischer, die ihm sowohl als Chauffeure als auch als Bodyguards dienlich sind. Nachdem Terracini die Auswirkungen eines spektakulären Banküberfalls mit mehreren Toten besichtigt hat, fällt ihm auf, dass es in der letzten Zeit vermehrt zu Banküberfällen gekommen ist. Als er da nachhakt, stellt er fest, dass sogar ein System dahinter steckt. Während seiner Nachforschungen lernt er die Rechnungsprüferin Daniela Garner kennen, die im Auftrag der UN die korrekte Verwendung von Wiederaufbauhilfen überprüft. Keinen wundert´s, dass sie dabei auf millionenschwere Betrügereien stößt. Etwas erstaunt sind die beiden Rechercheure dann doch, weil die Unterschlagungen und die Banküberfälle auf einen gemeinsamen Nenner hinauslaufen. Die Spur des Geldes führt über Istanbul nach London.

In London sitzt derweil der Pensionär Vincent Ruiz gemütlich in einem Restaurant bei einem Bierchen. An einem Nebentisch streitet sich ein junges Pärchen. Bevor Ruiz überhaupt reagieren kann, schlägt der junge Mann seiner Freundin die Faust ins Gesicht und verduftet. Ruiz – ganz der Kavalier alter Schule – nimmt sich der jungen Dame an, die jetzt ohne Geld, Papiere und Wohnungsschlüssel dasteht. Ruiz lädt Holly Knight, so heißt die blutjunge Nachwuchsschauspielerin, zur Übernachtung in seine Wohnung ein. Als er am nächsten Morgen aus einem komatösen Schlaf erwacht, ist Holly weg, Ruiz´ Wohnung ist geplündert. Unter den verschwundenen Wertsachen befindet sich auch ein Erinnerungsstück, das Ruiz sehr wichtig ist. Dem erfahrenen Detective ist es ein Leichtes, Holly auf die Spur zu kommen. Als er deren Wohnung betritt, entdeckt er in ihrem Schlafzimmer Hollys schlagkräftigen Freund – gefesselt, gefoltert, ermordet.

Was hier mit einem vergleichsweise harmlosen Verbrechen beginnt, entwickelt sich schnell zu einer kriminellen Verschwörung gigantischen Ausmaßes, in die Banker, Geheimdienstler und das Organisierte Verbrechen involviert sind. Auf dieser Ebene schließt sich dann auch der Kreis zu den Ereignissen im Irak

In seinem Interview mit der Krimi-Couch im Mai letzten Jahres erklärte Michael Robotham, was ihn dazu veranlasste, auf konkrete politische Begebenheiten einzugehen. Seine Betroffenheit und Fassungslosigkeit, die wohl einen jeden angesichts der dreisten Missachtung ethischer Konventionen überfällt, haben ihn zu einem Politthriller inspiriert, mit mehr Action als wir es von ihm gewohnt sind. Der Irak in Kriegszeiten ist nun mal kein Ort der filigranen Diplomatie, sondern ein Ort, an dem Interessen mit Granaten und Bomben durchgesetzt werden. Und wenn Geheimdienste und Mafiosi im Spiel sind, werden selten Gefangene gemacht.

Ein neues Thema und eine andere Form bedürfen auch zusätzlichen Personals. Robotham wechselt und ergänzt es ja gerne. Im Irak verfolgen Luca Terracini und Daniela Garner die Spur des Geldes, die dann in London zu einem Zusammentreffen mit Vincent Ruiz führt, der von Robothams Stammpersonal die tragende Rolle innehat. Joe O´Laughlin tritt in einer Nebenrolle als weiser Berater auf und macht für die schutzbedürftige Holly Knight den "Babysitter". Letztere ist der heimliche Star der Erzählung, die mit ihrem jugendlichen Charme schnell die Herzen der Leser gewinnt. Es kommt nicht von ungefähr, dass ihr Name an Holly Golightly, der Hauptperson aus Truman Capotes Roman Breakfast at Tiffany´s erinnert, denn die Biographien beider Romanfiguren weisen einige Parallelen auf. Zwei Frauen aus der Unterschicht, die sich zu ihrer Existenzsicherung unkonventioneller Methoden bedienen, wobei Holly Knights Vita nichts Komödiantisches anhaftet. Nach dem Tode ihrer Eltern und ihres Bruders wächst Holly in Heimen und bei Pflegefamilien auf. Die Jahre dort lehrten sie mit harten Bandagen zu kämpfen. Nun ist sie in das Visier übermächtiger Feinde geraten und man kann nur hoffen, dass sie mit der Unterstützung der beiden "alten Herren" überlebt.

Nach Todeswunsch, einem sehr persönlichen und emotionsgeladenen Roman, in dem es um die Gefahren ging, denen Heranwachsende heutzutage ausgesetzt sind, wendet sich Michael Robotham der politischen Bühne zu und vergrößert den Abstand seiner Protagonisten zum Leser. Wie aus der Vogelperspektive stellt er die komplexe Welt der Finanzjongleure, der Geldwäscher und Lobbyisten dar. Auch die kriegsähnlichen Zustände im Irak wirken beschreibend oberflächlich, ohne dass es dem Autor gelingt, den Leser in das Geschehen hineinzuziehen. Die Schicksale einzelner Personen, ob im Irak oder in London, können nur am Rande gestreift werden, was an der thrillermäßigen Ausrichtung des Plots liegen mag. Michael Robotham unterschlägt seine Stärken. Die liegen in der Charakterzeichnung. Wenn er mit wenigen Strichen die prekäre Situation der jugendlichen Selbstmordattentäter in Szene setzt, zeigt Robotham die Emotionalität, die der Rezensent so sehr an ihm schätzt, von der es leider in Der Insider zu wenig gibt.

In Zeiten wie heute, wenn das kapitalistische Wirtschaftssystem aus seinen mürbe gewordenen Nähten platzt, ist es wichtig, auch mit dem Finger der Schreibkunst auf die offenen Stellen zu zeigen. Dass Banken mit dem Organisierten Verbrechen kollaborieren, deren Schwarzgeld aus Drogen- und Waffenhandel waschen, ist jetzt nicht die allerneuste Information, doch bei aller Desinformation und Ablenkungsmanövern kann die Wahrheit nicht oft genug wiederholt werden.

 

In Zeiten, da Täuschung und Lüge allgegenwärtig sind,
ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolutionärer Akt.
               (Zitat: George Orwell, dem Buch vorangestellt)

 

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