Frauen von Brücken werfen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Saarbrücken: Conte, 2012, Seiten: 172, Originalsprache

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Jochen König
Sex & Crime. Was ein Mensch sich ausdenken kann, kann auch Wirklichkeit werden..

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2012

Wann veröffentlicht man ein Buch mit dem Titel Frauen von Brücken werfen wohl am besten? Richtig, am Weltfrauentag. Doch Gunter Gerlachs Roman als kleinen Scherz am Rande abzuhaken, hieße ihm Unrecht zu tun.

"Entscheiden sie jetzt, ob sie dieses Buch wirklich weiterlesen wollen!"

Der Autor Georg Händel ("Wie der Komponist") flieht vor einer erstorbenen Liebe aus Berlin in seine zweite Heimstatt München. Während der Zugfahrt lernt er die Hexe Lina kennen, die zwar nicht an magische Fähigkeiten glaubt, aber "man weiß ja nie". Drei ihrer Freundinnen sind von Isarbrücken gesprungen und Lina vermutet aufgrund der Umstände das Werk eines Serienkillers hinter den vorgeblichen Selbstmorden. Der populäre Autor Händel, in einer kleinen Krise, soll ihr helfen diese These zu belegen. Doch der hat keine rechte Lust, möchte lieber an seinem neuen Buch arbeiten, grantig auf die Welt und die (Kriminal)-Literatur sein und seiner entschwundenen Liebsten hinterher trauern. Doch seine Neugier ist trotz Widerstrebens geweckt, und so wird er langsam aber sicher in Linas Welt hineingezogen. Ist seine eigene schon eine der verschwimmenden Realitäten, so stellen Lina und ihre Freunde sein Leben voller Gedankenspielereien und kleiner Phantasmagorien auf die Probe. Und es gilt einen Mörder oder eine Mörderin zu finden.

Not just another serial-killer-thriller

Ganz und gar nicht. Frauen von Brücken werfen ist ein Vexierspiel. Wahrnehmung, Leben, Literatur, das Phantastische im Alltäglichen. München leuchtet noch immer. In Gerlachs Vision der bayrischen Landeshauptstadt vermischen sich literarische und reale Welt, sein Autor Händel schreibt auf was passiert, manchmal während es passiert und oft bleibt zweideutig, ob es wirklich passiert. Mehrmals wird er für den Brückenmörder gehalten, den er erschafft, während er ihn literarisch erfindet. Ein Gutteil der Menschen, die Händel trifft, schreibt gerade selbst an einem Roman. An einem Krimi natürlich. So fallen viele, manchmal kluge, manchmal sacht überspitzte Äußerungen zu Kriminalromanen, Literatur überhaupt. Gibt es Mechanismen nach denen man Bestseller erzeugen kann, und wenn ja, warum sollte man das überhaupt? Wie wichtig ist Sprache, wenn sie den Verschlinger der Massenware Kriminalliteratur überhaupt nicht interessiert? Händel leidet. An der (verflossenen) Liebe, am Verfall einer Kultur des Denkens, der Kopisten des Ewiggleichen.

 

Hinter der Kloschüssel liegt ein Kriminalroman. Der übliche überkommene Stil der Schriftsprache angereichert mit tausendmal benutzten Metaphern und Floskeln. Auf ein schnelles Einverständnis mit dem Leser ausgerichtet. [&] Zum Lesen gehört eine kleine Anstrengung, mit ihr aber verdoppelt sich das Vergnügen am Lesen. Literatur, wie sie heute die meiste Verbreitung hat, verlangt das nicht und ist deshalb von allen Künsten die rückständigste.

 

Händel möchte so gern originell sein und jagt sich beständig selbst, verloren im Gespinst einer (imaginären) Welt der Magie und vermeintlicher Morde. Wobei die Hexe Lina eine bodenständige Frau ist, die eher mit Raffinesse als Hexerei, Georg Händel eine Welt erschafft, in der er seine fast paranoide Sehnsucht nach Unsicherheit ausleben kann und natürlich bereitwillig in Linas offene Arme läuft. Und nebenbei noch einen Mörder enttarnt.

Gerlach gelingt es das muss jetzt sein auf kafkaesken Pfaden zu wandeln und trotzdem den Kriminalfall zu einer recht schlüssigen Auflösung zu bringen. Und natürlich ist es gut so, dass der Geist Kafkas über dem Roman schwebt und nicht der Rita Falks. Frauen von Brücken werfen bewegt sich weit abseits des bajuwarischen Brachialhumors. Das Zusammentreffen des Bodenständigen mit den Versuchungen des Absurden sorgt für sachte Komik, die um den Schrecken weiß, der den meisten guten Witzen innewohnt (na gut, die Flechtensuppe erzählt auch vom Ekligen im Humor.). All die Lebensentwürfe, die hinter dem Offensichtlichen nur darauf warten, endlich zur Geltung zu kommen. Zwischen frommen Lügen, scheinbar rationalen Berechnungen und der Angst verlassen zu werden, toben sich arme, verlorene Seelen aus; und sei es indem sie Krimis schreiben. Der taxifahrende Student, das angefangene Manuskript in der Tasche. Klischees gegen den Strich gebürstet, denn der literarische Ehrgeiz tendiert gegen Null, Ziel ist der große Bestseller: Die Mechanismen des Marktes durchschauend ohne große Anstrengung vorne dabei sein. Wenn es so einfach wäre& zwischendurch noch mit Händel um einen Satz gestritten. Den dieser aber für sich selbst beansprucht.

Wobei Händels fiktiver Verleger das Rezept gleich zu Beginn liefert, nach der ersten von vielen großartigen Kapitelüberschriften: "Ausführliche Schilderung zerstückelter Opfer". Klar, womit der potentielle Bestseller beginnt? Weiter geht es mit

 

einem von diesen beliebten Serienmördern am besten einen intelligenten, aber von Rache getriebenen, der geheimnisvolle Zeichen hinterlässt und seine Morde ankündigt.

 

Zusätzlich sollte der Ermittler private Probleme haben, kurz vor der Trennung stehen; die Geschichte sollte in die Vergangenheit führen (Drittes Reich wäre toll), aber aktuelle Probleme nicht vergessen werden.

 

"Handel mit Organen, Waffen, Frauen, Missbrauch und Pornografie. Suchen sie sich etwas aus."

 

So simpel - oder etwa nicht?

"Männer, die wie ein Misthaufen stinken". Nur eine Kapitelüberschrift.

Frauen von Brücken werfen ist ein Quell. Zu nachdenklich für permanent sprudelnde Freude zwar, aber ein ständig gewitzter Parcours durch das Magische in der Realität und der Literatur, das eigene Realitäten erschafft. Führt gelegentlich zu schmerzlichen Erkenntnissen, betrauert den Sieg der Denkfaulheit, ist perfide, nachtragend und gar nicht lieb zu Lesern und Autoren jenseits der Buchseiten. Die Komik ist gallig, die Spannung latent, die Figuren faszinierend, und Isarbrücken gibt es siebzehn. Dreizehn werden im Text erwähnt.

Kurzum: Ein bemerkenswertes Buch, das so viele Regeln aufstellen kann wie es möchte. Gefolgt wird sowieso nicht.

"Ich höre das Häschen Arschloch sagen".

Ich auch&

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