Selbstmord ausgeschlossen

Erschienen: Januar 1959

Bibliographische Angaben

  • London: Faber & Faber, 1939, Titel: 'Suicide excepted', Seiten: 311, Originalsprache
  • München; Wien; Basel: Desch, 1959, Titel: 'Der Fall Dickinson', Seiten: 210, Übersetzt: Georg Kahn-Ackermann
  • Zürich: Diogenes, 1991, Seiten: 300, Übersetzt: Karin Polz

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Michael Drewniok
Mord ist erwünscht, der Mörder überflüssig

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2011

Als der alte Leonard Dickinson sein Leben aufgrund einer allzu großzügig bemessenen Schlafmittel-Dosis im ländlich ruhigen Pendlebury Old Hall Hotel aushaucht, ist als Urlaubsgast und Zeuge zufällig Inspektor Mallet von Scotland Yard vor Ort. Er hatte Dickinson am Vorabend als schwermütigen Mann kennengelernt, was er auch zu Protokoll gibt. Da es keine verdächtigen Indizien gibt, wird der Fall als Selbstmord zu den Akten genommen.

Diese Nachricht sorgt bei den Hinterbliebenen für Aufregung. Gattin Eleanor, Sohn Stephen und Tochter Anne sind für ihren Lebensunterhalt auf das Erbe angewiesen. Leonard hinterließ zwar eine Lebensversicherung in Höhe von 25.000 Pfund, die jedoch bei Selbstmord des Versicherten nicht ausgezahlt wird.

Zwei Wochen Frist bleiben der Familie, um zu entscheiden, ob man das Angebot annimmt, sich wenigstens die eingezahlten Prämien zurücküberweisen zu lassen. Stephen, der neue Familienvorstand, ist damit ebenso wenig einverstanden wie seine Schwester. Während Anne der Gedanke abstößt, der Vater habe Selbstmord begangen, sorgt sich Stephen um den finanziellen Verlust. Gemeinsam planen die Geschwister – verstärkt durch Annes Verlobten Martin Johnson – eigene Nachforschungen.

Die drei Amateure machen detektivische Unerfahrenheit durch Eifer und Einfallsreichtum wett. Bald stoßen sie tatsächlich auf Ungereimtheiten. Unter den Gästen des Old Hall Hotel gibt es gleich mehrere vielversprechende Verdächtige. Sogar Mallet, der schließlich ins Vertrauen gezogen wird und lange skeptisch blieb, kommt ins Grübeln. Ihm bleibt es vorbehalten, die losen Enden dieses Falls zu einer Lösung zu schürzen, die in mehrfacher Hinsicht für lebensgefährliche Erschütterungen sorgt …

Gelegenheit macht Diebe – und Mörder

Auf der Suche nach der literarischen und auch intellektuellen Herausforderung fiel den Autoren des klassischen englischen Rätselkrimis viele Jahre immer etwas Neues ein. Dabei standen die Regeln des "Whodunit" fest, und die Grenzen schienen eng zu sein. Genau darin lag eine Herausforderung. Voller Ehrgeiz banden sich jene Schriftsteller, die sich dem Genre buchstäblich verschrieben, quasi eine Hand auf den Rücken und erlegten sich selbst erdachte Schwierigkeiten auf, um den Job reizvoll zu erschweren.

Cyril Hare erlegte sich für Selbstmord ausgeschlossen eine ´gebremste´ Ermittlung auf: Leonard Dickinson ist tot und gilt zumindest dem Gesetz als schuldlos Verstorbener. Nun muss unbedingt nachgewiesen werden, dass er ermordet wurde. Wer ihm die tödlichen Pillen möglicherweise gab, ist dabei unwichtig. Diese Konstellation ist in der Tat originell, da die Entlarvung des Täters als großes Finale den "Whodunit" normalerweise bzw. zwangsläufig abschließt.

Natürlich verstößt Hare nur scheinbar gegen diese Vorschrift. Er tut es mit Bedacht, denn die Enthüllung sorgt nicht nur für die übliche Überraschung, sondern stellt sich als dreifacher Finaltwist heraus: Kein Wunder, dass Cyril Hare trotz seines schmalen Gesamtwerks zu den Großen des Kriminalromans zählt! Dazu kommt die für den englischen Kriminalroman dieser Ära typische Mischung aus Spannung, trockenem Humor und literarischen Anspielungen, die man erkennen kann aber nicht muss.

Unter den Augen des Gesetzes

Schon die Einführung ist meisterhaft: Leonard Dickinson wird nicht einfach tot in seinem Zimmer gefunden. Ausgerechnet Hares Serienheld Inspektor Mallet von Scotland Yard ist ebenfalls Gast in dem Hotel, das zum Tatort wird. Dass er nach einem zufälligen Gespräch mit Dickinson die Theorie vom Selbstmord unterstützt und damit beinahe einen Justizirrtum ermöglicht, gibt dem Geschehen eine besondere Note.

Darüber hinaus führt es den Leser auf eine falsche Fährte. Der frühe Auftritt des bekannten Ermittlers schürt die Annahme, Mallet werde die Ermittlungen führen. Stattdessen verschwindet er für viele Seiten aus der Handlung, die von diversen Angehörigen der Familie Dickinson übernommen wird. Sie versuchen sich als Detektive; eine reizvolle Prämisse, die viel Raum für einschlägiges und unterhaltsames Scheitern gibt.

Denn zwangsläufig machen die eifrigen Möchtegern-Ermittler falsch, was falsch zu machen ist, und ebenso selbstverständlich kommen sie trotzdem der Wahrheit auf die Spur. Tatsächlich sind es sogar mehrere Wahrheiten, denn die harmlose aber nun unter die Lupe genommene Gesellschaft, die in der Nacht des ´Mordes´ unter dem Dach des Old Hall Hotel zusammenkam, ist selbstverständlich höchst verdächtig. Kleine und große Gauner kommen unter diversen Masken zum Vorschein. Diese Erkenntnisse führen unsere ´Detektive´ immer wieder auf vielversprechende aber letztlich falsche Fährten.

Bankrott ist schlimmer als der Tod

Selbstmord ausgeschlossen ist als Krimi auch der Schnappschuss einer Gesellschaft, die im Umbruch begriffen ist, wobei alte Traditionen wie Klippen in diesem Entwicklungsstrom stehen. Die Dickinsons gehören zu jenen Familien, die zwar einen guten Ruf aber kein Geld (mehr) haben. Der I. Weltkrieg hat jenem Lebensstil, der sich auf den Verzehr von Zinsen aus Grundbesitz oder Geldguthaben stützt, mit intensiver Unterstützung einer nicht mehr obrigkeitshörigen Steuergesetzgebung endgültig den Garaus gemacht.

Geblieben ist der Stolz, der folgende aus heutiger Sicht absurde Kausalkette bedingt: Jeglicher Kontakt mit der Polizei ist der Ehre abträglich, aber der Mord-Tod eines Familienmitglieds ist immer noch besser als sein unehrenhafter Selbstmord; das schlimmste Schicksal ist jedoch der finanzielle Ruin, der das familiäre Scheitern öffentlich macht; die ´Strafe´ ist der Ausschluss aus dem Kreise derer, denen man sich zugehörig fühlt, und sie wird kollektiv verhängt: Es würde die Witwe Dickinson ebenso treffen wie ihre Kinder, wobei Tochter Anne doppelt verflucht ist, da sie als Braut mit Makel höchstens klassenabwärts noch heiratskompatibel wäre.

Diese Sichtweise muss man verstehen, denn sie wird zum Motor der Ereignisse. Sie erklärt auch den Titel: Selbstmord [ist] ausgeschlossen. Ursprünglich drückt dies die Haltung der Dickinsons aus. Erst später wird daraus zusätzlich ein kriminalistischer Tatbestand.

Alles kommt anders, ganz anders & noch einmal anders

Die verblüffende Auflösung kann und soll an dieser Stelle selbstverständlich verschwiegen werden, was schade ist, da man Hare für die Meisterschaft bewundern muss, mit der er die Handlung auf den letzten Seiten gleich dreifach in unerwartete Richtungen treibt. Auch in diesem Zusammenhang ist die Kenntnis des sozialen Umfelds wichtig, denn es bildet den Kompost, auf dem dieser bizarre Mordfall prächtig gedeiht.

Letztlich trägt der Fachmann den Sieg davon: Inspektor Mallet versteht es, den Wust der von den Dickinsons zusammengetragenen Informationen zu sichten, zu ordnen und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Damit wird Mallet zum Zünglein an der Waage, denn es wird deutlich, wie nahe der Täter dem perfekten Mord war. Nicht nur Mallet konnte die winzigen Widersprüche entdecken: Hare spielt fair und teilt die entsprechenden Informationen mit seinen Lesern. Ihnen obliegt die Pflicht, die Hinweise zu finden und entsprechend zu deuten. Allerdings bleibt ihnen der Autor doch einen entscheidenden Schritt voraus – zum Glück, denn wer will schon einen Rätselkrimi lesen, wenn das Rätsel lange vor dem Finale gelöst ist?

Was Hare beschreibt, hat seinen Platz in der Geschichte. Ausufernde Seitenstränge, in denen die Figuren persönlichen Problemen nachgehen, die mit der Krimi-Handlung nichts zu tun haben, sucht man vergeblich – wenn man denn nach ihnen sucht, denn vermisst werden sie nicht. Nach 300 flott gelesenen Seiten ist dieser Fall gelöst. Mallets vierter Fall wird starten, ohne dass seifenoperlicher Ballast mitgeschleppt wird und aufgearbeitet werden muss. Manches war – zumindest im Krimi – früher wirklich besser!

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