Ivy Pochoda

Die US-amerikanische Autorin Ivy Pochoda ist hierzulande noch weitestgehend unbekannt. Dabei wurden ihre Romane Wonder Valley (2014) und Visitation Street (2017) von der Kritik in Nordamerika gefeiert. Die 44-jährige Pochoda wuchs in Brooklyn auf, studierte in Harvard und war vor ihrer Schriftstellerkarriere professionelle Squashspielerin. Mit Diese Frauen legt sie nun einen bemerkenswerten Roman über die Missachtung von Frauen in unserer Gesellschaft vor, der im ars vivendi Verlag erscheint. Krimi-Couch-Redakteur Thomas Gisbertz sprach mit Ivy Pochoda über die Entstehung ihres Romans, den Umgang mit Frauen in der amerikanischen Gesellschaft und ihre Arbeit als Schriftstellerin.

"Um ehrlich zu sein, Serienmörder finde ich eher langweilig."

Krimi-Couch:
Frau Pochoda, Ihnen gelingt mit Diese Frauen ein bemerkenswerter und in meinen Augen äußerst wichtiger Roman. Er stellt eine wütende Anklage gegenüber einer Gesellschaft dar, die Frauen im Allgemeinen und Prostituierte im Speziellen missachtet, ausgrenzt und ihnen keinerlei Gehör schenkt. Selbst über die ermittelnde Polizistin Esmerelda Perry machen sich Kollegen und Zeugen lustig. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Ivy Pochoda:
Naja, ich bin schließlich selbst eine Frau, und im Laufe der Zeit habe ich so einiges an männlichem Fehlverhalten ignoriert als auch internalisiert. Als das mit #MeToo losging, war meine Reaktion etwas seltsam. Manche der Geschichten dieser Frauen sprachen mich überhaupt nicht an und schienen mir fast übertrieben. Ich bin jahrelang Profisportlerin gewesen, und in diesem Feld wird dein Körper ständig von anderen bewertet, benutzt und berührt, auch ohne deine Zustimmung. Langsam wurde mir aber klar, dass Vieles, was ich für normal gehalten (oder als alberne Witze abgetan) und als Standardprozedere betrachtet hatte, sexistisch geprägte Misshandlungen waren. Und diese Behandlung erfahren Frauen überall. Die Figur der Essie war meine Art der Verarbeitung des Umstands, dass latenter Sexismus, den wir ausblenden, weil wir das Gefühl haben, wir hätten keine andere Wahl, im Leben der meisten Frauen eine Rolle spielt.

Krimi-Couch:
In Ihrem aktuellen Roman steht nicht der Serienmörder, sondern seine Opfer im Mittelpunkt, die überwiegend farbige Prostituierte sind. Ihr Buch basiert lose auf dem Fall des „Grim Sleeper“ Lonnie Franklin, der Mitte der 1980er und nach 15 Jahren Pause wieder ab 2002 mindestens zehn Prostituierte in Los Angeles ermordete. Was hat Sie an dieser Geschichte fasziniert?

Ivy Pochoda:
Um ehrlich zu sein, Serienmörder finde ich eher langweilig. Nur weil jemand einer Verhaftung entgeht, heißt das nicht, dass er schlauer ist als andere. Mich haben vielmehr die Menschen im Umfeld des Mörders interessiert. Ich finde es unsagbar faszinierend, dass es Leute geben muss, die in der Gegenwart eines Killers leben, und sich selbst einreden können, nichts über seine wahre Natur zu wissen. Wieviel Verdrängung ist da im Spiel? Wie muss es für Ted Bundys Freundin gewesen sein, der Polizei zu erzählen, dass er genau auf die Täterbeschreibung passt, nur um zu hören, dass sie sich da mal keine Sorgen machen soll? Wie verarbeitet man einen solchen Verdacht? Die Gewalt eines Mörders endet nicht bei den Opfern, sondern erstreckt sich auch auf Freunde und Familie, die ebenfalls von dieser Gewalt erschüttert werden, aber sich in einen Mantel des Schweigens hüllen. Dieses Schweigen, dieses Verleugnen ist das, was mich interessiert.

Krimi-Couch:
Sie erzählen im Roman die Geschichten von sechs durch die Mordserie miteinander verbundenen Frauen. Durch die verschiedenen Perspektiven werden unterschiedliche Lebensentwürfe und Schicksale aufgezeigt und man erhält einen literarischen Einblick in den Mikrokosmos „Downtown L.A.“. Was war Ihnen bei der Auswahl der Charaktere besonders wichtig?

Ivy Pochoda:
Meiner Ansicht nach kann man eine Gegend oder Gemeinde nur dann wirklich verstehen, wenn man sie aus so vielen Blickwinkeln wie möglich betrachtet. Beim Schreiben ist meist eines meiner Ziele, mithilfe eines vielschichtigen Figurenensembles ein dreidimensionales Panorama eines Settings zu erschaffen. Ein solches sieht für Außenstehende ja ganz anders aus als für Leute, die bereits langjährig dort ansässig sind. Es ist für eine PoC, die dort in dritter Generation lebt, anders als für eine Weiße Person zweiter Generation. Keine dieser Perspektiven ist falsch, aber es ist auch keine für sich genommen die richtige. Deshalb nutze ich gerne eine Bandbreite solcher Perspektiven, um ein klareres Bild zu zeichnen.

Krimi-Couch:
Haben Sie vier Jahre nach Beginn der #MeToo-Bewegung und auch vor dem Hintergrund des Black-Lives-Matter-Protest das Gefühl, dass sich die US-amerikanische Gesellschaft wandelt und „diesen Frauen“ mehr Beachtung und Respekt zollt?

Ivy Pochoda:
Ich hoffe es. Ich bin da vorsichtig optimistisch, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Man muss sich ja nur einmal ein paar aktuelle Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs anschauen. WIR MISSTAUEN FRAUEN NACH WIE VOR (Nicht, dass wir jeder Frau automatisch glauben müssten). Aber meines Erachtens gibt es immer noch eine zu starke Tendenz, Frauen kein Gehör zu schenken und so zu tun, als sollten sie nicht die Kontrolle über ihre eigenen Körper und Erfahrungen haben.  

Krimi-Couch:
Sie schaffen in Ihrem Roman eine fast greifbare Atmosphäre. Wir riechen regelrecht den Schweiß in den schwülen Nächten Los Angeles und empfinden Ekel, wenn Männer sich wie Bestien in den lauten und schmutzigen Bars auf die Frauen stürzen. Wie haben Sie sich dem Thema Ihres Romans genähert? Haben Sie vor Ort das Gespräch mit den Frauen, über die Sie schreiben, gesucht?

Ivy Pochoda:
Ja und nein. Ich habe sieben Jahre lang in Amsterdam gelebt und bin dabei mit vielen Aspekten legaler Prostitution vertraut geworden. Meine Wohnung befand sich in einem kleineren Rotlichtbezirk, sodass ich mit Sexarbeiterinnen in ihrer Freizeit in Kontakt treten konnte. Es gibt wirklich keinen Unterschied zwischen Sexarbeiterinnen und Frauen in gänzlich anderen Berufsfeldern. Eine Anwältin ist für uns z.B. nicht einfach nur eine Anwältin, sondern ein Mensch mit Hobbies, Interessen, einer Familie. Das Gleiche gilt für Sexarbeiterinnen. Sex ist ihr Beruf. Davon abgesehen sind sie Menschen. Und diese Menschlichkeit hat mich vor allem anderen interessiert. Während meiner Zeit in Amsterdam hatte ich einige Freundinnen, die Sexarbeiterinnen im Ruhestand waren, auch wenn wir darüber nicht sprachen. Und an meinen Schreibworkshops in der Skid Row von Downtown L.A. haben auch einige Sexarbeiterinnen teilgenommen, deren Arbeit wir ebenfalls nicht thematisierten. Ich hielt es für meine Aufgabe, meine Figuren in erster Linie als Menschen zu beschreiben und ihre Profession in den Hintergrund zu rücken.

Krimi-Couch:
Die Geschehnisse um die Tötung George Floyds haben uns auch hierzulande berührt und sprachlos gemacht. Leider sind deutliche Parallelen zu ihrer aktuellen Erzählung zu erkennen. Könnten Sie sich daher vorstellen, die Geschichte um Floyd für einen Roman aufzugreifen?

Ivy Pochoda:
Eine spannende Frage. Ich denke, das würde ich einer PoC überlassen, die als Aktivitstin oder Autorin tätig ist. Ich glaube, es ist nicht wirklich eine Geschichte, die ich erzählen sollte.

Das Interview führte Thomas Gisbertz im November 2021.
Übersetzt aus dem Englischen von Yannic Niehr.
Foto: © Maria Kanevskaya

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