Film:
Tatort Antwerpen

Film-Kritik von Jochen König (08.2019) / Titel-Motiv: © Atlas Film GmbH

Jef Geeraerts – Die Wandlung eines Kolonialisten

Nach einer aufreibenden Zeit als Verwalter und Kommandeur einer Spezialeinheit in der damaligen Kolonie Belgisch Kongo, krempelte Jef Geeraerts sein Leben völlig um. Geplagt von seinen Erlebnissen im Kongo, begann er ein Germanistik-Studium und veröffentlichte nahezu gleichzeitig 1962 sein erstes Buch. Mehr als fünfzig Publikationen sollten folgen. Zunächst nutzte Geeraerts seine neue Profession, um sich mit seiner (wenig ruhmreichen, traumatischen) Zeit im Kongo und seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Dabei schreckte er im gleichzeitig umstrittenen und preisgekrönten „Gangreen“-Quartett auch vor heftigen pornographischen Inhalten nicht zurück. Er verfasste Reiseliteratur, journalistische Werke, Aphorismen, Autobiographisches und Lyrik. Doch am populärsten und hoch geschätzt wurde er wegen seiner Kriminalromane, die nicht nur Spannung, sondern auch eine intensive Beschäftigung mit gesellschaftlichen Missständen beinhalteten. Auf neun Bände brachte es die Reihe um die beiden Kommissare Erick Vincke und Freddy Verstuyft. Drei der Romane („De zaak Alzheimer“ „Double-face“, und „Dossier K“) wurden verfilmt und jetzt unter dem Titel „Tatort Antwerpen“ in einer DVD-Box herausgebracht.

Tatort Antwerpen – Zusehen wie die Zeit verfliegt

Ein zeitraubendes Unterfangen, liegen zwischen der Verfilmung von „De zaak Alzheimer“ (2003) und „Double-face“ (2017) satte 14 Jahre. „Dossier K“ („Recht auf Rache“) ist zwar der zuletzt erschienene, achte Roman der Reihe, doch gibt in der filmischen Umsetzung 2010 das Mittelstück des Trios ab. Warum nur so wenig Filme einer qualitativ hochwertigen Reihe erschienen sind, hat einen einfachen Grund. Die ausgefeilten Produktionen verschlingen eine Menge Geld, was in einem kleinen Filmland wie Belgien nur schwer zu stemmen ist. Einsatz und Aufwand haben sich aber gelohnt.

Deutsche Rezeptionsgeschichte als Trauerspiel

Besonders die ersten beiden, spielfilmlangen Episoden haben nichts mit der biederen Fernsehästhetik eines deutschen Durchschnitts-Tatorts zu tun, sondern besitzen Kinoformat. „Mörder ohne Erinnerung“ wurde zum Start auch als das Porträt eines alternden Killers der an der Alzheimer-Krankheit leidet, vermarktet, nicht als Teil einer kommenden Polizeisaga um die aufrechten Beamten Vincke und Verstuyft. Trotz hervorragender Kritiken traute man sich seinerzeit nicht, den Film ins Kino zu bringen. Keine zugkräftigen Namen, ein düsterer, deprimierender Blick auf die belgische Gesellschaft im Schatten des Falles Dutroux, das schien kein Erfolgsgarant für einen erfolgreichen Kinoeinsatz zu sein. So wurde der Film lediglich für den Heimkinomarkt veröffentlicht und lief gelegentlich im Fernsehen. Was bedauerlich ist, denn sowohl inhaltlich, inszenatorisch, bildgestalterisch und schauspielerisch stellt „Mörder ohne Erinnerung“ vieles in den Schatten, was 2003/2004 in den Lichtspielhäusern dieser Republik lief.    

Ähnlich mau sieht es mit den Ausgaben der wenigen übersetzten Bücher von Jef Geeraerts aus. Die Handvoll seiner Romane, die überhaupt auf Deutsch erschienen sind, gibt es derzeit nur antiquarisch zu erwerben. Aus der  Vincke und Verstuyft-Serie ist lediglich „Double-face“ (1990 im Original publiziert, zwei Jahre später auf Deutsch ) im Verlag „Das Neue Berlin“ veröffentlicht worden. Der Rest ist Schweigen.

Die packende Neo-Noir-Ballade vom vergesslichen Killer

„Mörder ohne Erinnerung“ erzählt von Angelo Ledda, einem Auftragskiller, der an Alzheimer erkrankt ist. Ein letztes Mal übernimmt er noch einen Auftrag, der ihn nach Antwerpen führt. Er soll den Unternehmer Bob van Camp töten und die Prostituierte Bieke Cuypers. Der erste Mord stellt kein Problem für ihn da, den zweiten Hit verweigert er, als er feststellt, dass es sich bei dem Ziel  um ein zwölfjähriges Mädchen handelt. Mit Bieke hatten es wenige Tage zuvor auch die Polizisten Eric Vincke und Freddy Verstuyft zu tun. Das Mädchen wurde von ihrem Vater zur Prostitution missbraucht. Bei der verdeckten Ermittlung kommt ihr Vater ums Leben und Bieke in Gewahrsam des Jugendamtes. Nicht für lange wie es scheint.

„Betrachte es von der guten Seite: Ein Arschloch weniger, und das Mädchen ist gerettet,“ konstatiert Freddy nach der Aktion. Doch so einfach macht es sich die Serie nicht. Seine Aussage stimmt nur zur Hälfte. Bieke stirbt ebenfalls, aber nicht durch Leddas Hand. Der gerät durch seine Weigerung selbst auf die Abschussliste. Und wird von seinen Gegnern gnadenlos unterschätzt. Was diesen nicht gut bekommt.

Während er die Auftraggeber sucht und eliminiert, kommt Ledda in Kontakt mit Vincke und Verstuyft. Explizit Vincke wird sein Ansprechpartner. Obwohl er auf radikale Weise die Arbeit der Polizei übernimmt und Eric Vincke durchaus Verständnis für den erkrankten Killer hat, setzt er alles dran, ihn in die Fänge zu bekommen. Als dies, nach einer Flucht, die weitere Menschenleben kostet, endlich passiert, sind die Umstände doch ganz andere als erwartet.

„Mörder ohne Erinnerung“, in einem zweiten Versuch unausgegoren als „The Alzheimer Case – totgemacht“  wiederveröffentlicht, stellt den müden Killer und seine Antipoden bei der Polizei gleichberechtigt gegenüber, das heißt eigentlich nimmt Leddas Handlungsstrang den größeren Raum ein, weswegen der vorzügliche Darsteller Jan Decleir im Vorspann sogar vor den beiden Protagonisten aufgeführt wird. „Mörder ohne Erinnerung“ ist eine erstklassig umgesetzte Mixtur aus Noir und Polizeikrimi, steht eher in der Tradition der Werke Jean Pierre Melvilles als des „Tatorts“. Der Topos des aussteigewilligen und   ausgebrannten Killers ist ein vielbemühtes Thema, „Mörder ohne Erinnerung“ benutzt klassische Zutaten – die Verweigerung, das Ausboten, der Verrat und der Rachefeldzug – und erweitert sie um die Alzheimer-Erkrankung und ergänzt das düstere Gangsterdrama um gesellschaftspolitische Bezüge.

Belgien nach Marc Dutroux – der Morast, in dem wir leben

Der Fall des Serienkillers Marc Dutroux, dessen Auswirkungen die belgische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschütterte, auch heute noch, beeinflusst die filmische Erzählung unverkennbar. Kinderpornographie und -prostitution spielt zwar nur am Rand eine Rolle, ist aber ausschlaggebend für die tödliche Welle, die Leddas Engagement folgt. Buch und Regie zeigen eine zutiefst korrumpierte Welt, in der auf Seiten der Politik und Polizei über Leichen gegangen wird, Machtmissbrauch mehr bedeutet als sich Posten zuzuschieben und persönliche und politische Verstrickungen kaum noch zu trennen sind. Dass Recht und Gerechtigkeit nicht unbedingt übereinstimmen ist bekannt, doch selbst wenn Indizien und handfeste Beweise das Recht stützen, springt am Ende womöglich nur ein Pyrrhussieg raus. Es sind finstere Schlüsse, die „Mörder ohne Erinnerung“ zieht. Moralische Grenzen verschieben sich gegen die Nulllinie, Schuldige schütteln sich kurz und machen weiter, Kalkül und Macht diktieren die Bedingungen des gemeinschaftlichen Lebens. Und Sterbens. Mehr als kleine rebellische Akte gegen den schleichenden Werteverkauf sitzen nicht drin.    

Wo Recht nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat

Weit entfernt sich der vier Jahre später entstandene „Recht auf Rache“ nicht. Auch hier spielt ein Rachefeldzug eine entscheidende Rolle, durchgeführt diesmal von einem jungen Mann, der ebenfalls das Verständnis von Vincke und Verstuyft sucht und ansatzweise findet. Denn seine Opfer sind Straftäter, deren die Polizei auf legalem Wege kaum habhaft wird. Aber wie schon bei Ledda gibt es Kollateralschäden, die bereits alleine ein konsequentes Eingreifen der honorigen Polizisten fordern.

 Alessandro Del Piero wird auf einem Parkplatz von zwei Angehörigen des albanischen Gaba-Clans hingerichtet. Jedem Fußballfan ist sofort klar, dass der Name des damaligen Juventus Turin-Spielers nicht der wahre des Toten ist. Nazim Tahir, der in seine  Heimatland untergetauchte Sohn des Ermordeten, fordert das „Recht auf Rache“ ein, das ihm nach den eigen erstellten, albanischen Clan-Gesetzen zusteht. Nazim ist Judikative und Exekutive in einem und killt sich durch die Reihen des Gaba-Clans.

Gleichzeitig steuert eine großangelegte Ermittlung ihrem Ende entgegen. Angeführt von Vinckes und Verstuyfts verhasstem Kollegen de Keyzer und Staatsanwalt Brackee (beide mit unrühmlichen Auftritten in „Mörder ohne Erinnerung“) soll der Gaba-Clan ausgehoben werden. Jeder kommt jedem in die Quere, Verrat und Hinterhältigkeit beeinflussen beide Seiten, nur Vincke und Verstuyft versuchen inmitten eines schier unüberschaubaren Chaos sauber zu bleiben. Und müssen eigene Wege gehen, um nicht zu scheitern.

Der Clan, der seine Feinde gegeneinander ausspielt

 „Recht auf Rache“ nimmt sich eines immer noch hochaktuellen Themas an, der Clan-Kriminalität und der damit verbundenen Existenz einer Parallelgesellschaft, die sich nicht an bürgerliche Gesetzbücher hält, sondern eine eigene Art von Justiz betreibt. Außenstehende gewinnen kaum Einblicke in die beinahe geheimbündlerischen Aktivitäten. Das gilt auch für die Polizei, die in Gestalt des unfähigen Majors De Keyzer  und des opportunistischen Staatsanwalts Brackee sich ungeschickt in Infiltration und Verschleierung versucht, was Menschenleben bis in die eigenen Reihen hinein fordert. Vincke muss selbst tricksen, um am Ende nicht unterzugehen.

Spannung und hohe Intensität – zur Wiederholung geeignet

„Recht auf Rache“ ist wieder ein schnörkelloser und dennoch vielschichtiger Polizeifilm, der gekonnt mit der Spiegelung von Verbrechern und Polizisten arbeitet.  Blerim Destani macht seine Sache als einsamer Rächer mit familiärem Hintergrund ausgezeichnet. Sein Nazim Tahir agiert sowohl eiskalt wie mitfühlend. Er verliert erst die Contenance, als er merkt, dass der Ehrenkodex, den er vertritt, nur eine Fassade ist, hinter der sich Vorteilnahme und Verrat verstecken. Finster, einfallsreich gefilmt und exzellent besetzt, ist „Recht auf Rache“ nicht bloß eine spannende Romanverfilmung, sondern erzählt auch wieder etwas von den Schattenseiten einer dysfunktionalen Gesellschaft. Man entnimmt der Mimik des prinzipientreuen Vincke mehr als einmal, mehr noch als dem eher unangepassten Freddy Verstuyft, dass er gar nicht so weit entfernt ist, Tahir einfach gewähren zu lassen. Vielleicht zögert er deshalb auch in entscheidenden Momenten einen Augenblick zu lange. „Recht auf Rache“ ist für wiederholte Sichtungen, Interpretationen und weiterführende Diskussionen geschaffen.

Das letzte Opfer verliert – in jeder Hinsicht

Sieben Jahre später, mit merklich gealterten Hauptdarstellern, entstand schließlich „Das letzte Opfer“. Obwohl der Tonfall immer noch ausgesprochen düster ist, gibt es eine inhaltliche Richtungsänderung. Die der Serie nicht bekommt. „Das letzte Opfer“ ist ein Psychothriller, der zwischen rituellen Serienmorden und „Basic Instinct“ fast trunken hin- und herwankt. Vincke und Verstuyft besitzen keine entsprechenden Pendants mehr, obwohl Sofie Hoflack als Jungpsychologin Rina beeindruckend aufspielt und Freddy den Kopf verdreht. Sie müssen die Handlung alleine vorantreiben, was ihnen eher schlecht als recht gelingt, da die gesamte Konstruktion des Films brüchig ist und klappert. So landet die Folge mit Blessuren auf einem abgeschlagenen dritten Platz.

Der Fund von sechs kopflosen Frauenleichen führt nicht nur zu diversen Verdächtigen, sondern auch zu der sehr jugendlich wirkenden Psychologin Rina van Hoeren, die augenscheinlich als nächstes Opfer herhalten sollte, ihrem Peiniger aber entkommen konnte. Erst betäubt, dann entführt und mit rot gefärbten Haaren wird sie von der Polizei aufgegriffen, kann aber keine zweckdienlichen Hinweise bezüglich des Täters geben.

Da Arbeit mitunter der beste Weg zur Heilung ist, nimmt Rina ihren Arbeitsalltag als Therapeutin erstaunlich schnell wieder auf. Vor allem Freddy glaubt sie noch in Gefahr, weswegen er eine persönliche Rundumbetreuung startet. Die zu einem hautengen Verhältnis führt. Die Intimität ist zwar nicht erlaubt, aber Freddy nimmt das Risiko auf sich. Und wird prompt von Vincke erwischt, verpetzt und in den Innendienst versetzt.  Nicht mit Freddy Verstuyft. Es gibt kein Halten mehr, als Rina ein weiteres Mal in Gefahr gerät. Freddy ist an vorderster Front dabei und wird es bleiben. Bis zum bitteren Ende.

Der Eispickel bleibt unterm Bett, die Gefriertruhe regiert

Wer den ein oder anderen Krimi kennt, ahnt früh, wohin das rosa Killerkaninchen läuft. Da hilft es auch nicht, dass wahllos Verdächtige aus dem Hut gezaubert und Spuren bis nach Köln gelegt werden. Das unausgegorene, klischeehafte Drehbuch lässt Vincke und Verstuyft wiederholt im Stich und hilflos im Nebel stochern. Offensichtliche und aussichtsreiche Spuren werden nicht verfolgt, es wird auf bloßes Hörensagen reagiert und gerade drauflos gerannt, wenn das Karnickel längst einen Haken geschlagen hat. Der Nebenstrang um den Profiler Anton Mulder(!) streckt lediglich die Zeit und hat nichts Wissenswertes zur Ermittlung beizutragen. Unglaubwürdig ist zudem, dass Vincke seinen Freund Freddy nach rund zwanzigjähriger Zusammenarbeit ansatzlos aus dem Verkehr zieht, womit er nicht nur dem Verhältnis zueinander, sondern auch der Ermittlung schadet. Dass die Motivation des Täters weitgehend im Dunkeln bleibt, ist ebenfalls ein Manko. Das holpert und stolpert sich mühselig und mit massivem Verbrauch von roten Heringen über viel zu lange zwei Stunden.

Zweimal ins Schwarze getroffen, einmal ins Blaue geschossen – Fortsetzung folgt hoffentlich

Auf der Habenseite stehen einige stimmungsvolle Bilder, ein paar ordentlich getimte Actionsequenzen, die stimmige Ensembleleistung, ein Hauch Erotik und eine Prise Komik. Außerdem sieht man den Protagonisten Koen De Bouw (Vincke) und Werner De Smedt (Verstuyft) gerne beim bloßen Agieren und älter werden zu. Mehr ist nicht.  Kein krönender Abschluss, aber auch kein Komplettausfall. Bleibt zu hoffen, dass es mit Vincke und Verstuyft weitergeht. Mehr wie in den ersten beiden Filmen und hoffentlich vor 2025.

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Cover und Fotos: © Atlas Film GmbH

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