Knives Out

Film-Kritik von Jochen König (06.2020) / Titel-Motiv: © MRC II Distribution Company L.P.

Blitzeblank gewetzte Messer garantieren beste Unterhaltung

Von einer Agatha Christie-Renaissance in den Kinos zu sprechen, wäre ein wenig übertrieben. Aber Kenneth Branagh widmete dem Schnurrbart Hercule Poirots sein starbesetztes Remake von „Mord Im Orient-Express“ (2017) und wird das mächtige Nasengestrüpp auch 2020 (wenn Corona keinen Strich durch die Rechnung macht) mit dem „Tod auf dem Nil“ konfrontieren.

„Das krumme Haus“, ebenfalls aus dem Jahr 2017, war die Verfilmung eines Lieblingsstoffs von Agatha Christie und kam ohne Hercule Poirot oder Miss Marple aus. Unterhaltsames, altmodisches Kino mit großartigem Cast, das leider nicht für volle Kinokassen sorgte. Ähnlichkeiten zur mörderischen Familiengeschichte, mit einem ähnlich opulenten Schauplatz, besitzt Rian Johnsons „Knives Out“. Ein Originalstoff allerdings, den Johnson ohne Rücksicht aufs Einspielergebnis nehmen zu müssen, mit viel Lust, erfreulichen Genrekenntnissen und sarkastischen Spitzen zum Zeitgeschehen auf die Leinwand und ins Heimkino bringt.

Hilfreich dabei ist eine Besetzung, die sogar die erstklassigen Ensembles der oben genannten Filme in den Schatten stellt. Dazu später mehr.

Schein, Sein und ein (Selbst)mord

Bestsellerautor Harlan Thrombey feiert mit seiner Großfamilie, der Haushälterin und seiner jungen, hochgeschätzten Pflegerin Marta Cabrera, seinen fünfundachtzigsten Geburtstag im eigenen luxuriösen Herrschaftshaus. Auf seiner überdimensionierten Kaffeetasse prangt der Slogan: „My Home, my rules, my coffee“. Das lässt er seine Familie spüren.  Jeder der anwesenden Verwandten bekommt an diesem Abend eine gut gemeinte, aber existentiell bedrohliche Abfuhr mit auf den Weg. Der Beginn einer unruhigen Nacht, an deren Ende der Hausherr tot aufgefunden wird. Augenscheinlich hat er sich selbst die Kehle durchgeschnitten. 

Auftritt Benoit Blanc, Detektiv von ungeheurer Reputation

An die Selbstmordtheorie glaubt Benoit Blanc nicht, der Detektiv, den die beiden Polizeiermittler Lieutenant Elliott und Trooper Wagner nur allzu gerne in ihre Mitte nehmen. 

Engagiert von einem anonymen Klienten lässt er sich durchs Geschehen treiben, verhört auf eigenwillige Weisen sämtliche Beteiligte, verfolgt Spuren, die sich ihm meist wie zufällig offenbaren, und setzt Hinweise zusammen, die am Ende zu einer abenteuerlichen Theorie führen, die um Löcher in Löchern von Donuts kreisen. „Als Detektiv sind Sie echt keine Leuchte,“ rutscht es der jungen Marta heraus, die nicht nur von Blanc zu seinem Dr. Watson deklariert wurde, sondern der Dreh- und Angelpunkt der verwirrenden Geschichte ist. Blanc schätzt Marta auch wegen eines sehr eigenen Ticks: Sie leidet unter  „Regurgitation“, sobald in ihrer Umgebung gelogen wird, oder sie selbst lügt. Heißt, Marta muss sich übergeben. Harte Zeiten in einem Umfeld, in dem gelogen wird, dass sich die Balken biegen. 

Blanc ist selbstverständlich doch eine Leuchte, verwirrt aber seine Mitmenschen dadurch, dass zum Hercule Poirot-/Sherlock Holmes-Mix noch eine Portion staunender Columbo hinzukommt. Ganz im Gestus der Erstgenannten lässt er alle Beteiligten zum Finale geschlossen antreten, um Schuldige vorzuführen und Unschuldige zu schützen. Gelingt nicht ganz. Aber wir befinden uns auf einer Bühne, und die sorgt selbst für ausgleichende Gerechtigkeit.

Von Star Wars zum Murder Mystery 

Mit „Star Wars: Die letzten Jedi“ machte sich Regisseur Rian Johnson in der großen Star Wars-Fanbase kaum Freunde. Zu sehr verfolgte er eine eigene Vision des Star Wars-Universum, ließ den früher naiv-ambitionierten und hochaktiven Luke Skywalker zum lethargischen, sarkastischen Eremiten mutieren. Dies stieß auf wenig Gegenliebe und machte Johnson in einschlägigen Fankreisen annähernd so beliebt wie Jar Jar Binks (es gab sogar eine Petition, die die Löschung des Films aus dem Star Wars-Kanon forderte. 10 000 Stimmen waren schnell gesammelt. Die Extraktion blieb trotzdem aus).  Abgesehen davon, dass der Film weit besser ist als sein Ruf, ließ sich der Regisseur nicht aus der Bahn werfen, kehrte dem milliardenschweren Franchise den Rücken zu und widmete sich einem Juwel von ganz anderer Art.

Dass Johnson sich mit dem Krimigenre auskennt, hat er bereits mit „Brick“ bewiesen, der auf spielerische Weise Hardboiled- und High School-Film zusammenbringt, beide Bereiche ernst nimmt und geschickt mit deren Chiffren hantiert, die er genau zu benennen weiß. Dabei aber weder zur lupenreinen Parodie mutiert, noch es mit der offensichtlichen Zurschaustellung der eigenen Kenntnisse übertreibt. „Brick“ ist ein kluger Film, der zwar über sich selbst sehr deutlich referiert, aber gleichzeitig als spannender, unterhaltsamer Genrebeitrag funktioniert.   

Ähnlich verhält es sich mit „Knives Out“. Mit dem Unterschied, dass nicht mehr Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Ross McDonald Pate standen, sondern Arthur Conan Doyle, Agatha Christie und John Dickson Carr. Um nur ein paar Namen aus einer viel größeren Schar zu nennen.

Johnson geht in die Vollen, bedient die Klischees des Murder Mysteries mit Wonne, hat die üblichen Verdächtigen parat, die geradezu seziert werden, wartet mit Fallstricken und unglaublichen Wendungen auf. Bei „Knives Out“ hat der doppelte Boden einen weiteren Boden. Oder der Donut einen Donut im Innern des Loches des ersten Donuts. Oder so. Lasst Euch das von Benoit Blanc erklären.  

Doch „Knives Out“ badet nicht nur in Krimi-Nostalgie, er besitzt auch noch eine zeitgenössische Ebene. Die verlässt zwar den Rahmen der Grobkomik selten, ist aber dennoch wirkungsvoll. Fängt damit an, dass sich niemand merken kann, was Martha Cabreras Herkunftsland ist, und führt über Kommentare zur Flüchtlingskrise und Amerikas Umgang mit Migranten insgesamt, zum „kleinen, in der Toilette masturbierenden Nazi-Jungen“ und endet mit einem Schlussbild, das die Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf stellt. Ein klares „F… off“ an die USA in Zeiten Trumps. Aber nicht vergessen: Wir befinden uns im vorzüglichen Mainstreamkino, nicht in einer analytischen Arthouse-Polit-Satire.

Der große Besetzungscoup

„Knives Out“ ist elegant inszeniert, besitzt atmosphärische Bildgestaltung und einen stimmigen Soundtrack. Doch sein größtes Pfund ist das illustre, lustvoll aufspielende Ensemble. Beginnt bei LaKeith Stanfield und Noah Segan als Polizisten, die an der Seite des „großen“ Benoit Blanc fast zu amüsierten Zuschauern degradiert werden. Wobei sich Trooper Wagner (Segan) als beachtlicher Krimikenner erweist. Riki Lindhome, Partnerin von Kate Micucci bei Garfunkel und Oates (der alte Simpson Gag: Die Zweiten sind die Besten), bekommt leider zu wenig Screentime als Gattin des überforderten Harlan-Sohnes Walt, den Michael Shannon fast unkenntlich und mit Krückstock als Mark Hammill-Lookalike auf Zeitreise gibt. Toni Colette zeigt einmal mehr ihre Wandelbarkeit als aufgedrehte Bankrotteurin, den „masturbierenden Nazi-Jungen“-Sohn (Jaeden Martell aus „Es“ und „Es 2“ sowie der Serie „Masters Of Sex“) im Schlepptau. Ein Highlight besonderer Art bietet K Callan in der Rolle der Greatnana Wanetta. Niemand weiß wie alt die Frau ist, die im ganzen Film keine zwei Sätze spricht und dennoch die Szenerie in bester Buster Keaton-Manier beherrscht, dabei nicht unwesentlich zur Klärung des Falles beiträgt. 

Don Johnson karikiert sein Image als Womanizer aufs Trefflichste (der Mann ist eh eine Bank, die nie pleitegeht), steht als Pantoffelheld ganz im Schatten seiner Gattin, die von Jamie Lee Curtis, selbst in ihren bösartigsten Momenten, mit Würde, Verve und Grandezza gespielt wird. Im Positiven Werte, die auch auf Christopher Plummer als Harlan Thrombey zutreffen. Der Patriarch, der am Ende seines Lebens aufräumt und dann auf höchst sympathische Weise einen Fehler begeht, ist maßgeschneidert für den großen Mimen Plummer. 

Chris Evans löst sich lustvoll von seinem Marvel Alter Ego, dem All „Captain“ American Hero. Er spielt sichtlich gut gelaunt den schnöseligen, arroganten und sarkastischen Curtis/Johnson-Spross, den man allerdings nicht unterschätzen sollte. Obwohl ein eher verachtenswerter Charakter behält er, dank Chris Evans‘ jungenhaftem Charme, doch einige Sympathiepunkte.

Ein Dream-Team: Ana de Armas und Daniel Craig

Bleibt das dynamische Duo im Zentrum des häuslichen Hurrikans. Ana de Armas ist eine glaubwürdige Unschuld vom Lande, die von den Ereignissen fast überrollt wird. Doch niemand sollte den Fehler begehen, ihr freundliches Wesen als Naivität zu interpretieren. In den entscheidenden Momenten beweist Marta Cabreras entscheidende Stärke. Zudem harmonisiert sie kongenial mit Daniel Craig, der in der Rolle des so versponnen wie zielstrebigen Benoit Blanc aufblüht (nicht nur durch seinen Ausschlag am Hals) und den Agenten mit der Lizenz zu töten ohne Umschweife vergessen lässt.  „Knives Out“ hat das bessere Drehbuch als die letzten 007-Werke, insbesondere der langatmigen Modenschau „Spectre“ ist es meilenweit voraus, aber Craig weiß mit Genuss als Gentleman-Detektiv zu überzeugen. Vielleicht erlaubt sein Abschied aus dem James Bond-Universum eine weitere Begegnung mit Benoit Blanc. Das wäre fein.

Bleibt zu hoffen, dass erneute Zusammentreffen von Craig und Armas im neuen Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ ebenso vergnüglich verläuft wie die sich wunderbar ergänzende Kumpanei in „Knives Out“. Der bietet jedenfalls beste, intelligente Unterhaltung in seiner unverkrampften Mixtur aus Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung, Meta-Film und Genrebeitrag.

Und nun zu etwas ganz anderem: Die Extras

Die diversen Blu-ray-Varianten überzeugen außerdem mit einem reichen Fundus an Extras: Audiokommentar mit Rian Johnson (Regie/Drehbuch), Steve Yedlin (Kamera) und Noah Segan (Schauspieler), Kino-Kommentar von Rian Johnson (Regie/Drehbuch), Making a Murder (Multi-Part Documentary), Deleted Scenes, Rian Johnson: Planning the Perfect Murder, Director and Cast Q&A, Meet the Thrombeys (Viral Ads), Ode to the Murder Mystery (Trailer)

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Cover und Fotos: © LEONINE Distribution GmbH / MRC II Distribution Company L.P.

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Knives Out

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