Hölle auf Erden von Steve Mosby

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel I know who did it, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Droemer.

  • London: Orion, 2015 unter dem Titel I know who did it. 432 Seiten.
  • München: Droemer, 2017. Übersetzt von Ulrike Clewing. ISBN: 978-3-426-30557-7. 432 Seiten.

'Hölle auf Erden' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Nach eigener Auskunft ist Charlotte Matheson gestorben und in der Hölle gelandet, bis der Teufel sie entließ. Die Polizei geht von einer Gruppe weltlicher sowie irrer Fanatiker aus, die aus ihrer Sicht »böse« Menschen entführt und foltert ... – Parallel dazu erzählt Autor Mosby die Geschichte eines psychisch aus der Bahn geworfenen Polizisten, wobei die beiden Handlungsstränge final zusammenfinden. Spektakuläre Effekte sind wichtiger als Logik, und die Figuren neigen zu dramatischer Labilität; primär routiniert bringt Mosby sein krudes Garn über die Runden: Thriller-Futter.

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Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Vor zwei Jahren starb Charlotte Matheson bei einem Autounfall. Nun taucht sie wieder auf – lebendig, aber desorientiert und mit den Narben schwerer Schnittverletzungen im Gesicht. In der Hölle sei sie gelandet, teilt sie der Polizei mit, wo man sie ordentlich gepiesackt habe, bis der Teufel sie mit einem Auftrag zurück auf die Erde schickte: Matheson soll dem ehemaligen Polizisten John Mercer eine Nachricht übermitteln.

Doch der Teufel hat Pech: Matheson ist nach jahrelanger Folter so verwirrt, dass sie ihre Botschaft nur verstümmelt übermitteln kann; niemand versteht sie, erst recht nicht Mercer, der nach einem Nervenzusammenbruch vor Jahren den aktiven Dienst verlassen musste: Der »50/50«-Killer hatte ihn in den Wahnsinn getrieben.

Zwar ist der Killer tot, doch seine Identität konnte nie geklärt werden, weshalb die Polizei alarmiert ist, als an den Schauplätzen neuer Verbrechen Spuren zurückbleiben, die auf die Taten eines Mörders hinweisen, der den »50/50«-Killer gekannt haben muss. Auch Detective David Groves hegt diesen Verdacht. Seit vor Jahren sein zweijähriger Sohn entführt und ermordet wurde, sucht er fieberhaft nach den Tätern. Nun finden Männer und Frauen, die offenbar einem nie aufgedeckten Kreis von Kinderschändern angehörten, grausame Tode. Weil der psychisch labile Groves den Kollegen nicht alles mitteilte, was seine Ermittlungen ergaben, stellt sich diesen die Frage, ob sich womöglich Groves an den Mördern seines Sohnes rächt.

Die Suche nach dem »Teufel«, hinter dem die Polizei einen religiösen Fanatiker und seine ihm ergebenen Helfer vermutet, geht parallel dazu weiter. John Mercer wird aus dem Ruhestand geholt. Obwohl er gesundheitlich stark angeschlagen ist, ist sein Spürsinn ungetrübt, weshalb es Mercer ist, der herausfindet, dass zwischen allen aktuellen Mordfällen ein bizarrer Zusammenhang besteht &

Die Wahrscheinlichkeit im Würgegriff der Hochspannung

Man muss sich den Arbeitsalltag von Autoren, die sich auf »sensationelle« Thriller spezialisiert haben, besonders anstrengend vorstellen. Sie wollen nicht »nur« eine Handlung ersinnen, die spannend und wendungsreich, sondern darüber hinaus schockierend, überraschend und schneller twistend als ein Hund ist, der seinen eigenen Schwanz jagt – sie müssen ihn tatsächlich erwischen.

Deshalb ist es kein Wunder, dass den meisten Autoren, die diesen Weg eingeschlagen haben, nach einigen dieser Thriller die Luft ausgeht. Schmal ist der Grat zwischen Hochspannung und Übertreibung, und wer stürzt, fällt tief und schlägt hart auf: Das nach immer neuen Sensationen süchtige Publikum wendet sich enttäuscht ab und der nächsten Sau = dem nächsten Verfasser zu, die bzw. der von der Werbung durch das lesende Dorf getrieben wird.

Steve Mosby gehört zu jenen, die auf besagtem Grat ins Schwanken geraten sind. Mit »Der 50/50«-Killer hat er sein Publikum aufhorchen lassen, doch dabei die Latte so hoch aufgelegt, dass ihm der Sprung darüber zunehmend schwieriger fällt. Nicht grundlos kehrt Mosby deshalb in die Welt des 50/50-Killers zurück. Der ist zwar tot, kann aber auch nachträglich einem Gespinst munkelgrauer Verschwörungen und Geheimgruppen zugeschlagen werden, die sogar noch irrer = für den Leser interessanter sind als besagter Killer.

Mysteriöse Bösewichte oder arme Irre?

Allerdings geht diese Rechnung nur bedingt auf. Was sich Mosby als Plot ausdenkt, wirkt bei näherer Betrachtung erschreckend logikschwach. Selbst nach den in dieser Hinsicht nicht sehr stark ausgeprägten Vorgaben des Spannungsthrillers wollen sich die Handlungselemente nur deshalb zu einer Gesamtstory fügen, weil Mosby sie dazu zwingt. Es funktioniert, wenn sich der Leser zurücklehnt und einfach konsumiert, was der Verfasser ihm (oder ihr) vorsetzt.

In »Hölle auf Erden« erweist sich der Wink mit dem 50/50-Killer, der dem Leser wie die Möhre dem lastenschleppenden Esel vor die Nase gehalten wird, als Augenwischerei. Falls Verbindungen zwischen dem Killer und dem »Teufel« bestehen, lässt sie Mosby unerwähnt: Offensichtlich denkt er an die Zukunft und deutet eine kriminelle Super-Verschwörung mit Sekten-Hintergrund an, die er in weiteren Thrillern nutzen und ausführen kann.

Hoffentlich fallen ihm dann überzeugendere Schurken als der »Teufel« und seine Handlanger ein. Sie sollen ebenso wahnsinnig wie genial wirken, um die Leser in Angst und Schrecken zu versetzen. Stattdessen fragt man sich, wie solche Wirrköpfe ein ohnehin umständliches Verbrechen überhaupt realisieren konnten. Nicht nur die Polizei, sondern auch der Rest der Welt muss mit Blind- und Blödheit geschlagen sein, um zu übersehen, was sich an einem Ort abspielt, der nicht nur wie die Kulisse für einen Horrorfilm aussieht. Zwar darf man die Realität nicht unterschätzen, unerhörte Scheußlichkeiten haben sich nachweislich in direkter Nachbarschaft ahnungsloser (oder gleichgültiger) Mitmenschen ereignet. Nichtsdestotrotz ist sind die von Mosby geschilderten Teufeleien gar zu übertrieben.

Polizisten mit Problemen

Dem einen ist die Geliebte im Meer versunken, die neue Gefährtin argwöhnt, nur eine Lückenbüßerin zu sein; dem anderen wurde der Sohn entführt und umgebracht, woraufhin die Ehe zerbrach, und der letzte hatte sich so in einen Fall hineingesteigert, dass ihn seine Nerven im Stich ließen: Thriller wie »Hölle auf Erden« werden mit Ermittlern bevölkert, denen das Schicksal heftige Kopfnüsse verpasst hat. Auch in diesem Punkt geht Mosby lieber auf Nummer Sicher und flutet sein Figurenpersonal mit negativen Erfahrungen, die seitenstark beschrieben werden.

In der richtigen Dosierung sorgen solche Schwächen für den gewünschten Effekt: Das »Gute« kämpft quasi mit einem auf den Rücken gebundenen Arm bzw. wird durch private Probleme abgelenkt. Gleichzeitig sollen Konflikte die beschriebenen Figuren »menschlicher« wirken lassen. Nachweislich gibt es Leser/innen, denen solches Beiwerk mindestens ebenso wichtig ist wie der eigentliche Plot. Selbst sie müssten freilich merken, dass es Mosby schon wieder übertreibt, bis der Effekt ins Gegenteil – Augenrollen und Verdruss – umschlägt.

Das ist schade, denn jenseits der Stolpersteine, die Mosby legt, wartet eine solide Geschichte. Dass die Ereignisse sich auf zwei Zeitebenen abspielen, weiß der Verfasser geschickt und erstaunlich lange verborgen zu halten. Der daraus resultierende Twist dürfte dem Genre-Kenner übrigens nicht unbekannt sein. So hat ihn Regisseur und Drehbuchautor George Sluizer (1932-2014) gleich zweimal in einen Film verwandelt (»Spoorloos«, 1988, dt. »Spurlos verschwunden« bzw. »The Vanishing«, 1993, dt. »Spurlos«). Das lässt sich verschmerzen, gipfelt aber in einem Höhepunkt – dem Showdown in der »Hölle« -, der abermals nur halbgar wirkt , weil Mosby auf Effekte schielt, statt diese einer stringenten Auflösung unterzuordnen: Schon wieder erzeugt ein Thriller vor allem (von der Werbung verstärkten) Donner, während der auslösende Blitz recht kraftlos bleibt.

Michael Drewniok, April 2018

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Krimisofa.com zu »Steve Mosby: Hölle auf Erden« 15.06.2017
Manchmal würde man gerne in den Kopf eines anderen schauen, um zu sehen, was die Person denkt, fühlt oder empfindet, um ihn besser zu kennen - manchmal können hier allerdings Dinge zutage treten, die wir lieber nicht gewusst hätten, weil dann das Bild, das man von jemandem zuvor hatte, bröckelt. Man fände zum Beispiel heraus, dass der selbstbewusste Freund in seinem inneren Selbstzweifel hat, oder die beste Freundin gar nicht so viel von uns hält, wie sie uns glauben macht. In „Hölle auf Erden“ von Steve Mosby geht es unter anderem um diese Thematik.

In der Rezension zum „50/50-Killer“ habe ich geschrieben, dass ich es schade finde, dass Steve Mosby nicht auf Bücherserien steht, weil mir eben dieses Buch sehr gut gefallen hat. „Der 50/50-Killer“ erschien zum ersten Mal vor mittlerweile zehn Jahren – und „Hölle auf Erden“ ist tatsächlich der Nachfolger, in dem in der Zwischenzeit einiges geschehen ist, wenngleich im Buch lediglich eineinhalb Jahre statt zehn vergangen sind. Zum Beispiel wurde John Mercer, der damalige Chef von Mark Nelson, der in beiden Teilen der Hauptcharakter ist, in Pension geschickt; das verbliebene Team ist in ein hochmodernes Gebäude übersiedelt; Mark Nelson hat eine neue Freundin und ist drauf und dran, sie zu ehelichen – doch der aktuelle Fall wirft ihn zurück in die Vergangenheit.

Denn die totgeglaubte Charlie Matheson taucht plötzlich auf und redet wirres Zeug über Himmel, Hölle und Teufel - der 50/50-Killer trug bei seinen Taten stets eine Teufelsmaske, aber dass die zwei Fälle zusammenhängen, ist unmöglich, denn der Killer ist tot. Aber nicht nur das rührt etwas in Mark um, sondern auch die Tatsache, dass Charlie Matheson offensichtlich von den Toten aufersteht; das lässt ihn dieser Tage vermehrt an Lisel denken, die er vor Jahren beim Schwimmen im Meer verlor. An dieser Stelle habe ich mich gefragt, ob es eine Art Schocktherapie ist, dass Mark jetzt mit einer Polizistin zusammen ist - bekanntlich ist das ja nicht der lebensungefährlichste Job der Welt.

In einem zweiten Erzählstrang lernen wir David Groves kennen. Er ist ebenfalls Polizist und seit dem Tod seines Sohnes ziemlich gottesfürchtig. Er erhält jedes Jahr zu dessen Geburtstag diverse Grußkarten für seinen Sohn Jamie. Später sogar ein Handy, auf dem er Anrufe für sich bekommt. in denen es ebenfalls um Jamie geht. Grund genug für ihn, sich auf die Suche nach dem Anrufer zu machen.

Was ich an Steve Mosby faszinierend finde, ist sein Schreibstil, der gefühlvoll und ergreifend, aber auch innerhalb der Geschichte sehr respektvoll ist; da herrscht kein Hass, keine Zwietracht, da werden keine Intrigen gesponnen, nicht mal ein Wort des Fluches wird ausgesprochen. Ein Wort des Fluches habe ich allerdings ausgesprochen, nämlich als gegen Ende ein Plot-Twist kam, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet habe. Mosby hat die Geschichte so raffiniert aufgebaut, dass man mit einer solchen Auflösung nicht rechnet –alle Fragen werden am Ende allerdings nicht beantwortet, was schade ist (mehr dazu demnächst in einem [SPOILER]-Beitrag). Mosby verwässert sehr gut die Dialoge, die nicht immer aus erster Hand von statten gehen, dazwischen erzählt zum Beispiel der Ich-Erzähler Mark dem Leser, was er von Person X gerade erzählt bekommen hat, um einen Absatz später Person X wieder selbst mit Mark sprechen zu lassen; das hat mir ausnehmend gut gefallen. Die Geschichte ist in sechs Teilen untergliedert, die Kapitel sind meistens mit dem Namen des Protagonisten und einem Untertitel gekennzeichnet.

Mosby gibt der Handlung die Zeit, die sie benötigt, auch wenn er sich manchmal beim Beschreiben diverser Orte etwas verliert. Manche Charaktere, die nur eine Nebenrolle spielen, führt er nur unzureichend ein. Wenn der Name später nochmal fiel, bin ich oft minutenlang dagesessen und hab mir gedacht „Wer war das nochmal?“. Leichter wäre es gewesen, wenn Mosby der Person eine Funktion gegeben hätte - sowas wie „Sepp, der Bauer, den ich gestern traf“ oder so in der Art. Ebenfalls nicht ganz klar ist, wie die Zeit in den Ermittlungen voranschreitet. Anfangs dachte ich, dass jeder Teil für einen Tag steht, aber plötzlich ist die Rede von „Vor Wochen fiel mir auf, dass sich Person X veränderte“ (fiktives Zitat), wo ich mir dann dachte „Wie, vor Wochen? Ich dachte, gestern?!“ - also ganz klar ist der Zeitablauf nicht. Was mir ebenfalls aufgefallen ist, ist, dass Mark anfangs von seinem Chef gesiezt wird, später aber geduzt, ohne dass es einen Anlass für einen Wechsel der Beziehung zwischen den zweien gegeben hätte; ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der Fehler (falls es einer ist) Mosby oder der Übersetzerin Ulrike Clewing anzulasten ist.

Fazit: „Hölle auf Erden“ ist ein ergreifender Thriller, der an unser moralisches Gewissen appelliert (den Grund habe ich oben bewusst weggelassen, weil es möglicherweise einen zu großen Spoiler enthalten hätte) und dem Mosby eine angemessene Zeit gibt, um sich richtig zu entfalten. Da nicht alle Fragen beantwortet werden, darf man auf eine zweite Fortsetzung hoffen – hoffentlich lässt uns Mosby darauf nicht wieder zehn Jahre warten. Mehr Rezensionen gibt's auf Krimisofa.com
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