Finale von Steen Langstrup

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Alt det hun ville ønske hun ikke forstod , deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.

  • Frederiksberg: 2 Feet, 2011 unter dem Titel Alt det hun ville ønske hun ikke forstod . 240 Seiten.
  • München: Heyne, 2018. Übersetzt von Wolfgang Thon. ISBN: 978-3-453-43894-1. 240 Seiten.

'Finale' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Dänemark. Dunkle Nacht, verlassene Straßen. Fast jeder sieht das Fußball-WM-Finale. Auch an einer neonerleuchteten Autobahntankstelle ist nicht viel los. Die zwei attraktiven Frauen Agnes und Belinda, die dort arbeiten, schlagen die Zeit tot. Plötzlich streicht Scheinwerferlichter durch die Dunkelheit. Zwei Männer betreten die Tankstelle. Sie sind freundlich und zuvorkommend. Aber auch irgendwie seltsam. Beängstigend seltsam. Und sie fangen mit den zwei Frauen ein Spiel an, wie es grausamer nicht sein könnte. Es beginnt eine Nacht des Entsetzens …gnadenlos …bis zum bitteren Finale!

Das meint Krimi-Couch.de: Snuff-Szenario jenseits der Schmerzgrenze 30°

Krimi-Rezension von Kirsten Kohlbrei

Irgendwo in Dänemark beginnt an einer Tankstelle am Rande einer Schnellstraße für Agnes und Belinda die Nachtschicht. Es verspricht ein ruhiger Abend für die jungen Frauen zu werden, denn Dänemark spielt im WM-Finale und es herrscht kaum Verkehr. Große Sympathie zwischen den Kolleginnen gibt es nicht, vielleicht liegt das an ihrem sozialen Background: sie »entstammen zwei unterschiedlichen Welten, zwei unterschiedlichen Kulturen, auch wenn sie beide in Dänemark geboren wurden und dänische Eltern haben.«

Agnes studiert Anthropologie und schreibt gerade an ihrer Magisterarbeit über Buschmänner in Botswana. Ihr Freund Benjamin ist Arzt und hofft auf eine Stelle am Staatskrankenhaus. Belinda ist erst 21, sonnenstudiogebräunt mit blondiertem Haar. Sie ist mit Christoffer zusammen, der sich wegen der »Abklatschfilme« auf seinem Handy eine Bewährungsstrafe eingehandelt hat.

Der Abend startet wie erwartet geruhsam. Agnes nutzt die Zeit und arbeitet am Laptop, Belinda simst und kümmert sich vor Langeweile um das Auffüllen der Regale im Tankstellenshop. Doch dann wird diese Ruhe durch bedrohlich wirkende Ereignisse schleichend untergraben.

Unheimliche Zwischenfälle an der einsamen Tankstelle

Als erstes fällt Belinda die Luftpumpe auf, die auf merkwürdige Weise plötzlich zwischen den Zapfsäulen steht, obwohl sie eigentlich niemand benutzt haben kann.

Kurz darauf verunsichern zwei junge Kunden die beiden. Der eine filmt Agnes ohne Zustimmung mit seiner neuen Kamera und Belinda meint auf der Rückbank des Autos dieser »Psychos« eine gefesselte Frau entdeckt, zu haben. Als der BMW kurze Zeit später erneut auftaucht, befürchten die Frauen sogar einen Überfall.

Aber letztlich vermisst nur einer der Männer seine Kreditkarte und auch die Gefangene gibt es nicht wirklich, bzw. entlarvt sich als Liebespuppe, ein Geschenk für einen Kumpel. Die zunächst grenzenlose Erleichterung der Mitarbeiterinnen hält jedoch nicht lange an.

Die wiederholt verstellte Luftpumpe auf dem verwaisten Tankstellengelände bleibt weiter ungeklärt und Belinda fühlt sich beobachtet. Und dann entdecken sie plötzlich, wie von Geisterhand in roter Farbe an die Wand der Waschanlage die Worte »Heute Nacht werdet ihr sterben!« geschrieben.

Die Beklemmung der Frauen schlägt in Panik um. Die Situation wird noch verwirrender, als Christoffer in diesem Moment überraschend auftaucht. Während sie nach Erklärungen und Auswegen suchen, fährt ein Wagen auf die Tankstelle und hält außerhalb ihres Sichtfelds auf der Rückseite des Gebäudes. Agnes gelingt es noch Benjamin anzurufen und bittet ihn, vorbeizukommen. Dann können Belinda und sie »beide das unverkennbare Geräusch einer Autotür hören, die hinter der Tankstelle geöffnet wird.« Der Auftakt zu einer Nacht des Grauens.

Debüt eines dänischen Horrorautors

Steen Langstrup ist ein in Dänemark seit Jahren bekannter Horrorautor, den der Heyne-Verlag jetzt mit »Finale« als deutscher Erstveröffentlichung auf den Markt bringt. Mit angefügt sind noch zwei Bonus-Storys, so dass der eigentliche Text keine 200 Seiten umfasst.

Die dänische Erstausgabe erschien schon 2011 und wurde dort als »Best Horror Novel of the Year« ausgezeichnet». Eine Verfilmung ist für dieses Jahr angekündigt. An Vorschusslorbeeren mangelt es also wahrlich nicht.

Langstrup gliedert seine Geschichte in kurze Kapitel, die zumindest im deutschen Layout mit einem prägnanten Zitat aus dem jeweiligen Abschnitt überschrieben werden. Zum Einstieg beschreibt er die Situation eines, in einem kellerartigen Raum gefangenen Paares.

Dann kombiniert er geschickt Darstellungen dieser Gefangenschaft mit ausführlicheren Rückblenden, die erklären, wie es zu dieser Zwangslage gekommen ist. In ihnen werden die Protagonisten der Erzählung näher vorgestellt und die bisherigen Ereignisse geschildert.

Im letzten Teil des Buches laufen die Erzählstränge dann zusammen und die Handlung spielt ausschließlich in der Gegenwart. Durch die einfließenden Erklärungen wird bald deutlich, dass es sich bei den Gefangenen um Agnes und Benjamin handelt und zudem auch Belinda festgehalten wird. Dem Leser ist somit von Beginn an klar, dass die Nachtschicht für die Schicksalsgemeinschaft der beiden Tankstellen-Mitarbeiterinnen in keinem Fall glimpflich verlaufen wird.

Sie werden sich vielmehr in einer Hölle auf Erden wiederfinden, in der sie die Hauptdarsteller eines Live-Snuff-Schauspiels sind. Die übrige Besetzung erfolgt mit einem Horrorclown als Peiniger und schwerreichen Gaffern, die auf einen Emotionskick gieren, als Publikum dabei relativ stereotyp. Auch eine charakterliche Veränderung, die Agnes und Belinda in Folge ihrer Pein durchleben, ist klischeehaft und wird nur angerissen.

Grausames und menschenverachtendes Schauspiel

Die Abscheulichkeiten seines Kabinettstücks der Perversion beschreibt der Autor dagegen in grausamen Details aufs Genaueste. Den sadistischen Methoden ihrer Folterknechte hilflos ausgeliefert müssen die jungen Leute grenzenlose Qualen und Schmerzen ertragen, bis sich in einem blutigen Showdown Opfer- und Täterrolle verschieben. Doch das ist dann noch nicht das Ende. Das Finale sieht anders aus.

Der deutsche Titel «Finale» bezieht sich zum einen auf das Ende der Schreckensnacht, zum anderen auf das am Abend stattfindende Endspiel mit dänischer Beteiligung. Näheres dazu erfährt man nicht, eine Fußball-WM kann es eigentlich nicht sein, denn da stand Dänemark nie in einem Finale.

Das ganze Geschehen mit den menschenleeren Straßen hat von Anfang an etwas unwirkliches, gespenstisches und Langstrup gelingt es auch im weiteren Verlauf der Geschichte, eine Atmosphäre der Spannung und des Unbehagens zu erzeugen.

Er liefert mit seinem Thriller Horrorliteratur pur. Gemäß Definition lotet das Genre die Grenzen menschlichen Handelns und Erlebens aus. Die Abgründe der Seele werden erkundet. In der Theorie fällt dann oft das Wort Katharsis, d.h. durch die Konfrontation mit seinen Gefühlen soll der Leser eine psychische Reinigung erleben.

Blut statt Benzin, Schmerz statt Sprit

Inwieweit das bei einem Splattertext wie diesem funktionieren kann, erschließt sich mir beim Lesen allerdings nicht. Splatter, das ist eine Kategorie des Horrors, bei der die Darstellung von exzessiver Gewalt und Blut an erster Stelle steht.

Bleiben wir mit «panta rhei", alles fließt, in der griechischen Terminologie.

Bei Langstrup fließt nach Benzin an der Zapfsäule vor allem Blut, viel Blut, literweise.

Seine verbale Bebilderung der Torturen, die Agnes und Belinda erleiden müssen, sind nur schwer zu ertragen. Wobei sie eher einem Unterhaltungseffekt geschuldet erscheinen, als dem Verständnis der menschlichen Gefühlswelt. Man wird zum Voyeur einer menschenverachtenden Brutalität und damit Teil des Snuffpublikums. Und diese Rolle möchte ich als Leser definitiv nicht übernehmen.

Lieb Die Liebhaber von Horror und Splatter mögen für sich entscheiden, ob der Debütant aus Dänemark ihren persönlichen Anforderungen entspricht. Für alle anderen, insbesondere die zart besaitete Leserschaft gilt Vorsicht oder lieber gleich: Finger weg.

Kirsten Kohlbrei, September 2018

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Krimisofa.com zu »Steen Langstrup: Finale« 05.06.2018
Kennt ihr Steen Langstrup? Vermutlich nicht, vermutlich kennen ihn im deutschsprachigen Raum nur Dänemark-Experten. Steen Langstrup ist Horror-Autor, und „Finale“ kam in Dänemark bereits 2011 heraus, sieben Jahre später sollen dem Buch mit einer Verfilmung Bilder verliehen werden. Aber nach lesen des Buches will ich nicht wissen, wie das Ganze bebildert aussieht, die Bilder in meinem Kopf haben mir genügt. Eines steht nämlich fest: „Finale“ ist nichts für schwache Nerven.

Agnes ist Studentin der Anthropologie, ihre Magisterarbeit widmet sie den Buschmännern in Botswana. Ihr Freund Benjamin ist Arzt und hofft auf eine Stelle im Staatskrankenhaus. Man merkt, dass Agnes gebildet ist und vermutlich aus einer höheren Gesellschaftsschicht kommt, oder zumindest vor hat, mit Benjamin dort anzukommen. Wenn er den Job bekommt, müsste sie nicht mehr in der Tankstelle arbeiten und sich nicht mehr mit Leuten wie der Tussi Belinda abgeben. Am Ende des Tages wird sie jedoch andere Sorgen haben.

Belinda ist eine andere Kategorie, sie ist Anfang 20 und steht auf Jackass-Humor, dem Agnes gar nichts abgewinnen kann, weshalb Belinda Agnes langweilig findet. Das sagt sie ihr nicht, denkt es aber. Ihre Mutter macht Belinda gerade die Hölle heiß, weil sie ihr droht, sie hinauszuwerfen, wenn sie ihren Freund Christoffer nicht in den Wind schießt. Sie versteht die Welt nicht mehr, so schlimm ist Christoffer doch gar nicht - okay, er ist vorbestraft, aber er hat bei dem Verbrechen gar nichts getan, außer seine Clique dabei gefilmt.

Das sind die zwei Hauptcharaktere in „Finale“, recht viel mehr Charaktere gibt es in dem Buch auch nicht - und selbst die zwei sind jetzt nicht das Allerwichtigste. Im Vordergrund steht die Atmosphäre, die Spannung, der Grusel. Denn davon gibt es massenhaft. Es ist nicht schwer, in die Geschichte hineinzukommen; man wird hineingeworfen und kommt dann nicht mehr raus, will auch gar nicht, man liest sich durch die sehr kurzen Kapitel und plötzlich hat man das Buch ausgelesen. Gleich zu Beginn findet extremes Foreshadowing statt - wenn man es dem Klappentext nicht entnommen hätte, man wüsste innerhalb weniger Seiten, dass etwas passieren wird.

Aber es dauert seine Zeit, Langstrup baut die Geschichte geschickt auf, setzt zunächst auf Grusel mit Luftpumpen, um dem Leser danach aber mal so richtig die Fresse zu polieren. Denn es wird brutal, verdammt brutal und blutig. So blutig, dass die Seiten fast nach Metall riechen. Auch wenn am Cover „Thriller" steht, ist es viel zu brutal für dieses Genre. Aber es gibt auch abgesehen von der Brutalität einiges zum Nachdenken, Langstrup setzt nicht nur auf Snuff, vor allem das Ende wird einige ratlos zurücklassen.  So wie der Originaltitel, der übersetzt „Alles, was sie wollte, verstand sie nicht" - darüber lässt sich schon nachdenken.

Neben dem Haupterzählstrang gibt es noch einen zweiten, beide Münden später in einen, ohne dass man es merkt - auch hier erkennt man das Genie von Langstrup, denn so nahtlos habe ich das noch nicht erlebt. Bei dem Finale, das im offiziellen Klappentext erwähnt wird und am Rande der Handlung stattfindet, erfährt man übrigens nie, um welches Finale es sich handelt - Fußball liegt zwar nahe, in dem Buch kommt aber kein einziges Mal das Wort „Fußball“ vor; genau so verhält es sich beim Wort „Weltmeisterschaft“.  Zugegeben, der Plot ist nicht der anspruchsvollste und die Charaktere nicht die tiefgründigsten, aber beides ist auch eher sekundär. „Finale" macht definitiv Spaß, wenn man das nötige Rüstzeug mitbringt.

Tl;dr: „Finale" von Steen Langstrup ist gruselig und entwickelt sich später zum Snuff in Textform. Es ist brutal, gnadenlos und nichts für schwache Nerven, macht aber dennoch Spaß wenn man auf Bücher solcher Art steht. Langstrup jagt den Leser mit seinem Schreibstil durchs ohnehin dünne Buch, dessen Ende etwas abrupt kommt.
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